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Das Vermächnis des Peter Josef Lenné

Von CHRISTA HASSELHORST
Eines der Hauptwerke außerhalb Potsdams: Für die Anlagen von Schloss Basedow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte lieferte Lenné eine umfassende Planung. / Foto: Imago

18.10.2019 · Ein holpriger Start, ein steiler Aufstieg, Gärten von Weltrang – über einen vor 230 Jahren geborenen Gartenkünstler, der immer noch aktuell ist.

Bronzebüste des Königlichen Gartendirektors Peter Josef Lenné von Christian Daniel Rauch, 1847, im Zoologischen Garten Berlin Foto: Imago

E s gibt Karrieren, die beginnen mit einem Debakel. Als 1816 Peter Josef Lenné, Sproß einer Gärtnerdynastie und 27 Jahre alt, vom Rheinland nach Potsdam an den Hof von Friedrich-Wilhelm III. kommt, stößt er schnell an Grenzen. Man hat ihn als innovativen Hofgärtner eingestellt. Lenné, der sofort sein Talent beweisen will, startet als Geselle, misstrauisch beäugt von achtzehn altgedienten Kräften. Er entwirft einen Plan für die Umgestaltung des Parks Sanssouci, noch größtenteils geprägt von Friedrich dem Großen. Tollkühn fegt der junge Wilde die geometrische barocke Strenge hinweg, alles neu, alles anders, wie beim hochaktuellen englischen Landschaftspark. Welch ein Sakrileg. Bei Hofe ist man sehr erschrocken, und der schöne Plan verschwindet für immer in der Schublade.


Hingegen findet die Umgestaltung des verwilderten Neuen Gartens in Potsdam das königliche Wohlwollen. Darüber wird auch Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg auf den talentierten Rheinländer aufmerksam. Und der Schwiegervater von Fürst Hermann von Pückler-Muskau gibt pikanterweise Lenné – und nicht seinem Schwiegersohn – den Auftrag zur „anmutigen“ Umwandlung seines neuen Landgutes Glienicke. Das wiederum begründet eine lebenslange herzliche Rivalität zwischen Lenné, dem bürgerlichen professionellen Gartenkünstler, und Pückler, dem aristokratischen Amateur und Parkomanen, dem mit Branitz und Muskau zwei grandiose eigene Parks glücken. Der Park um Schloss Babelsberg in Potsdam wird jedoch Lennés Fiasko: Besitzer Kronprinz Wilhelm knausert, es gibt mangelnde Bewässerung, viele Pflanzen vertrocknen, der Prinz ist nicht amüsiert. Als er wieder mehr Geld hat, engagiert er schnurstracks Pückler. Der vollendet den Park und kostet mit Schmähungen auf den Vorgänger seinen Triumph aus.


Doch gegenüber erschafft Lenné für den neuen Besitzer von Glienicke und Bruder Wilhelms, Prinz Karl von Preußen gemeinsam mit Architektur-Genie Karl Friedrich Schinkel ein brillantes romantisches Kleinod. Es gilt vielen Experten, gemeinsam mit dem Marlygarten im Park Sanssouci, als Lennés Meisterwerk. In beiden Anlagen gelingt es ihm virtuos, Gelände spannungsreich wie harmonisch zu modellieren. Er sieht sich als Bildhauer und Maler, der „mit Farben und Lichtern arbeitet“. Die Kunst, Raumschöpfungen so zu inszenieren, dass sie möglichst natürlich wirken, obwohl von Menschenhand geformt, hat er auch bei königlich finanzierten Studienaufenthalten in England erlernt. Viele seiner Parks folgen dem Ideal des englischen Landschaftsgartens.

Ab 1816 gestaltete Peter Josef Lenné den umgebenden Park von Schloss Glienicke. Foto: Picture-Alliance
Blick in den Park des Schlosses Glienicke Foto: Picture-Alliance

„Projekte, nichts als Projekte, jeden Tag ein neues, der König ist unerschöpflich“
PETER JOSEF LENNÈ

Im Jahr 1828 steigt Lenné zum alleinigen Königlichen Gartendirektor und damit zum Verantwortlichen für alle Königlichen Gärten auf, eine steile Karriere. Dazu gehören neben Potsdam und Berlin auch Anlagen im Rheinland – Brühl, Düsseldorf, Koblenz. Mit dem Regierungsantritt von König Friedrich Wilhelm IV. 1840 beginnt eine Flut von Aufträgen. Der „Romantiker auf dem Thron“, Kunstförderer, Schöngeist und dilettierender Architekt mit ausgeprägter Italien-Sehnsucht, will seine Residenz in ein Paradies mit südlichem Flair verwandeln. Sein Auftrag an Lenné: „Aus der Umgebung von Berlin und Potsdam könnte ich ... einen Garten machen ... entwerfen Sie mir einen Plan!“ Einen? Es werden unzählige. „Projekte, nichts als Projekte, jeden Tag ein neues, der König ist unerschöpflich“, klagt der Vielbeschäftigte einem Freund.

