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Offene Gärten : Auf Tour durch fremde Beete

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Neugierige Blicke willkommen: Wer unbekannte Gäste in sein grünes Refugium einlädt, zeigt immer auch ein Stück von sich selbst. Bild: Marion Nickig

Ob Wildwiese, Bauernidyll oder Klein-Sissinghurst: Jetzt öffnen private Gärten wieder die Tore. Es gibt Kuchen, Handwerk – und manchmal falsche Erwartungen.

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          Der Besuch fremder Gärten ist im Sommer die Lieblings-Wochenendbeschäftigung Zehntausender Gartenenthusiasten. Metzger und Manager, Bankerin und Bäckerin, Alte oder Junge – wenn unzählige private Gärten für ein paar Wochen ihre Tore für Besucher öffnen, kommen sie alle zusammen. Senioren tauschen Rezepte für Kompost aus und begutachten Hochbeete, junge Familien interessieren sich für selbst angebautes Gemüse und Öko-Gärtnern. Die „Offene Gartenpforte“, wie die private Aktion heißt, begann vor dreißig Jahren. Mittlerweile hat sie einen Siegeszug in Deutschland, den Beneluxländern und Frankreich hinter sich.

          In England hat der Besuch fremder Gärten schon seit Mitte des 18. Jahrhunderts Tradition. In wohlhabenden Kreisen war es damals Mode, berühmte Gärten zu besichtigen. Die Besitzer bewirteten die Gartentouristen, die sogar vom Kontinent anreisten, in Logierhäusern. Von 1927 an gab es die ersten „Gardens open to the Public“, geöffnet für einen guten Zweck. Das Debüt wurde ein grandioser Erfolg, der sich bis heute fortsetzt.

          Abenteuer in fremden Gärten

          Bewaffnet mit der 700 Seiten dicken Garten-Bibel „The Yellow Book“ touren nun Gartenliebhaber durchs Land, um Inspiration und Abenteuer in den fremden Gärten zu erleben. Zum Beispiel in London, wo man an einem heißen Sommertag kurz vor Ende der Öffnungszeit atemlos und verschwitzt in einer noblen Seitenstraße hinter Regent’s Park in einen Garten platzt. Die Eigentümer sind schon plaudernd bei der Tea Time, freuen sich über Gäste aus Germany, „how nice“, bitten erst zum Kuchenbuffet. Danach exklusiver Rundgang durch einen hinreißenden, terrassierten Schattengarten mit einem Reichtum an Pflanzen, der neidisch macht. Das Haus wird auch noch gezeigt, ist es doch ein Kleinod von John Nash (1752 bis 1835), einem der berühmtesten Architekten der Regency-Zeit. So lovely!

          Pioniere des offenen Gartens: Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke

          Dem Ehepaar Gesa Klaffke-Lobsien und Kaspar Klaffke aus Hannover ist es zu verdanken, dass es diese Offenheit seit 27 Jahren auch in Deutschland gibt. „Wir kehrten immer neidisch aus England zurück, weil die inzwischen zur Volksbewegung gewordene Tradition da so selbstverständlich und zwanglos war.“ Dort würden geöffnete Gärten wie kleine Feste gefeiert, wo Menschen sich ebenso gut gekleidet wie gelaunt austauschten. „Warum gibt es das nicht bei uns?“, fragten sie sich.

          Schnell fand der Gärtner und Landschaftsarchitekt Klaffke, als Leiter des städtischen Grünflächenamtes bestens vernetzt in der grünen Szene, viele Unterstützer, vor allem die Deutsche Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur (DGGL). Passend zum 750.Geburtstag Hannovers fand 1991 die erste „Offene Gartenpforte“ in der Stadt samt Umland statt, mit 25 Gärten, davon 20 private. Mit begeisterter Resonanz bei Gartenbesitzern und Gästen.

          „Nicht allen gefällt, was sie sehen“

          „Die Idee lag wohl in der Luft“, resümiert das Paar, das auch selbst die Pforten für die eigene, charmant umgewandelte ehemalige Gärtnerei öffnet. Ihre Saat trug Früchte: In der Region Hannover nehmen mittlerweile 170 Gärten teil, Eintritt frei. Es gibt keine Zensur, keine Auswahlkriterien. Jeder darf und soll mitmachen. Finden Klaffkes doch mal einen Garten, vorsichtig formuliert, suboptimal, „dann gucke ich nur ziemlich traurig“, grinst er. Man bringe Bewerber auch ins Grübeln mit der Frage: „Was wollen Sie zeigen? Was ist Ihr Garten?“ Danach habe mancher einen Rückzieher gemacht und sich erst zwei Jahre später wieder gemeldet. „Nicht allen gefällt, was sie sehen, einige Besucher beschweren sich später über einen grässlichen Garten, den andere als wundervoll einstuften“, erzählt Gesa Klaffke-Lobsien.

          Die „Offene Gartenpforte“ hat sich längst im ganzen Land ausgebreitet wie Giersch, nur eben überwältigend positiv. Die Texte in den Broschüren, meist von den Gartenbesitzern, schwanken zwischen romantischer Prosa und überschwänglichem Eigenlob: Da kann man „im Naturgarten Energie für den Körper und Nahrung für die Seele tanken“, anderswo „blüht es durchs ganze Jahr“, ein Garten „hat sich vom Kartoffelacker zum Paradies verwandelt“. Ob man sich in Wennigsen/Niedersachsen in den „Ersten Voodoo-Garten nördlich der Sahara“ wagen soll? Während in Falkensee bei Berlin 800 unterschiedliche Fuchsienarten und -sorten locken, der Wahnsinn! Was blüht wohl im „Hugenotten-Garten“ bei Potsdam? Ein Herr aus Köln lädt in seinen „grünen Salon“, im bayerischen Pfaffenwinkel verspricht eine Gräfin „selbstgezogene Raritäten für Auge und Gaumen“. Wie verheißungsvoll das alles klingt.

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