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Städtische Grünflächen : Inseln im Häusermeer

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Nicht nur Gärten und Balkone, auch Dächer, Wände und dunkle Höfe lassen sich begrünen. Bild: Yann Monel/Ulmer Verlag

Pflanzen steigern das Wohlbefinden. Selbst in der Stadt ist Platz für viel mehr Grün als ein paar Geranien auf dem Balkon. Ein neues Buch kann Impulse dafür geben.

          Städte haben Potential. Sie bieten vielfältige Biotope. Die Flora inmitten von Häusermeer und Straßenzügen ist oft artenreicher als im Umland. Denn Pflanzen finden hier Nischen, die es auf dem freien Land nicht gibt. Ihnen ist es gleich, ob das Habitat natürlichen Ursprungs ist oder von Menschen geschaffen, solange es die richtigen Bedingungen bietet. Und die sind in der Stadt ganz unterschiedlich – von sonnigen, kargen Flecken bis zu schattig-feuchten. Nicht nur einheimische Gewächse suchen sich hier einen Platz, sondern auch Zugewanderte. Der Götterbaum etwa ist aus dem Straßenbild kaum mehr wegzudenken.

          Städte haben aber auch das Potential, noch grüner zu werden – durch Menschenhand. Nicht mittels Parks und Mittelstreifen. Sondern durch das Begrünen der unzähligen kleinen Flächen, die oftmals gar nicht wahrgenommen werden: von Höfen und Vorflächen, von Dächern und Wänden, von Gebäudevorsprüngen und vielen Bereichen im öffentlichen Raum, Verkehrsinseln etwa. Hier setzt Autor Jonas Reif an. Mit seinem Buch „City Trop. Projekte und Pflanzen für grünere Städte von morgen“ gibt er einen Überblick über das, was Landschaftsarchitekten, Städteplaner und Gärtner bereits geschaffen haben.

          Neue Ansätze für mehr Grün

          Vorzeigeprojekte kommen in dem Buch vor, wie die Highline in New York, spektakulär bepflanzte Wohnanlagen in Singapur oder das Hochhaus-Projekt „Bosco Verticale“ in Mailand, dessen Balkons Platz für Bäume haben. Aber auch kleinere, dadurch nicht weniger wichtige Beispiele werden berücksichtigt: dschungelartige Höfe in Freiburg, Farngärten mitten in Berlin, Mooslandschaften im Lichthof eines Züricher Firmengebäudes.

          Hochhaus-Projekt „Bosco Verticale“ in Mailand

          Das „Trop“ im Titel – von dem man optisch eher eine Regenwaldfülle als Wüstenpflanzen erwartet hätte – leitet sich von den Tropen ab. Menschen assoziieren Grün, exotische Anmutung, hohe Artenvielfalt mit dem Begriff. Das möchte der Autor als Leitgedanke verstanden wissen bei der Suche nach einem „anderen“ Stadtgrün, für das er plädiert. Wenige Bücher widmen sich bisher dem Thema, meist eher Fachliteratur oder praktisch ausgerichtete Anleitungen für Urban-Gardening-Projekte. Dieses nun richtet sich an Planer, bei deren Ausbildung Kleinstflächen meist nicht berücksichtigt werden, sowie Privatmenschen, die von diesen Arealen umgeben sind. Denn wenn Innenstädte grüner werden sollen, bedarf es neuer Ansätze für private und halböffentliche Flächen.

          Familien bleiben öfter in der Stadt wohnen

          „Jeder fühlt sich in einer grüneren Umgebung wohl“, sagt Reif, der Landschaftsplaner und Chefredakteur des Fachmagazins „Gartenpraxis“ des Ulmer Verlags ist. Er will nicht erklären, warum Pflanzen in der Stadt so wichtig sind – ein kleiner Exkurs hätte an dieser Stelle allerdings nicht geschadet. Das Bedürfnis nach Grün setzt er vielmehr voraus. In seinem sonst umfassenden einleitenden Teil mit Experteninterviews und Gastbeiträgen stellt er fest: Städte werden immer mehr zum dauerhaften Lebensraum. Familien mit Kindern etwa, die klassischerweise aufs Land ziehen, entscheiden sich immer öfter bewusst dafür, in der Metropole zu bleiben.