Der Regent genehmigt unverzüglich fast alles, was sein oberster Gärtner vorlegt. Wenn er nicht gerade selbst entwirft: „Hier haben Sie mein Geschmier, jetzt bringen Sie Vernunft hinein!“ Schmiedet man beim gemeinsamen Tee in Sanssouci Pläne, wirft der selbstbewusste Künstler-Untertan seinem Monarchen schon mal „Eure Majestät begreifen immer noch nicht das Geniale meiner Idee!“ an den Kopf. Er darf das, gilt als einflussreicher Intimus des Königs.


„Hier haben Sie mein Geschmier, jetzt bringen Sie Vernunft hinein!“
KÖNIG FRIEDRICH WILHELM IV.

In Berlin werden ihm zudem wichtige städtebauliche Planungen für die Verschönerung der wachsenden Metropole übertragen: Köpenicker Feld, Volkspark Friedrichshain und Zoologischer Garten. An der Überformung des Tiergartens rackert sich Lenné jahrzehntelang ab, ebenso nervenzehrend wegen der preußischen Bürokratie ist für ihn die Schiffbarmachung des Landwehrkanals (1845 bis 1850), das Projekt bringt ihm den Spitznamen „Buddel-Peter“ ein.

Lenné Park in Criewen (Brandenburg) Foto: Picture-Alliance
Der Landschaftsgarten ist vier Hektar groß. Die Anlage des Parkes war 1820 von Otto von Arnim in Auftrag gegeben worden. Foto: Picture-Alliance


Er entwickelt Bebauungspläne für München, Breslau und Wien, um die wachsenden Städte durch großzügige Grünanlagen, Alleen und Plätze menschenwürdiger zu machen: „Je weiter ein Volk in seiner Kultur und in seinem Wohlstande fortschreitet, desto mannigfaltiger werden auch seine sinnlichen und geistigen Bedürfnisse. Dahin gehören auch die öffentlichen Spazierwege, deren Anlage und Vervielfältigung in einer großen Stadt nicht allein des Vergnügens wegen, sondern auch aus Rücksicht auf die Gesundheit dringend empfohlen werden muß“, formuliert Lenné. War er der erste „Grüne“? Er hat zumindest sehr früh „Grünflächen als Funktion werdender großstädtischer Entwicklung begriffen“, lobte ihn 1947 der spätere erste Bundespräsident Theodor Heuss, damals noch Journalist.

Ein immenses Pensum absolviert der unermüdliche Königliche Gartendirektor. Da er neben königlichen Parks auch private Gärten gestalten darf, ist er vielerorts gefragt. Ein Park von Lenné gilt bei prestigesüchtigen Industriellen und Adligen als Ritterschlag. So bekommt Ballenstedt in Sachsen-Anhalt ein grünes Kleinod mit beeindruckenden Kaskaden, repräsentative Parks schmücken Schlösser und Herrenhäuser in Brandenburg, Schlesien und vor allem Mecklenburg-Vorpommern. Dort wurden im späten 20. Jahrhundert zahlreiche Anlagen aus überwuchertem Dornröschenschlaf geweckt: Basedow, Krumbeck, Kartlow, frisch renoviert Ludwigslust und Schwerin. Volksparks hier – in Frankfurt (Oder), Leipzig, Magdeburg und Dresden, Kurparks da – in Bad Oeynhausen und Bad Homburg v.d. Höhe. Doch ob Paradiese für Privilegierte oder Bürger, Anspruch und Formensprache bleiben überall gleich. Lenné ist felsenfest davon überzeugt, dass eine schöne Umgebung die Welt, sprich, die Menschen erhöht, verbessert:


„Das Wichtigste aber, was wir davon hoffen, ist die Wirkung und Macht des Beispiels.“
PETER JOSE LENNÉ

