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Park von Clos Lucé : Dem Mythos Leonardo ganz nah

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Nebel wabert aus dem Teich empor, umhüllt eine mystische Szenerie in vielen Grün-Facetten. Leonardos berühmte Maltechnik des Sfumato, des die Konturen verschwimmenden Weichzeichnens – hier ist sie lebendige, dreidimensionale Realität. Die Natur und vor allem die Botanik, deren Komplexität und Phänomene da Vinci zutiefst bewunderte und über die er befand „Es ist alles da“, war die Quelle seiner Inspiration.

Flugmaschine, Schaufelradboot und Co.

Weiter geht es auf schmalen gewundenen Pfaden, entlang eines Gewässers, gerahmt von Sumpfzypressen und romantisch überhängenden Trauerweiden, vorbei an kleinen Wasserfällen und Kaskaden. Doch neben vielen Pflanzen und Gehölzen sind die weiteren Attraktionen in diesem Park die legendären Erfindungen des Ingenieurs da Vinci, allerdings vom Meister nie realisiert. Anhand seiner Skizzen sind hier nun 20 Modelle real im kleineren Format nachgebaut – teils beweglich, Anfassen und Betätigen sind ausdrücklich erlaubt. Über das Gewässer führt eine Eichenbrücke, mit sogenanntem doppelten Joch, da Vinci‘ Entwurf. Weithin sichtbar schon vom Eingang ist der in grünem Rasen ruhende Helikopter, die visionäre Flugmaschine, die aber nach Ansicht heutiger Experten nie fliegen könnte.

Anfassen und Betätigen ausdrücklich erlaubt: Eichenbrücke übers Gewässer.
Anfassen und Betätigen ausdrücklich erlaubt: Eichenbrücke übers Gewässer. : Bild: LEONARD DE SERRES/ ONLYFRANCE.FR

Man bewundert Erfindungen wie das Schaufelradboot, die Archimedische Schraube, eine Wasserschöpfmaschine, und spaziert ehrfürchtig über die nachgebaute Bosporus-Brücke aus Eiche, aber en miniature. Das innovative Bauwerk mit einer Spannweite von 360 Metern zeichnete da Vinci 1502 für den Sultan von Konstantinopel. Immer wieder entdeckt man in Bäumen hängende transluzide Leinwände, auf denen Zeichnungen und Gemälde gezeigt werden, mal eine Anatomiestudie im Schatten dreier Platanen, tief im Unterholz neben einer Kaskade lächeln madonnenhafte Gesichter zwischen dem Laub alter Linden hervor.

Bitte nicht erschrecken, wenn der Meister höchstselbst plötzlich ertönt, an acht Hörsäulen kann man einigen seiner Gedanken lauschen (Sprecher ist Jean Piat, Ehrenmitglied der Académie Française). Und damit sich auch naturentwöhnte Digital Natives für den vor 500 Jahren verstorbenen Künstler, der von der Zukunft träumte, interessieren, gibt es mitten im Park eine Multimedia-Halle samt überwältigender Bilderschau.

Eine Mischung aus Natur, Technik und Kunst

Der Park von Clos de Lucé ist ein Vergnügungspark, weit entfernt von oberflächlicher Disney-Attitüde. Ein Open-Air-Ort, in dem die Vielseitigkeit da Vincis spielerisch, amüsant, lustvoll, sinnlich zum Anfassen und Ausprobieren, erfahrbar ist. Hier gelang eine überzeugende Mischung aus Natur, Technik und Kunst. Ebenso sehenswert wie der Park ist das Innere des Schlosses, es atmet geschichtsträchtige Historie mit jedem bleiverglasten Fenster, Holzbalken, Ziegelstein, Interieur.

Da sind da Vincis Schlafgemach, seine rekonstruierten Ateliers, seine persönliche Bibliothek samt Manuskripten und Herbarien zu bewundern. In der Küche kreierte Leibköchin Mathurine dem Künstler, der Vegetarier war, vermutlich viele Gerichte mit Gemüse, getreu seinem Rat: „Iss nicht ohne Appetit und nimm gut und einfach Gekochtes zu dir!“ Der große Renaissancesaal ist im Stil der Zeit möbliert, hier empfing der Künstler illustre Besucher und seinen Gönner, Franz I. Den konnte er übrigens ungestört im Schloss Amboise besuchen, beide Gebäude waren durch einen geheimnisumwitterten unterirdischen Gang verbunden.

„Dank dem Einfluss der Gestirne überschüttet die Natur die Sterblichen oft mit den reichsten Gaben; doch manchmal sehen wir in einem einzigen Menschen Schönheit und Talent und hohe Fähigkeiten in dermaßen... schier übernatürlicher Fülle vereint, dass er auf jedem Gebiet... Außerordentliches leistet und alle anderen weit übertrifft...so dass seine Werke ...einer unmittelbaren göttlichen Eingebung zu entspringen scheinen.“ Die Hymne auf seinen Landsmann da Vinci schrieb der „Vater der Kunstgeschichte“ Giorgio Vasari (1511 – 1574) wenige Jahrzehnte nach Leonardos Tod. Im 21. Jahrhundert ist da Vinci zu einem Mythos geworden, so fragmentarisch und unergründbar wie seine Person. Im Schloss und Park an der Loire lässt sich davon ein Hauch erschnuppern.

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