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Disteln : Glitzernde Hungerkünstler

  • -Aktualisiert am

Markante Form: Ackerkratzdistel Bild: Marion Nickig

Lange wurden Disteln als Unkraut verschmäht, galten gar als Gewächs des Teufels. Dabei ist die „Staude des Jahres 2019“ eine echte Zukunftspflanze.

          5 Min.

          Nach diesem Hitzerekord-Sommer treten nun ausgerechnet Pflanzen ins Scheinwerferlicht, die bisher eine Nebenrolle spielten und sogar als Unkraut verunglimpft werden: Disteln wurden zur „Staude des Jahres 2019“ gekürt. Eine exzellente Wahl, die der Bund der Staudengärtner getroffen hat, denn Disteln sind anspruchslose Hungerkünstler, die Dürreperioden problemlos überstehen. Obendrein bescheren sie zahlreichen Insekten, Bienen und Schmetterlingen eine wahre Festtafel. Sie sind also die perfekten Zukunftspflanzen für den Klimawandel und gegen das Insektensterben. Die aktuelle Aufwertung trägt hoffentlich dazu bei, den stachligen Schönheiten ihren verdienten Stellenwert zu geben.

          Denn wer bei Disteln nur an rauhe Gewächse mit kratzigen, dornigen Blättern denkt, sollte viel genauer hinschauen. Sie sind ungemein dekorativ. Mit ihrem vertikalen Habitus und teils viel verästelten, kandelaberförmigen Blütenständen eignen sie sich großartig als Strukturpflanzen. Botanisch sind sie keine eigene Gruppe, sondern eine in aller Welt verbreitete Pflanzenfamilie, die unter dem Begriff „Distelartige Pflanzen“ vereint ist. Einst Heilpflanzen in Kloster- und Bauerngärten, haben sie als Züchtungen sogar den Sprung in heutige Avantgarde-Gärten geschafft. Deren Gestalter schätzen ihre vielen positiven Eigenschaften ebenso wie die markanten Formen und glanzvollen Blütenstände, die stets besondere Akzente in Pflanzungen setzen.

          Wegen ihrer klaren Konturen und einer in metallischem Purpur-Blau-Silber glänzenden Farbskala sind vor allem die als Mannstreu bekannten Edeldisteln (Eryngium) gefragt. Sehr apart sind die walzenförmigen Blüten, umgeben von scharf gezackten und doch filigranen, spitzigen Hochblättern. Mit 230 Arten ist es die artenreichste Gattung in der Familie der Korbblütler. Im Reich von June Blake, einem der brillantesten und inspirierendsten zeitgenössischen Gärten Irlands unweit von Dublin, blitzen verschwenderische Tuffs der Alpendistel oder Alpen-Mannstreu (E. alpinum) auf. Charismatisch ist das amethystfarbene Violett der Sorte „Slieve Donard“, das mit den purpurblauen Blüten und rotpurpurnen Hochblättern von „Purple Sheen“ um seine Reize wetteifert. Gärtnerin June umgibt sie mit hohen purpurnen Zierlauch-Kugeln und kräftig hellviolettem Storchschnabel.

          Von guten Geistern

          Hollands Star-Gartendesigner Piet Oudolf favorisiert die Edeldisteln wegen ihrer Struktur mit den dicht bepackten Blütenköpfen. Er paart sie in seinen Pflanzungen mit Schafgarbe, Diptam, Lichtnelke und Brandkraut. Schon Englands Grand-Garden-Lady, die kürzlich verstorbene Beth Chatto, schätzte vor über 30 Jahren die Disteln: „Wegen ihres starken Formkontrastes pflanze ich sie besonders gern als Gegensatz zu Pflanzen mit weicheren Linien.“ Sie plazierte die bizarre Elfenbeindistel (E. giganteum) zwischen leuchtend gelber Schafgarbe. Diese aus dem Kaukasus stammende Edeldistel besticht mit metallisch silbrig-weißen Hochblättern, die kegelförmige silbergrau-blaue Blütenköpfe umschließen. Einmal angesiedelt, bleibt diese elegante, zweijährige Pflanze dank rasanter Versamung ein lebenslanger Begleiter im Garten. Kolossal wirkt sie in großen Gruppen oder in lockeren Drifts gepflanzt, die wie Schwärme glänzender Sterne wirken. Die Sorte „Silver Ghost“ hat etwas größere, spitzigere Blätter und erscheint noch fragiler. Beide eignen sich – wie etliche andere Disteln – gut als Trockenblumen. In England ist die Elfenbeindistel seit langem beliebt. Der vermögenden, snobistischen und gartenbesessenen Ellen Willmott (1858-1934) sei Dank. Die exzentrische Dame und profunde Pflanzenkennerin verstreute heimlich Samen der Edeldistel in zahlreichen Gärten von Freunden. Fortan machte sie als „Miss Willmott’s Ghost“ Furore.

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