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Vermächtnis von Christian Dior : Der Garten des Modeschöpfers

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Rosen bestimmen das Bild

1931 stirbt Madeleine Dior, Vater Maurice ist durch schlechte Investitionen ruiniert. Das Arkadien der Kindheit muss verkauft werden und fällt 1938 in den Besitz der Stadt. Nie wieder kehrt Dior nach Granville zurück. Neben Häusern in Paris erwirbt er Anwesen auf dem Lande, die rustikale Mühle von Coudret bekommt einen Garten, „so einfach und bescheiden wie die Gärten, die die Bauernhäuser meiner geliebten Normandie umgeben“. Auch im eleganten Château de la Colle-Noire in Montauroux in der Provence begibt er sich auf die Suche nach der verlorenen glücklichen Kindheit. Fernab von Paris wird der im Luxus schwelgende Modeschöpfer zum Bauern, der sich wünscht, dass er endlich in diesem Haus „unter einem anderen, südlicheren Himmel den mit schützenden Mauern umgebenen Garten meiner Kindheit wiederfinden werde“. Sein Wunsch erfüllt sich nicht, am 24. Oktober 1957 stirbt er mit 52 Jahren nach seinem dritten Herzinfarkt.

Rosen waren Diors Lieblingsblumen, als seine absolute Favoritin galt jedoch das Maiglöckchen. Er vergötterte das grazile Geschöpf mit seinen charakteristischen grasgrünen Blättern und den anmutigen Blütenrispen mit winzigen, schneeweißen wippenden Glöckchen geradezu. Dazu gehört die Anekdote, dass der äußerst abergläubische Modeschöpfer Blütenrispen als Glücksbringer in die Säume von Kleidern und Jacken einnähen ließ. Oft steckte ein Minibouquet in seinem Knopfloch. Jenes 1956 von ihm kreierte Parfüm „Diorissimo“ ist die bis heute wohl berühmteste Version eines Maiglöckchenparfüms.

Die Faszination für dieses fragile Pflänzchen inspirierte ihn zu atemberaubenden Mustern und exquisiten Phantasiegebilden. Im Museum in Granville sind einige Schöpfungen zu bewundern.

Im Garten von „Les Rhumbs“ bestimmen hingegen Rosen das Bild. Auch wenn es kaum noch jene aus Diors Zeit sind, sondern moderne Züchtungen, lohnt der Besuch vor allem in den Monaten Juni und Juli. Überwältigend ist dann die Blütenpracht, ebenso die narkotische Duftorgie, die durch den Rosengang entlang bis zum hinteren Rosengarten führt, wo diverse Düfte sich vereinen. Also immer nur der Nase nach. Wie dem Odeur von ’Jardin de Granville‘, einer Hommage des renommierten französischen Rosenzüchters André Eve für das Haus Dior. Die Züchtung von 2010 betört mit halbgefüllten Blüten in einem Muschelrosa, das perfekt zur Fassade der Villa passt, und delikatem Duft. Der wird übrigens auch für aktuelle Parfüms bei Dior genutzt. In sattem Dunkelrot leuchtet die vielfach prämierte ’Ingrid Bergman‘, eine geradezu perfekte Rose (1984) mit samtigen Blüten und süßlich-schwerem Duft. Außergewöhnlich attraktiv ist die preisgekrönte ’Rhapsody in Blue‘ (1999) mit fast blauen Blüten, je nach Lichteinfall mauve-schieferblau und purpurn irisierend. Fast mannshoch reckt sich die Strauchrose und bietet ihr süß durchdringendes Aroma aus Pfirsich, Zitrone und Honig praktisch auf Nasenhöhe. Von der Terrasse geht es dann schnurgerade auf schmalem Pfad an der Klippe entlang, links unten wogt das Meer, über einem wogen an zierlichen Metallgestängen die prachtvollsten Kletterrosen. Am Ende des Weges empfängt ein Freiluftzimmer, in dem Rosen überquellen, aus Rabatten und an Spalieren der umgebenden drei Mauern. Die vierte Seite ist eine Glasscheibe, sie bietet Panoramasicht auf das Meer. Bei Nebel hört man die Brandung, die salzige Luft riecht man immer. Vor einer Rosenwand steht eine schlichte Stele mit Diors Büste. Der Meister schaut nicht aufs Meer, sondern versonnen in den normannischen Himmel. 250 000 Besucher schlendern jedes Jahr durch sein Paradies, das dank der Stadt Granville diesen Namen wieder verdient, Haus und Garten sind hervorragend restauriert, bepflanzt und gepflegt. Das Dior-Museum in der Villa „Les Rhumbs“ zählt seit 2011 zu den rund 200 „Maisons des Illustres“ und ist das einzige Haus Frankreichs, das einem Modeschöpfer gewidmet ist. Ein Kleinod, lohnend selbst für Modemuffel.

Anmerkung der Redaktion: Diese Reise wurde ermöglicht von Atout France in Kooperation mit dem normannischen Tourismusverband.

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