https://www.faz.net/-gz7-90ogl

Naturstein : Ein Garten voller Schwergewichte

  • -Aktualisiert am

Nahtlos fügen sich die Steine in den Garten von Peter Berg ein. Bild: Jürgen Becker

Naturstein ist in der Gartengestaltung beliebt. Ein Fachmann aber treibt das Spiel mit Felsen und Findlingen auf seinem Hanggrundstück am Rhein auf die Spitze. Und dann heißt der Mann auch noch Berg.

          Wo Stein dominiert, haben es die Pflanzen schwer. In den Bergen sprießen kleine Gewächse, zum Beispiel der Gletscher-Hahnenfuß, auf kargem Untergrund. Auf Kiesbänken schaffen es meist nur die Zähesten, Wurzeln zu schlagen. Wo sich Stein eher in die Landschaft einfügt, als sie zu bestimmen, sieht es anders aus. In Wäldern verschwinden Felsen zwischen Gehölzen, setzen Flechten an und beherbergen Farne in ihren Ritzen. Findlinge wiederum bilden Landmarken, seit Urzeiten unverrückbare Kennzeichen.

          Landschaften sind ohne Stein nicht zu denken. Felsen stellen das Beständige dar neben den vergänglichen Pflanzen. Das Zusammenspiel ist reizvoll. Gräser wehen neben Gesteinsbrocken, Moosteppiche überziehen Felswände, Leimkraut und Fetthennen wachsen auf Klippen. Solche Bilder lassen sich, in abgewandelter Form, auch in den Garten holen.

          Schon immer haben sich Gärtner Stein zunutze gemacht: als Mauer, als Wegbefestigung, als Beetbegrenzung. Treppen, Brunnen, Felsen waren Bestandteile der Renaissancegärten, Grotten und Ruinen wichtige Elemente im englischen Landschaftsgarten. Steingärten kamen im 19. Jahrhundert auf, sie sollten alpinen Gewächsen, die ins Flachland geholt worden waren, Lebensraum bieten. Doch auch spektakuläre Felsengärten entstanden, erschaffen zum Beispiel von Joseph Paxton in Chatsworth, einem Anwesen in Derbyshire. In Henley-on-Thames ließ der Jurist Frank Crisp um 1890 sogar eine kleine Version des Matterhorns auf seinem Grundstück nachbilden – 1970 erwarb der Beatle George Harrison Friar Park und belebte den vernachlässigten Garten wieder.

          Reine Steingärten sind aus der Mode gekommen, sie warten derzeit noch auf ihre Renaissance. Stein im Garten bleibt jedoch eine bedeutende Komponente. Trittpflaster und Wege, Einfassungen und Terrassen geben Struktur und Rahmen, sind dauerhaft im Gegensatz zu den sich im Lauf der Jahreszeiten verändernden Pflanzen. Randkanten, Betonpalisaden, Gabionen und Pflanzringe für Böschungen gibt es in jedem Baumarkt. Schöner wird es mit etwas mehr Aufwand und Naturstein aus dem Steinbruch.

          Zwischen Findlingen und Weinberg

          Wie so etwas aussehen kann, zeigt der Garten von Peter Berg in Sinzig. Berg ist Gartendesigner, also vom Fach, zudem ist er im Ahrtal aufgewachsen, zwischen den durch Mauern terrassierten Weinbergen. So stellte das steile Hanggrundstück mit etwa 40 Metern Höhenunterschied hinter seinem Haus kein Problem dar, eher eine interessante Herausforderung. 2001 begann er mit der Gestaltung. Sieben Ebenen hat er dort angelegt, durch Mauern gestützt, durch mehr als 100 Treppenstufen verbunden. Stein spielt in diesem Garten eine zentrale Rolle, natürlich durch seine Funktion, die immer aber auch ästhetischen Wert hat.

          Von der Straße aus führt eine leicht, beinahe zierlich wirkende steinerne Treppe zwischen Basaltfelsen und Gräsern hinauf zum Haus. Auf dessen Rückseite liegt ein Innenhof, begrenzt durch einen modernen Pavillon, der das Wohngebäude erweitert. Einige Stufen höher folgt ein geräumiger, von Mauern gefasster Sitzplatz, oberhalb dessen sich ein Gemüsegarten anschließt. Die Terrasse darüber wiederum ist einer Feuerstelle vorbehalten, noch weiter oben befindet sich ein kleiner Weinberg mit knorrigen alten Weinstöcken. Hier hat Peter Berg einen Unterstand gebaut aus senkrecht verlegten Schiefersteinen. Stabil soll diese alte Bauweise sein, vor allem aber ist sie ungewöhnlich und dekorativ. Wieder ein paar Stufen den Südhang hinauf endet der Garten mit einer schnurgerade geschnittenen Eibenhecke, die auf einem Sockel in Form einer Natursteinmauer wächst. Das bringt einerseits die Hecke besser zur Geltung, schließt den Garten aber auch ab, denn dahinter folgt der Übergang zu einer Straße.

