https://www.faz.net/-gz7-8zlik

Gärten in Japan : Geborgte Landschaft

  • Aktualisiert am

Musterbeispiel des gestalterischen Kunstgriffs: der Entsu-ji-Tempel in Kyoto Bild: mauritius images

Architektin Elisabeth Rave über japanische Gärten, die über sich hinauswachsen.

          Der Ritsurin-Garten in Takamatsu auf der japanischen Insel Shikoku ist einer der schönsten Gärten des Inselreichs. Das liegt zum einen an seinen vielen Kirschbäumen, deren Blüte im Frühjahr die Herzen der Kirschblütenfans höher schlagen lässt. Und Kirschblütenfan ist in Japan fast jeder. Zu Hanami – der Zeit des großen Blütenschauens – ist das ganze Land aus dem Häuschen. Zum anderen liegt es an der wunderbaren Anlage des Parks, dessen Ursprung bis ins Jahr 1625 zurückreicht. Seen, Pavillons und die malerische „Vollmondbrücke“ (japanisch Engetsu-kyo), die zu den beliebtesten Komponenten eines japanischen Gartens zählt, haben dem Ritsurin-koen seinen Ruf eingebracht. Bekannt ist der mit seinen 75 Hektar größte Wandelgarten des Landes aber noch aus einem anderen Grund. Die Grünanlage grenzt im Westen an den Berg Shiun, der als „Shakkei“ – als „geborgte Landschaft“ – in die Anlage integriert ist. Was hat es damit auf sich? Die Architektin Elisabeth Rave aus Münster hat sich über viele Jahre hinweg intensiv mit diesem Prinzip ostasiatischer Gartenbaukunst beschäftigt.

          Frau Rave, in japanischen Gärten wie dem Ritsurin-koen in Takamatsu stößt der Besucher häufig auf den Begriff der „geborgten Landschaft“. Was versteht man genau darunter?

          Der Begriff des „Shakkei“ hat seinen Ursprung vermutlich in der chinesischen Gartenarchitektur. Sehr einfach gesagt, geht es darum, eine vorhandenes Objekt außerhalb des Gartens optisch in den Garten zu integrieren.

          Bevor wir darauf näher eingehen, das heißt, auch in chinesischen Gärten findet man dieses Element?

          Ja. Diese Art der Gartenkomposition hat ihren Weg von China nach Japan gefunden. In China allerdings hat die Kulturrevolution auch in den Gärten ihre Spuren hinterlassen. Dort ist vieles zerstört worden. Auch die Ästhetik der öffentlichen Parks hat darunter gelitten. Die historische Gartenbaukunst ist in den Privatgärten vielleicht noch am ehesten in Spuren zu erkennen.

          Und in Japan ist das anders? Dort hat man sie bewahrt?

          Japan hat in vielem, was es von China übernommen hat, einen eigenen Stil entwickelt. Das betrifft auch das „Shakkei“. Die „geborgte Landschaft“ ist eines der fundamentalen Konzepte der japanischen Gartengestaltung geworden. Japanische Gärten zeichnen sich nicht nur durch eine ganz besondere Ästhetik aus. In japanischen Gärten wurden optische Phänomene gezielt in den Gärten eingesetzt – auch das „Shakkei“.

          Wie genau gelingt das?

          Auf ganz unterschiedliche Weise. Wichtig ist, dass eine optische Verbindung zwischen dem Standpunkt des Betrachters (im Haus) über den Garten hinaus mit der Landschaft besteht. Ein einfaches Beispiel: Vorne befindet sich der Garten, dahinter die Landschaft und dazwischen eine Hecke mit Pforte, die als Bindeglied zwischen dem Garten und der dahinter liegenden Landschaft dient. Das ist ziemlich direkt und ein wenig simpel. Es geht auch deutlich subtiler. Zum Beispiel können es Steine sein, die die Silhouette des angrenzenden Berges aufnehmen. Oder ein Baum, der so gewählt und gepflanzt wird, dass er auf den dahinter liegenden Wald verweist. Aber dazwischen ist deutlich die Grenze des eigenen Territoriums erkennbar.

