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Max Liebermann : Ein Bild von einem Garten

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Der Maler Max Liebermann hat sich am Wannsee seinen Traumgarten geschaffen. Mehr als 100 Jahre später zieht das Anwesen Tausende an.

          7 Min.

          Giverny ist der berühmteste Maler-Garten in Frankreich, jährlich strömen Zehntausende Besucher in dieses Paradies, fast originalgetreu erhalten wie zu Claude Monets Zeiten. Was Monets Giverny für Frankreich bedeutet, ist der Garten des Malers Max Lieberman in Berlin. Eine idyllische Oase direkt am Wannsee, ein beeindruckender Dreiklang von Kunst, Architektur und Garten. Dass dies heute wieder so prachtvoll wie vor Jahrzehnten erfahren werden kann, ist ein mittelgroßes Wunder. Eine Geschichte voller Glück, Tragik, Absurditäten – und letztlich mit Happy End.

          Sie beginnt im Jahr 1909, da ersteht der 62 Jahre alte renommierte Künstler Max Lieberman das Grundstück am Wannsee, letztes Filetstück mit direktem Seezugang, in der vornehmen Colonie Alsen. Dort ließ der Berliner Bankier Wilhelm Conrad von 1863 an auf einem großen Areal außerhalb der Stadt Sommerhäuser für wohlhabende Großstädter errichten. Die Planung der exklusiven Siedlung stammte von Gustav Meyer, der Schüler des Gartenkünstlers Peter Joseph Lenné gestaltete eine großzügige transparente Parklandschaft. Wannsee gehörte damals noch nicht zu Berlin, war „jottwede“, aber mit guter Luft, frischem Grün und Wasser begehrte Wohnlage für die begüterte Oberschicht. Schnell siedelte sich ein illustrer Kreis des Berliner Großbürgertums aus Industrie, Kultur, Wissenschaft und Politik an.

          Gestaltet nach konkreten Anweisungen und Skizzen

          Liebermann beauftragt für seinen sommerlichen Rückzugsort den Architekten Paul Baumgarten. Der setzt ein elegantes Haus mit hohem Dach mittig in das lange schmale Grundstück von 7000 Quadratmetern. Ihm gelingt eine perfekte Melange aus zwei klassizistischen hanseatischen Vorbildern: Die Fassade zur westlichen Straßenseite mit zwei Ionischen Säulen ähnelt dem Haus de Godeffroy, die zur Wasserseite dem Haus Wesselhoeft, beide in Hamburg. Von dort holt sich Lieberman auch Rat von seinem Freund Alfred Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle. In Sachen Garten eigentlich ein Dilettant, „aber einer von Gottes Gnaden“, sagt heute beim Rundgang durch den Garten Wolfgang Immenhausen, der an der Wiedererweckung der Liebermann-Villa maßgeblich beteiligt war. Lichtwark habe wissenschaftlich fundiert und mit großer Leidenschaft gearbeitet: „Für ihn bedeutete Gartenkunst vor allem Raumkunst.“Schon 1885 kritisierte er in „Moderne Gartenkunst“: „Bis in jüngste Zeit wurde ausnahmslos der englische oder landschaftliche Garten als Ideal jeglicher Anlage angesehen, mochte es sich um Park oder elenden, von Häusern umschlossenen Hof handeln“, für ihn ein längst überkommener Stil.

          Max Liebermann

          Naheliegend, dass Lichtwark gemeinsam mit Lieberman dessen Traum von einem Garten entwirft, „mein Garten lechzt nach Ihnen“, schrieb der Maler im regen Briefwechsel zwischen Berlin und Hamburg. Lichtwark schickt konkrete Anweisungen und Skizzen – bis zu den Höhen der Treppenstufen – und empfiehlt: „Alle Formen müssen so geschlossen wie möglich bleiben.“ Es entsteht ein Ensemble aus mehreren formalen Gartenräumen. Vor allem aber: ein Garten als Malvorlage. Die Schauseite ist auf das Wasser gerichtet, ein spektakulärer Blick. Direkt an der Gartenfassade entlang erstreckt sich eine schmale Terrasse, darunter die Blumenterrasse. Formale, mit Buchsbaum gefasste Beete, darin blühen „im Frühling gelbe und blaue Stiefmütterchen, im Sommer knallrote Geranien – natürlich wegen der Farbe!“, erklärt Immenhausen. Schmucklilien (Agapanthus) in dekorativen Kübeln entlang der Terrasse waren schon damals beliebt. Die Birken, die so dekorativ vom Haus aus rechter Hand den Wegrand mit ihren flirrenden Silhouetten säumen, stehen schon da, als der Maler das Anwesen erwirbt. Ein Glück, sie bleiben, dürfen kreuz und quer über den schmalen Weg, der zum Wasser hin angelegt wird, auf den Rasen hüpfen. Leuchten weithin mit ihrer markanten weißen Rinde. So entsteht der berühmte Birkenhain mit dem impressionistischem Touch, eine grüne Ikone, die den Lieberman-Garten prägt – und die der Maler in vielen Gemälden verewigt.

