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Interview mit Chefgärtnerin : „England ist ein klein bisschen selbstgefällig“

  • -Aktualisiert am

Andrea Brunsendorf Bild: privat

Chefgärtnerin Andrea Brunsendorf ist eine Koryphäe ihrer Zunft. Wir haben uns mit ihr über Gärtnern im großen Stil, deutsche Gartenkultur und einen der besten Schaugärten der Welt unterhalten.

          3 Min.

          Andrea Brunsendorf hat als Gärtnerin eine Ausnahmekarriere hingelegt. Und das auch noch in der angelsächsischen Gartenwelt. Nach dem Diplom in den Londoner Kew Gardens und dem Master in Naturschutz am University College wurde sie 2007 Chefgärtnerin der Inner Temple Gardens. Der Park gehört einer der Anwaltskammern, liegt mitten in London und dämmerte im Dornröschenschlaf vor sich hin. Bis Andrea Brunsendorf kam. Dieser Tage ist die Thüringerin in die Vereinigten Staaten weitergezogen, wo sie als Director of Outdoor Landscapes an der Spitze der renommierten Longwood Gardens in Philadelphia steht. Dort ist sie Herrin über 420 Hektar Gärten – rund 300 Mal so viel Land wie die Inner Temple Gardens. Höchste Zeit für ein Gespräch.

          Zehn Jahre haben Sie in London gearbeitet, dem Zentrum der Gartennation schlechthin? Viele Gärtner würden etwas darum geben, hier arbeiten zu können. Aber Sie ziehen weiter. Warum?

          Als Gärtnerin geht es mir so wie den Pflanzen. Einen Phlox teilt man nach fünf Jahren und setzt ihn um an einen neuen Platz. Die Inner Temple Gardens haben nur 1,5 Hektar, ich kam immer wieder an den Punkt, wo ich Dinge neu gemacht habe, die ich erst ein paar Jahre zuvor angelegt hatte. Ich hatte das Gefühl, ich sitze in einem goldenen Käfig, wollte aber gerne meine Flügel mal wieder ausbreiten.

          Gab es denn kein Angebot in England?

          Es gab tolle Angebote, aber es fühlte sich nie richtig an. Denn in einem Privatgarten möchte ich nicht arbeiten, das wäre mir zu sehr Downton Abbey. Außerdem ist England immer ein wenig in sich gekehrt, was das Gärtnern angeht, man ist ein klein bisschen selbstgefällig, blickt nicht auf den Kontinent oder die USA. Ich fahre seit Jahren nach Holland, Deutschland und in die USA, um Neues zu sehen. Als das Angebot von den Longwood Gardens kam, brauchte ich gar nicht zu überlegen. Es ist einer der besten Schaugärten der Welt. Die sind die Profis, da wollte ich hin.

          Was reizt Sie dort denn?

          Das Klima an der Ostküste ist ganz anders als in Großbritannien, herausfordernd. Es erinnert mich an meine Kindheit in Thüringen mit kalten Wintern. Wer hier Obst und Gemüse ziehen kann, der hat’s raus. Außerdem sind dort viele Pflanzen heimisch, die wir auch in Europa verwenden.

          Was haben Sie in London erreicht?

          Ich habe die Inner Temple Gardens zu neuem Leben erweckt. Und das war eine lange Reise von roten Geranien bis zu den Rosenrabatten, die wir jetzt haben. Ich war angetreten, dem Garten wieder zu Ansehen zu verhelfen, ähnlich, wie er das in der edwardianischen Zeit hatte.

          Werden Sie nach wie vor selbst in den Beeten knien, pflanzen und jäten?

          In Inner Temple habe ich selbst gepflanzt, das Gestalten geschah im Beet, dort kam meine Kreativität aus dem Bauch heraus. In Longwood werde ich wahrscheinlich mehr vom Schreibtisch aus planen, und andere werden es ausführen. Es sind immerhin zwanzig individuelle Gärten, für jeden sind ein bis zwei Gärtner zuständig. Jeder von ihnen soll sich ausdrücken dürfen, dennoch muss alles ein großes Ganzes bilden. Das zu steuern ist die Herausforderung.

          Hilft es, dass Sie früher schon einmal in Longwood Gardens gearbeitet haben?

          Ich war mit 21 dort, als Studentin. Damals hat mich beeindruckt, wie viel dort jeder investiert, um etwas Außerordentliches zu schaffen. Wir haben innerhalb von nur vier Tagen eine Chrysanthemenschau zusammengestellt, da hat wirklich jeder mitgearbeitet, von der Sekretärin bis zum Buchhalter. Es gab ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl. Jetzt werde ich erstmal ankommen, Wurzeln schlagen, mich wie ein Sämling an die neue Erde herantasten.

          Was werden Sie an England vermissen?

          Den Frühling. Der war in England sehr lang und schleichend, dauert bis zu acht Wochen. In den USA erwarte ich eine Woche Frühling, und dann ist es Sommer. Ich werde auch die Weichheit vermissen, die vielleicht mit dem Licht, den Wolken zu tun hat. Außerdem ist in Großbritannien oft ein bisschen Chaos dabei, aus dem schöne Dinge entstehen. Deutsche und Amerikaner arbeiten mehr mit Methode. Das ist in Großbritannien nicht so wichtig.

          Mal ehrlich, wie ist es um die deutsche Gartenkultur bestellt?

          Ich habe seit Jahren den Blick von außen. Sie ist in Bewegung. Die Stärke der Deutschen liegt in der Produktion und Züchtung. Viele Menschen gärtnern selbst, wir haben nur nicht diese Garten-Besuchskultur wie in England. Aber dafür haben wir die wunderbaren Bundesgartenschauen, die nachhaltig sind, ganz anders als eine Woche Chelsea Flower Show. Der deutsche Gartenbau war Vorreiter in der Staudenpflanzung – wir haben schon in den achtziger Jahren die Kultur mit einjährigen Pflanzen abgeschafft und stattdessen Langlebigeres gepflanzt. In den öffentlichen Anlagen sind wir damit Vorreiter.

          Welche deutschen Gärten könnten Sie beruflich reizen?

          Die Sichtungsgärten Weihenstephan und Hermannshof in Weinheim. Sie sind kreativ. Es sind nahbare Ansätze, die Menschen können sich von dort Anregungen mit nach Hause nehmen.

          Sie sind eine der wenigen Frauen, die richtig Karriere machen – Chefgärtnerinnen sind, ähnlich wie Star-Köchinnen, in der Minderzahl. Woran liegt das?

          Darüber habe ich nie nachgedacht.

          Aber was treibt Sie an?

          Ich möchte inspirieren, gefangennehmen. Auch wenn das oberflächlich klingt: Ich möchte etwas Schönes kreieren und die Menschen aus ihrem Alltag holen. Ich möchte Gärten erschaffen, die intim, nahbar, schön sind. Darum mache ich meinen Beruf.

          Das Interview führte Ina Sperl.

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