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Landschaftsarchitektur : „Ein Garten ist kein Naturschutzgebiet“

  • -Aktualisiert am

Glyziniengang im Schau- und Sichtungsgarten Hermannshof, den Cassian Schmidt leitet. Bild: Victor Hedwig

Gärten sind die letzte Oase der Natur, findet Landschaftsarchitekt Cassian Schmidt: Nicht in der Agrarlandschaft, sondern in ökologisch bepflanzten Gärten findet sich die meiste Artenvielfalt.

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          Ecological Planting in the 21st Century“ – Ökologische Bepflanzung im 21. Jahrhundert: Als unter diesem Titel unlängst mehr als 500 Gartenprofis aus aller Welt in Colchester zu einem Symposion zu Ehren der in diesem Jahr verstorbenen Beth Chatto zusammenkamen, war Cassian Schmidt als Redner mit von der Partie. Selbstverständlich, möchte man hinzufügen. Schmidt ist Landschaftsarchitekt, Professor an der Universität Geisenheim und einer der renommiertesten Vertreter des New German Style, bei dem auf standortgerechtes, aber ästhetisches Pflanzen gesetzt wird. Als Leiter des Schau- und Sichtungsgartens Hermannshof in Weinheim entwickelt Schmidt Staudenpflanzungen für den öffentlichen Raum, die sich selbst erhalten und wenig Pflege benötigen.

          Beth Chatto hat in ihrem Garten stets darauf geachtet, Pflanzen an den für sie passenden Standort zu setzen. Ist das schon ökologisch?

          Beth Chatto kommt aus der englischen Tradition, und man sieht auch, dass sie Floristin war. Ihre Pflanzungen sind sehr stilisiert, fast schon grafisch. Durch ihren Mann Andrew, der erforscht hat, wo die Pflanzen herkamen, war ihre Arbeit schon ökologisch im Sinne von standortgerecht. Was ich in ihrem Garten aber ganz vermisse, ist die Dynamik, wie wir sie heute beispielsweise in Mischpflanzungen haben.

          Veränderung im Beet zuzulassen ist ein relativ neuer Trend, der sich bei Beth Chatto noch nicht findet?

          Bei Beth Chatto ist es noch eine sehr englische, semiformale Anordnung von Pflanzen, zu arrangiert aus ökologischer Sicht. Sie hat aber die Gegensätze an Standorten herausgestellt, die das Gelände bot – vom Teichgarten bis zum völlig trockenen Kies, der bei ihr vorhanden war. Auch die Pflanzen, die sie verwendet hat, waren ungewöhnlich. In ihrer Zeit war das sehr fortschrittlich, es ging damals in Englands Gärten vor allem um Farben. Doch es ist ein langer Weg bis zu dem, was wir heute machen.

          Landschaftsarchitekt und Leiter des Hermannhofes Cassian Schmidt
          Landschaftsarchitekt und Leiter des Hermannhofes Cassian Schmidt : Bild: Sichtungsgarten Hermannshof

          Was bedeutet heute ökologisch?

          Ökologie ist vom klassischen Begriff her die Beziehung zwischen den Lebewesen, untereinander und zur Umwelt. Heute versteht man mehr darunter: umweltfreundlich, nachhaltig, vielfältig. Vor dem Hintergrund muss man Pflanzungen bewerten. Was bringen sie an Nachhaltigkeit, Resilienz, also Widerstandsfähigkeit? Man muss aber sehr aufpassen. Vieles wird als ökologisch verkauft, Living Walls zum Beispiel, aber wenn man sieht, welcher Aufwand energetisch dahintersteckt, etwa wenn man eine Trägerkonstruktion anbringen muss, kann man sich fragen: Wie ökologisch ist das dann überhaupt? Nach strengen Maßstäben würde das meiste durchfallen.

          Welche Art von Garten würde nicht durchfallen?

          Einer, der möglichst vielfältige Lebensräume bietet. Sonne, Schatten, trockene und feuchte Stellen. Pflanzenvielfalt per se ist schon ein Mehrwert. Die Vielfalt von unterschiedlichen Strukturen ist entscheidend. Im Hermannshof versuchen wir, ganze Pflanzengemeinschaften mit ihrer Dynamik zusammenzustellen, auch spielt es eine Rolle, den Pflegeaufwand zu reduzieren.

          Damit kommen Sie dem Ideal schon sehr nahe?

          Aus Naturgartensicht ist das, was wir machen, sicherlich nicht genug. Wirklich ökologisch würde bedeuten: eine Tendenz zu heimischen, zumindest mitteleuropäischen Pflanzen, die die Beziehungen zu Insekten und deren verschiedenen Stadien noch mehr berücksichtigen. Da wissen wir noch viel zu wenig. Das Wort „bienenfreundlich“ meint ja meist die Honigbiene, und das ist nur die halbe Wahrheit, eine Pseudoökologie. Wenn man es wirklich ernst meint, muss man eine echte Biodiversität schaffen und auch seltene, unbekannte Arten fördern. Das verlangt aber, dass man sich wirklich mit den ökologischen Beziehungen beschäftigt. Das kann man nicht so eben aus dem Ärmel schütteln.

          Wäre der Garten dann nicht auch voller Brennnesseln und Totholzhaufen?

          Der Naturgarten war bisher aus meiner Sicht zu wenig an Ästhetik orientiert. Wenn etwas rein ökologisch ist, kann man es oft nicht mehr von einer Spontanvegetation unterscheiden. Es gibt sicher ökologischere Herangehensweisen als unsere im Hermannshof. Aber man muss bedenken: Alles ist man made, alles ist gegärtnert. Man muss ein paar Kompromisse machen, damit es ästhetisch ist, funktioniert und pflegbar ist. Im Stadtraum kann ich nicht alle Belange abdecken.

          Was schert die Städter überhaupt die Ökologie? Sie leben doch in einem Umfeld, das sehr weit von der Natur entfernt ist.

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