          Im Sommer blühen Pfingstrosen und  Rittersporn im Bauerngarten

          Der Blick schweift von der Terrasse über den zwei Meter tiefer gelegenen großen grünen Rasen, der alles vereint, drei schmale Wege geleiten zum Ufer, „geradezu sogartig wird man ans Wasser geführt“, schwärmt Immenhausen. Am Uferrand recken sich noch einige stattliche Birken aus dem Rasen, im Herbst bildet ihr Laub filigranen goldenen Vlies. Robinien und Ahorne, Trauerweiden und Kastanien – nichts steht hier zufällig, für Licht-und Schatten-Spiele und Farbeffekte auf der Leinwand. Ein schmaler Steg führt aufs Wasser. Vis-à-vis liegt links das legendäre Strandbad Wannsee mit seiner langgestreckten 1930er-Jahre-Architektur, seit Liebermanns Zeiten und bis heute „Badewanne“ der Hauptstadt. Segelboote gleiten lautlos vorbei, Möwen krächzen in der Luft. Links lädt ein sechseckiger Tee-Pavillon zur Siesta ein. Ein paradiesisches Panorama – die Gemälde davon hängen heute in berühmten Museen wie der Hamburger Kunsthalle und der Berliner Nationalgalerie.

          Links von der Terrasse führt der Weg zum Wasser durch drei verschieden große geometrische Garten-Kabinette, eingefasst von hohen Hainbuchen-Hecken. Sie sind, nach barocken Vorbildern, Lichtwarks Schöpfung. „Jedes ist anders gestaltet, bietet auf kleinem Raum große Vielfalt“, erläutert Immenhausen. Im ersten besticht asketische Strenge, ein Karre aus zwölf Linden, deren Kronen hoch gestutzt sind und die wie grüne Säulen über die äußeren Hecken ragen. Diverse Nuancen von Grün, darüber der Himmel, ein Ort für Kontemplation. Der mittlere, größte Salon hat in der Mitte ein ovales Beet, mit Funkien gefasst und knallrotem Indischen Blumenrohr (Canna) im Sommer. Der dritte Salon ist sinnlich-schwelgerischer mit einer Rosenlaube als Herzstück. Durchschreitet man den letzten schmalen Buchenbogen, begleitet bis zum Ufer ein Naschgarten mit Beerensträuchern und Obstbäumen.

          Zurück zum Haus begrüßt den Ankömmling auf der Gartenterrasse der Fischotterbrunnen vom Berliner Bildhauer August Gaul. Die Replik des verschollenen Originals, das Max seiner Frau Martha Weihnachten 1909 schenkte, ist für heutige Besucher ein beliebtes Selfie-Motiv. Am seitlichen Haupteingang vorbei geht es dann in den Bauerngarten, der sich entlang einer schmalen Sackgasse erstreckt. Im Frühling berauschen Hunderte von Frühlingsblühern, eine Augenweide bietet der Sommer mit üppigen klassischen Blumen des Bauerngartens, Pfingstrosen, Rittersporn, Ziersalbei, Flammenblume, Lobelien – alles, was faszinierende Farben schenkt, im Herbst Dahlien in glühenden Tönen.

          „Der Garten ist Ihr Garten.“

          Auf den Gemälden sind nicht einzelne Blumen erkennbar, sondern satte Abstufungen von Farbnuancen. „Kein anderes Haus in Wannsee kann solche Blumenbeete haben“, schreibt eine Zeitung 1927, „Max Lieberman begleitet uns durch den Vorgarten mit seinen blühenden, duftenden, farbenglühenden Lieblingen, mitten drin die Staffelei, an der er vor wenigen Stunden gearbeitet hat.“

          Bis auf die Staffelei ist auch dieser Teil heute fast wieder wie früher. Man flaniert an langen schmalen Rabatten mit Blumen und Gemüse vorbei auf die weiße Gartenbank am Ende zu. Von dort kann man durch die Türen des Hauses bis aufs Wasser schauen – was für eine Sichtachse! Der Blick ist ein lebendes Gemälde, vor allem mit der grünen Girlande aus acht Lindenkronen, die sich vor die Fassade schiebt, den Garten abschließt und das Gärtnerhäuschen links leicht verdeckt.

          Traumlage: 1909 erstand der Maler das letzte Filetstück am Wannsee.

          In diesem Herbst gediehen Stangenbohnen, Grünkohl, Zwiebeln, Artischocken, aber es fehlten die fetten violett-purpurnen Köpfe des Rotkohls. Die malte Lieberman auf einem Gemälde im berüchtigten „Steckrüben-Winter“ 1917, als es wegen der Hungersnot im Kriegswinter sogar ein Kohlfeld auf dem sakrosankten Rasen zur Wasserseite hin gab.