          Projekt „High Line“: In New York werden alte Bahngleise bepflanzt.

          Daher will er Anstöße geben, zeigen, wie es gelingen kann, das unmittelbare Umfeld zu gestalten. Nicht Balkons oder Vorgärten sind gemeint, sondern dunkle Höfe, zugige Ecken, heiße Südbalkons, karge Schotterflächen, Wände. Wie so etwas aussehen kann, hat der Autor bei dem von ihm gestalteten City-Trop-Schaugarten in diesem Jahr bei der Internationalen Gartenausstellung Berlin gezeigt. Üppige Pflanzkübel mit Yucca und Agaven auf dem Dachgarten, Moose und Bubiköpfchen, Farne und Zimmeraralien in einem tropischen Hinterhof.

          Die „richtige“ Natur kann als Vorbild dienen

          So etwas wird ein Laie ohne fachliche Unterstützung nicht ohne weiteres hinbekommen. Auch von einem vertikalen Garten nach Vorbild Patrick Blancs oder weitläufigen Präriebepflanzungen auf dem Dach werden die meisten Städter nur träumen. Doch müssen es ja vielleicht nicht gleich die großen Gesten sein, um das Wohnumfeld zu verbessern. Reif geht es vor allem darum, etwas anzustoßen. Die Augen zu öffnen, für potentielle Grünflächen in der näheren Umgebung und für die Pflanzen. Denn ihre Welt birgt so viel mehr als geahnt.

          „Natur interpretieren“ nennt Reif den Blick auf fremde Orte: Steilwände in den Bergen, Steppen oder subtropischer Monsunwald können interessant sein, weil die Bilder, die sich dort finden, in gewissem Maße übertragbar sind auf hiesige Bedingungen in der Stadt. Der Perückenstrauch etwa wurzelt auch an heißen, kargen Hängen. Die untersten Stockwerke von Regenwäldern dagegen ähneln dunklen Hinterhöfen.

          Mit der Pflanzenwelt auseinandersetzen

          Nicht jeder kann reisen, nicht jeder hat so viel Vorwissen oder auch Interesse an der Vegetation. Dafür gibt es immerhin 40 Pflanzenporträts im Buch. Manche wie Bergenien oder Montbretien sind durchaus bekannte Gartengewächse. Andere überraschen: Baumkakteen, Faser-Bananen oder Reispapierbäume wachsen bei uns? Ja, in geschützten Ecken können sie gut leben.

          Nun wünscht man sich mehr, in jeder Hinsicht. Mehr Informationen über die Projekte, die wegen ihrer großen Zahl eher knapp vorgestellt werden. Mehr Konkretes, wie man es denn nun angehen kann. Das kann ein einziges Buch nicht leisten. Was es leisten kann: einen Impuls zu geben. Anzuregen, sich auseinanderzusetzen mit Standort und Pflanze.

          Wer den Impuls aufgreift, stellt einen Bezug zur Umwelt her. Auf diese Weise kann, anders als erwartet, Natur ins urbane Leben integriert werden. Nicht dadurch, dass der Balkon saisonal mit Blumen aus dem Gartencenter bestückt wird. Nicht dadurch, dass einheimische Pflanzen aus Wald und Flur in die Stadt geholt werden. Sondern durch die Beschäftigung mit den Gewächsen und ihren Lebensbedingungen – was in der Konsequenz auch Unerwartetes wie Kakteen und Hanfpalmen in den Blick rückt. Wer dem Ruf Jonas Reifs folgt, vertieft seine Beziehung zur Pflanzenwelt. Das wiederum befriedigt, ganz unabhängig vom tatsächlichen Grün, die Sehnsucht der Städter nach der Natur.

          „City Trop. Projekte und Pflanzen für grünere Städte von morgen“ von Jonas Reif, Eugen Ulmer Verlag, Stuttgart, 2017.

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