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Inspiration aus England : Im Garten des Sir Winston

  • -Aktualisiert am

Von der Terrasse des Landhauses hatte der Premierminister seinen Garten gut im Blick. Bild: INTERFOTO

Staatsmann und Rosenliebhaber: Auf seinem Landsitz Chartwell pflanzte sich Churchill ein kleines Paradies. Ein Blick in den Garten des Briten lohnt allemal.

          6 Min.

          Chartwell ist ein malerischer Landsitz südlich des Örtchens Westerham in der Grafschaft Kent. Der idyllische Garten ist jedoch nicht der alleinige Grund, warum das Anwesen zu den meistbesuchten Orten des an grünen Juwelen reichen National Trust gehört, der sich in England, Wales und Nordirland um Denkmalpflege und Naturschutz kümmert. Denn Chartwell war die private Zuflucht von Winston Churchill, hier konnte Englands größter Staatsmann des 20. Jahrhunderts (Sorry, Mrs. Thatcher) der Welt und den politischen Rankünen Londons abhandenkommen. Hier durfte er Familienmensch, Maler, Schriftsteller, Bauer, Rosenliebhaber und Handwerker sein. Im Reiseführer wirkt Chartwell so zauberisch abgeschieden. Vor Ort entzaubert die Realität den heutigen Besucher zunächst. Denn Sir Winston war, ist und bleibt wohl auch der Nationalmythos Englands.

          Also bewegt man sich mit Kolonnen von Churchill-Bewunderern aus aller Welt durch Haus, Park und Garten, auf den Spuren seiner Aura. Doch die Aussicht von der Terrasse des herrschaftlichen, auf einer Anhöhe thronenden Backsteinhauses versetzt flugs wieder in romantische Stimmung. Der Blick schweift über sanft geschwungene, sattgrüne Hügelchen und Täler, weit unten glitzern zwei Seen.

          Landsitz mit 23 Hektar Land plus acht Hektar Garten

          Genau diese Aussicht war es, die Churchill beim ersten Besuch von Chartwell 1921 verzauberte: „Er schaute vom Haus über die Hügel und war vom ersten Moment an gefesselt von dem großartigen Panorama“, erinnerte sich seine Tochter Mary. Vielleicht lag die Sensibilität für beeindruckende Landschaften Winston Spencer Churchill im „blauen“ Blut. Er wurde 1874 in Blenheim Palace (Oxfordshire) geboren, Wohnsitz seines Großvaters, des siebten Herzogs von Marlborough. Blenheim, im frühen 18. Jahrhundert erbaut, gilt als eines der grandiosesten Schlösser Englands – mit ebensolchem englischen Landschaftspark, überformt vom Landschaftsarchitekten Lancelot Capability Brown. Der kleine Winston verbrachte glückliche Tage in diesem Paradies: „Es ist so schön auf dem Lande, in diesen Gärten und Parks zu spazieren ist viel schöner als im Hyde Park“, schrieb der Siebenjährige an seine Mutter.

          Sanft geschwungene Hügel, sattgrüne Täler, unten glitzert der See.

          Chartwell, ein Landsitz mit 23 Hektar Land plus acht Hektar Garten, wurde 1922 von Winston und Clementine Churchill erworben. Wunderbares Landleben, nur 40 Kilometer von Westminster entfernt. Der Architekt Philipp Tilden vergrößerte und renovierte das dreigeschossige Haus aus dem 16. Jahrhundert repräsentativ mit typischen hohen Kaminen. Den Garten nahm der neue Hausherr selbst in die Hand. Er packte tatkräftig selbst an, nebenbei machte er eine Maurerlehre. Höhen und Tiefen seiner Politikkarriere bewältigte er nicht mit Golfspielen, sondern indem er in Chartwell Ziegelmauern auftürmte. Sein blauer Baumwoll-Overall ist heute noch zu bestaunen. Ob er dabei auch seine legendäre nachtblaue Fliege mit weißen Tupfen trug? Da hebt Phoebe, eine der Führerinnen, die Schultern.

          Ein Halbkreis aus von Farnen überwachsenen Sandsteinen

          Immerhin stammen die roten Backsteinmauern, die den Küchengarten schützend umgeben – ein klassischer „walled garden“ –, aus der Hand Churchills. Kein Kleckerkram, die Mauern sind 2,50 Meter hoch und entlang eines Hangs angelegt. Englands ruhmreichster Politiker baute in Do-it-yourself-Manier auch ein Häuschen namens „Marycote“ für Tochter Mary und eines für seine Hühner, „Chickenham Palace“ getauft. „Es ist sehr wichtig, Tiere, Blumen und Pflanzen im Leben zu haben“, schrieb der bekennende Naturliebhaber an seine Frau Clementine.

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