          „Ihr Garten“, schreibt Lichtwark 1911 an Liebermann, „beschäftigt mich eigentlich unausgesetzt. Ich gehe darin spazieren, stelle mir vor, wie dies und das wirken würde ... als ob es mein eigener Garten wäre.“ Liebermann antwortet: „Ich weiss wohl, wie viel ich Ihrer tätigen Mitwirkung an dem Garten zu verdanken habe, und danke Ihnen herzlichst für Ihre geradezu aufopfernde Teilnahme an dessen Gelingen. Der Garten ist Ihr Garten.“ Durch diese Zusammenarbeit, schreibt Martin Faass in seinem Buch „Neue Gärten“ über den Liebermann-Garten, „entstand ein einmaliger Garten, der in seiner Konzeption wie kaum ein zweiter in Deutschland die Prinzipien des Reformgartens zur Anschauung bringt“.

          80.000 Besucher aus aller Welt

          Liebermann verlässt oft sein Haus am Pariser Platz in Berlin, genießt und arbeitet unbeschwert im Sommerdomizil, „meinem Schloss am See“. Voll schöpferischer Energie verewigt er in mehr als 200 Ölgemälden, Pastellen und Skizzen Szenen aus dem Garten, ein mit den Jahreszeiten sich ständig wandelndes, fruchtbares Motiv. Von 1920 bis 1932 Präsident der Preußischen Akademie der Künste, wird er danach zu ihrem Ehrenpräsidenten ernannt. Als die Akademie nach der Machtergreifung 1933 keine Werke jüdischer Künstler mehr ausstellt, erklärt Lieberman öffentlich seinen Austritt. 1935 stirbt der große Künstler, verfemt und verbittert, zwei Jahre später werden sämtliche seiner Werke der Berliner Nationalgalerie beschlagnahmt. Seine Witwe Martha bleibt in Berlin, muss 1940 Grundstück und Haus samt Inventar für 160.000 Reichsmark an die Reichspost verkaufen, ohne über den Erlös verfügen zu dürfen. 1943 erhält sie die Aufforderung zur Deportation nach Theresienstadt, sie entzieht sich dem fünf Tage später durch eine Überdosis Veronal.

          Die Bilder dienten als Vorlage für die Sanierung.

          1945 bis 1971 ist die Villa Krankenhaus, es folgt Leerstand und die Diskussion über ihren Abriss. Ab 1972 vermietet das Bezirksamt sie dann an einen Taucherclub, der Bauerngarten ist Parkplatz. Durch den Einsatz des Berliner Gartendenkmalpflegers und Bürgerengagement wird immerhin 1987 der völlig vernachlässigte Garten unter Denkmalschutz gestellt. „Das war mutig“, sagt Immenhausen, der immer wieder forderte, das Haus als Museum zu öffnen. „Warum? Liebermanns Bilder sind doch im Museum“, war die Antwort. Dann kam der Mauerfall, 1992 initiierte eine Privatgalerie eine Ausstellung mit hochkarätigen Bildern in der Liebermann-Villa. „Durch das überwältigende Medienecho begriffen viele Berliner, was hier ist!“ 1995 gründete Immenhausen mit 14 Gleichgesinnten die Liebermann-Gesellschaft. Die engagierten Bürger ließen nicht locker, nach zähem Ringen konnten sie die Villa 2002 übernehmen. Haus und Garten des großen Künstlers waren „total heruntergekommen, sein Atelier zerstört, eine Bar im Kaminraum, Kino im Obergeschoss, Aquarien“.

          Im Sommer 2006 wurden der nach Gemälden und historischen Quellen rekonstruierte Garten und die Villa als Museum eröffnet. „Vorher hat uns kaum ein Politiker unterstützt, danach waren sie alle stolz, was sie geleistet hätten“, sagt Immenhausen. Ohne den enormen bürgerliche Einsatz wäre es wohl nie dazu gekommen. Und ohne die vielen ehrenamtlichen Helfer, „wäre es auch jetzt nicht machbar, wir bekommen weiter keinen Cent öffentlichen Zuschuss“. Alles wird finanziert durch Spenden, Mitgliedsbeiträge, Eintrittsgelder, Veranstaltungen.

          80.000 Besucher aus aller Welt wandeln jährlich durch den Garten und die Villa. Dort hängen etliche kostbare Gemälde, teils Dauerleihgaben, teils Geschenke. Es weht eine besondere Aura an diesem authentischen Ort, wo man dem berühmten Maler so nah wie nirgends sonst sein kann. Eine Erfolgsstory sondergleichen.

          Liebermann-Villa am Wannsee, täglich außer dienstags geöffnet. www.liebermann-villa.de

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