          Das heißt, die japanischen Gärten leben vom Wechselspiel zwischen gestaltetem Garten und Natur?

          Ja. In Japan begreift man die Natur nicht als einen Feind, den man im Zaum halten muss, sondern versteht sie als Partner. Man möchte die Natur in den Garten bringen, aber ohne strenge Formalität. Die Natur steht im formalen Gegensatz zur Architektur. Die Natürlichkeit des Gartens ist das oberste Ziel. Allerdings kann sich die Umgebung des Gartens immer verändern, ein unbebauter Flecken im nächsten Jahrhundert vielleicht zugebaut werden. Auch insofern ist die Landschaft tatsächlich nur geborgt. Eine andere Übersetzung von „Shakkei“ lautet übrigens „etwas lebendig einfangen“.

          Kann diese Verbindung auch durch architektonische Elemente gelingen?

          Das ist durchaus denkbar. Aber in erster Linie verstärkt man durch eine Rahmung die Wirkung. Im Entsu-ji-Tempel in Kyoto – den ich übrigens für ein weitaus besseres Beispiel als den immer wieder erwähnten Ritsurin-koen in Takamatsu halte – nehmen die senkrechten Holzstützen die Senkrechten der Cryptomeren, der astfreien Stämme der japanischen Zedern im Garten und hinter der Gartengrenze, auf. In der Anlage des Enstu-ji geben außerdem die Steine, die im Vordergrund im Moos ruhen, einen Hinweis auf die Hügelkette hinter der geschnittenen Hecke. Diese Tempelanlage ist ein sehr schönes Beispiel für einen Garten, in dem ein „Shakkei“ zu sehen ist.

          Weitere Themen

          „Es muss alles auf den Tisch“

          Bahlsen gibt Fehler zu : „Es muss alles auf den Tisch“

          Der Bahlsen-Verwaltungsratsvorsitzende kündigt an, dass die Geschichte des Unternehmens fundiert aufgearbeitet werden soll. Was seine Tochter gesagt habe, sei falsch.

          Migranten aus Mittelmeer geborgen Video-Seite öffnen

          65 Menschen zuvor ertrunken : Migranten aus Mittelmeer geborgen

          Allein im vergangenen Jahr ließen fast 2300 Menschen bei dem Versuch ihr Leben, die EU über das Mittelmeer zu erreichen. Wer überlebt, findet sich entweder am Ziel in Europa wieder oder dort, wo die Reise über das Mittelmeer begonnen hat.

          Topmeldungen

          Ihr Europawahlkampf für die SPD gestaltet sich schwer: Katarina Barley

          Barleys zäher Wahlkampf : Im Netz unten durch, sonst kaum beachtet

          Die SPD hat für die Europawahl eine sympathische Kandidatin aufgestellt. In den Umfragen hilft das aber nicht. Warum hat es Katarina Barley trotz ihrer sympathischen und kompetenten Art so schwer?

          Kurz’ Zögern : Gefangen in der Ibiza-Falle

          Lange wartete Österreichs Kanzler, bis er sich zum Video von FPÖ-Chef Strache äußerte. Dabei war ihm schnell klar, dass sein Vize nicht zu halten ist. Dessen Parteifreund Gudenus soll derweil weiter Kontakt zu der vermeintlichen Oligarchennichte gehalten haben.

          Bürgerschaftswahl in Bremen : Rot-Rot-Grün oder nichts

          In den Umfragen steht die Bremer SPD schlecht da. Jetzt schließt sie ein Bündnis mit der CDU aus. Sie setzt damit die anderen Parteien unter Druck – und könnte so die Karten neu mischen.
          Heiko Maas vor einer Regierungsmaschine auf dem Flughafen in Berlin-Tegel

          Antrittsbesuch in Bulgarien : Maas hat wieder Pech mit seinem Flieger

          Zum dritten Mal in drei Monaten: Heiko Maas hat wieder Ärger mit einem Flieger der deutschen Bundeswehr. Bei seiner Reise nach Bulgarien hatte der deutsche Außenminister mehr als eine Stunde Verspätung, weil ein Triebwerk nicht ansprang.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.