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Gärten in Japan : Geborgte Landschaft

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Musterbeispiel des gestalterischen Kunstgriffs: der Entsu-ji-Tempel in Kyoto Bild: mauritius images

Architektin Elisabeth Rave über japanische Gärten, die über sich hinauswachsen.

          3 Min.

          Der Ritsurin-Garten in Takamatsu auf der japanischen Insel Shikoku ist einer der schönsten Gärten des Inselreichs. Das liegt zum einen an seinen vielen Kirschbäumen, deren Blüte im Frühjahr die Herzen der Kirschblütenfans höher schlagen lässt. Und Kirschblütenfan ist in Japan fast jeder. Zu Hanami – der Zeit des großen Blütenschauens – ist das ganze Land aus dem Häuschen. Zum anderen liegt es an der wunderbaren Anlage des Parks, dessen Ursprung bis ins Jahr 1625 zurückreicht. Seen, Pavillons und die malerische „Vollmondbrücke“ (japanisch Engetsu-kyo), die zu den beliebtesten Komponenten eines japanischen Gartens zählt, haben dem Ritsurin-koen seinen Ruf eingebracht. Bekannt ist der mit seinen 75 Hektar größte Wandelgarten des Landes aber noch aus einem anderen Grund. Die Grünanlage grenzt im Westen an den Berg Shiun, der als „Shakkei“ – als „geborgte Landschaft“ – in die Anlage integriert ist. Was hat es damit auf sich? Die Architektin Elisabeth Rave aus Münster hat sich über viele Jahre hinweg intensiv mit diesem Prinzip ostasiatischer Gartenbaukunst beschäftigt.

          Frau Rave, in japanischen Gärten wie dem Ritsurin-koen in Takamatsu stößt der Besucher häufig auf den Begriff der „geborgten Landschaft“. Was versteht man genau darunter?

          Der Begriff des „Shakkei“ hat seinen Ursprung vermutlich in der chinesischen Gartenarchitektur. Sehr einfach gesagt, geht es darum, eine vorhandenes Objekt außerhalb des Gartens optisch in den Garten zu integrieren.

          Bevor wir darauf näher eingehen, das heißt, auch in chinesischen Gärten findet man dieses Element?

          Ja. Diese Art der Gartenkomposition hat ihren Weg von China nach Japan gefunden. In China allerdings hat die Kulturrevolution auch in den Gärten ihre Spuren hinterlassen. Dort ist vieles zerstört worden. Auch die Ästhetik der öffentlichen Parks hat darunter gelitten. Die historische Gartenbaukunst ist in den Privatgärten vielleicht noch am ehesten in Spuren zu erkennen.

          Und in Japan ist das anders? Dort hat man sie bewahrt?

          Japan hat in vielem, was es von China übernommen hat, einen eigenen Stil entwickelt. Das betrifft auch das „Shakkei“. Die „geborgte Landschaft“ ist eines der fundamentalen Konzepte der japanischen Gartengestaltung geworden. Japanische Gärten zeichnen sich nicht nur durch eine ganz besondere Ästhetik aus. In japanischen Gärten wurden optische Phänomene gezielt in den Gärten eingesetzt – auch das „Shakkei“.

          Wie genau gelingt das?

          Auf ganz unterschiedliche Weise. Wichtig ist, dass eine optische Verbindung zwischen dem Standpunkt des Betrachters (im Haus) über den Garten hinaus mit der Landschaft besteht. Ein einfaches Beispiel: Vorne befindet sich der Garten, dahinter die Landschaft und dazwischen eine Hecke mit Pforte, die als Bindeglied zwischen dem Garten und der dahinter liegenden Landschaft dient. Das ist ziemlich direkt und ein wenig simpel. Es geht auch deutlich subtiler. Zum Beispiel können es Steine sein, die die Silhouette des angrenzenden Berges aufnehmen. Oder ein Baum, der so gewählt und gepflanzt wird, dass er auf den dahinter liegenden Wald verweist. Aber dazwischen ist deutlich die Grenze des eigenen Territoriums erkennbar.

          Das heißt, die japanischen Gärten leben vom Wechselspiel zwischen gestaltetem Garten und Natur?

          Ja. In Japan begreift man die Natur nicht als einen Feind, den man im Zaum halten muss, sondern versteht sie als Partner. Man möchte die Natur in den Garten bringen, aber ohne strenge Formalität. Die Natur steht im formalen Gegensatz zur Architektur. Die Natürlichkeit des Gartens ist das oberste Ziel. Allerdings kann sich die Umgebung des Gartens immer verändern, ein unbebauter Flecken im nächsten Jahrhundert vielleicht zugebaut werden. Auch insofern ist die Landschaft tatsächlich nur geborgt. Eine andere Übersetzung von „Shakkei“ lautet übrigens „etwas lebendig einfangen“.

          Kann diese Verbindung auch durch architektonische Elemente gelingen?

          Das ist durchaus denkbar. Aber in erster Linie verstärkt man durch eine Rahmung die Wirkung. Im Entsu-ji-Tempel in Kyoto – den ich übrigens für ein weitaus besseres Beispiel als den immer wieder erwähnten Ritsurin-koen in Takamatsu halte – nehmen die senkrechten Holzstützen die Senkrechten der Cryptomeren, der astfreien Stämme der japanischen Zedern im Garten und hinter der Gartengrenze, auf. In der Anlage des Enstu-ji geben außerdem die Steine, die im Vordergrund im Moos ruhen, einen Hinweis auf die Hügelkette hinter der geschnittenen Hecke. Diese Tempelanlage ist ein sehr schönes Beispiel für einen Garten, in dem ein „Shakkei“ zu sehen ist.

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