Für den bayerischen König Maximilian I. entstehen am Starnberger See der Feldafinger Park und die abgeschiedene idyllische Roseninsel, auf die sich später Märchenkönig Ludwig II. in Traumwelten zurückzieht. Damit Gartenkunst zukünftig professionell ausgeführt werden kann, initiiert Lenné 1822 den „Verein zur Beförderung des Gartenbaues in den königlichen preußischen Staaten“ sowie eine Gärtnerlehranstalt. Die Pioniertat hat Folgen für die gärtnerische Ausbildung in ganz Europa bis ins 20. Jahrhundert. Und die von ihm begründete Landesbaumschule in Potsdam „besaß schon 1857 das umfangreichste und vollständigste Sortiment in Europa“, anerkennt heute Michael Rohde, Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten (SPSG) in Potsdam.

Für den bayerischen König Maximilian I. angelegte Roseninsel Foto: Picture-Alliance


Lennés Lebenswerk aber bleibt die Metamorphose der brandenburgischen Streusandbüchse in ein verwunschenes Arkadien. Hier setzt er seine typischen Stilmittel für eine gelungen inszenierte Landschaft ein: die fächerartigen Sichtachsen und Blickpunkte, die virtuose Plazierung von Baumgruppen und Solitären, die raffinierten Wege, die den Spaziergänger stets weiter locken, durch die Landschaft wie eine durch Theaterkulisse führen und nach jeder Kurve neue Überraschungen bieten. Das Spiel mit Licht und Schatten, der Einsatz von Wasser als elementares Gestaltungsmittel, der spannungsreiche Wechsel von Lichtungen und dunklen Hainen, die Artenvielfalt an Sträuchern und Gehölzen. Platanen, Blutbuchen und Sumpfzypressen sind seine Favoriten. So verwandelt er die Havellandschaft um Potsdam in ein mit großer Geste gestaltetes Gesamtkunstwerk. Es gelingt ihm, aus dem von Seen umspülten „Eyland Potsdam“ das schon im 17. Jahrhundert vom Großen Kurfürsten erträumte Paradies erstehen zu lassen – seit 1990 Unesco-Welterbe. Kongenialer Partner ist Architekt Karl Friedrich Schinkel (Glienicke, Babelsberg, Charlottenhof, Neuhardenberg), nach dessen Tod sind es vor allem Ludwig Persius und Friedrich August Stüler.

Der Burggarten auf der Schlossinsel in Schwerin im Stil englischer Landschaftsgärten, wurde nach Ideen von Peter Josef Lenné geschaffen. Foto: Christa Hasselhorst


Im Kontrast zum schillernden Pückler gibt es in Lennés privatem Leben weder Skandale noch Affären. Das vor 230 Jahren geborene, so disziplinierte wie fleißige grüne Genie in Beamtenuniform führt ein unspektakuläres Leben, fünfunddreißig kinderlose harmonische Ehejahre mit Friederike. Als 1860 König Friedrich Wilhelm IV. stirbt, verliert Lenné seinen wichtigsten Auftraggeber. Es gibt einige private Projekte, das bedeutendste ist die Anlage des Botanischen Gartens „Flora“ in Köln. Mit seinem Spätwerk im Stil des Historismus sorgt er noch einmal für Furore. Am 23. Januar 1866 stirbt er in Potsdam mit 77 Jahren an einem Gehirnschlag.

Welche Wirkung hat Lennés Erbe im 21. Jahrhundert? „Sein Anspruch, mit Landschaftsarchitektur Stadtplanung zu betreiben, ist heute aktueller denn je“, sagt der Bonner Landschaftsarchitekt Stefan Lenzen, der bei der Buga in Koblenz 2011 ein Areal um das Stadtschloss nach Lenné-Plänen ins 21. Jahrhundert transformierte. Auch Michael Rohde, seit 2004 Gartendirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, betont Lennés Aktualität: „Seine meisterhaften Garten- und Parkanlagen bleiben Vermächtnis und Anschauung für heutige Landschaftsarchitekten.“ Rohdes Büro ist jenes malerische, von Blauregen bekränzte gelbe Knobelsdorff’sche Haus zu Füßen des Potsdamer Weinbergschlosses Sanssouci, wo Lenné einst arbeitete. Und dessen Credo „Nichts gedeiht ohne Pflege und die vortrefflichsten Dinge verlieren durch unzweckmäßige Behandlung ihren Wert“ – man könnte es als Menetekel für unsere Zeit interpretieren.

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 18.10.2019 16:27 Uhr