          Rund 1200 Quadratmeter ist dieser Garten groß, seit einigen Jahren erweitert Berg ihn auf beiden Seiten, so dass weitere 1800 Quadratmeter hinzugekommen sind. Im Osten entsteht gerade ein neuer Gartenteil, geplant sind unter anderem ein Wäldchen aus Paulownien, schnell wachsenden Blauglockenbäumen, sowie Gewächshäuser. Die westliche Seite hat Peter Bergs Sohn Daniel, der beruflich in die Fußstapfen seines Vaters tritt, mit großen Felsen gestaltet. Wie zufällig liegen sie auf dem Gelände, befestigen aber den Hang und bieten gleichzeitig natürliche Stufen, aber auch Sitzflächen, durch die sich dieser Garten erschließen lässt. Dazwischen blühen weiße Sonnenhüte und immer wieder große Büschel wohlriechender Bergminze (Calamintha). Von hier aus öffnet sich ein weiter Blick ins Tal, auf den Ort Westum und die umgebende Landschaft.

          Beständigkeit und Struktur

          Für Berg ist Stein das Beständige, die Struktur. „Wenn ich keine Struktur habe, habe ich keinen Kontrast zu den Pflanzen. Das formale Element passt gut zur Natur.“ Mit dieser Gegensätzlichkeit spielt er. Gerade deshalb ist auch der Raum zwischen Felsen oder Findlingen von großer Bedeutung. Stauden wachsen dort, aber auch kleine Gehölze. Moos verleiht Patina. Weiche Grasbüschel säumen Wege. Hauswurz sprießt in Mauerritzen. Inspirationsquelle ist die Natur. Entscheidend ist, dass beim Design die Proportionen stimmen. Bis ein bleistiftdünnes Bäumchen neben einem wuchtigen Felsen etwas hermacht, können etliche Jahre vergehen. Berg setzt daher in so einem Falle gerne ältere Gehölze.

          Mit Schiefersteinen aus einem stillgelegten Weinberg begann seine Leidenschaft. Er lernte, solche Mauern wieder aufzubauen. Dann begann er, gebrauchte Steine zu sammeln: Platten aus der Kölner Rheinpromenade zum Beispiel, in seinem Garten finden sich aber auch solche, die ehemals auf einem Koblenzer Bahnhof lagen. Die weißen Linien, die auf den Bahnsteigrand hinweisen, sind blass, aber noch zu erkennen. Gebrauchsspuren sind willkommen.

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Vielerlei Gestein eignet sich für die Gestaltung, in vielerlei Form – vom Findling bis zum feinen Kies. Die meisten Menschen bevorzugen helle Farbtöne, stellt der Designer fest. „Aber Creme macht sich zu wichtig.“ Außerdem wird auch Helles mit der Zeit grau – und das ist immer noch die Farbe, die am allerbesten zum Grün der Pflanzen passe. Granit dagegen, der widerstandsfähigste und gemusterte, bisweilen schillernde Stein, eignet sich seiner Ansicht nach gar nicht: „Da geht das Grün unter.“ Basalt, sehr hart und glatt, hingegen ist willkommen. Sandstein ebenfalls, er ist weicher, dennoch robust. Grauwacke, auch eine Sandstein-Art, ist beständiger und farblich zurückhaltend. In Kalkstein kann Wasser eindringen, das ihn bei Frost aufplatzen lässt – das Material will also mit Bedacht gewählt sein.

          Das Setzen von Steinen ist eine hohe Kunst

          Ob es dann naturbelassen oder bearbeitet verwendet wird, hängt ganz vom Garten ab, von der Umgebung, vom Haus und den individuellen Wünschen. Stein passt auf jedes Grundstück, ob groß oder klein, selbst Felsen können auf kleinem Raum Zeichen setzen. Stein bestimmt den Charakter des Ortes. Und, das ist Berg wichtig: Stein darf Patina ansetzen – die Zeichen der Zeit sollen sichtbar sein.

          Besondere Aufmerksamkeit brauchen Felsen, wenn sie richtig zur Geltung kommen sollen, ob an einer Böschung, als Solitär, als Sitzplatz. „Steine müssen Individuen sein“, sagt Peter Berg. „Aber sie müssen auch zusammenpassen.“ Wer im Steinbruch einkauft, braucht ein feines Gespür für das Bild, das erzeugt werden soll. In Japan ist das Setzen von Steinen eine hohe Kunst, die nur Meistern vorbehalten ist. Diesen kunstvollen Umgang – auch mit Gehölzen – nimmt der Designer zum Vorbild. Eine solche Ästhetik, die Harmonie und Ruhe ausstrahlt, strebt er an.

          Und Langlebigkeit. Gärten, die mit Naturstein gestaltet sind, sind darauf angelegt, Jahrzehnte zu überdauern. Ihre Struktur ist, wenn sie handwerklich gut gebaut ist, beinahe unvergänglich. Dann bietet sie den Rahmen, Gewächse in Szene zu setzen. Beide verhelfen sich gegenseitig zum großen Auftritt. Neben dem Stein zeigt sich das Werden und Vergehen, das Wachsen und Blühen, auch das Sterben der Pflanzen. Manchmal lässt er ihnen keinen Platz, manchmal hüllen sie ihn ein. Doch kann er jederzeit wieder freigelegt werden. Denn Stein ist für die Ewigkeit.

          Weitere Themen

          „Wohnen ist keine normale Ware“ Video-Seite öffnen

          Mieterbund gegen Profitgier : „Wohnen ist keine normale Ware“

          Auf dem Deutschen Mietertag in Köln hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel skeptisch zu einem Mietendeckel geäußert. Mietervertreter fordern aber, ein solches Instrument zu prüfen – und schicken mahnende Worte hinterher.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.