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Der Geist des Ortes

Von INA SPERL

21.08.2018 · Buddha, Kies und Steinlaterne sind als Dekor „asiatischer Gärten“ in Europa beliebt. Doch fernöstliche Anlagen macht etwas ganz anderes aus.

A lles beginnt mit der Meditation. Wer den Moostempel Saiho-ji in Kyoto anschauen will, erscheint nicht einfach vor dem Tor und kauft eine Eintrittskarte. Vorbereitung ist notwendig, eine schriftliche Anmeldung. Denn ohne eine Zeremonie gibt es keinen Besuch: Ein buddhistisches Sutra wird mit Pinsel und Farbe auf Papier kopiert. Erst danach darf der Garten betreten werden. Die Anlage, der ein Tempel aus dem 8. Jahrhundert zugrunde lag, stammt aus dem 14. Jahrhundert. Lange Zeit vernachlässigt, überzieht seit rund hundert Jahren Moos den Boden unter den Ahornbäumen. Das verleiht dem Garten eine besondere Atmosphäre, macht ihn gefälliger für europäische Augen, ansprechender zum Beispiel als ein reiner Steingarten. Schmale Wege führen durch das Grün, Trittsteine fordern Aufmerksamkeit für die Umgebung. Felsen, wie zufällig dort vorgefunden, jedoch bewusst plaziert, bestimmen den Garten. Sie bilden auch einen Wasserfall, der allerdings gänzlich ohne Wasser auskommt. Gelingt es, einen meditativen Zustand zu erreichen, ergänzt der Geist das Rauschen und Tosen. Dies ist ein Trocken-Landschaftsgarten, Karesansui, wie er aus Zen-Gärten bekannt ist. Hier allerdings in einem grüneren Umfeld als Felsen in einem Bett aus geharkten Kieseln, die das Wasser nachempfinden. Wie dieser Garten aussah, als ihn um 1340 der Zen-Mönch Muso Soseki umgestaltete, ist heute nicht auszumachen. Seine Intention hingegen schon: Beim Wandeln durch den Garten soll die Gegenwart des Buddha in allen Dingen spürbar werden.

Pagode in der Erinji-Temple-Anlage in Kyoto, die wie so viele andere ... Foto: Getty
... Gärten in der Stadt mit dem Zen-Mönch Muso Soseki verbunden ist. Foto: Getty

Einen ähnlichen Zugang zur Natur hat man in Japan heute noch, schreibt Landschaftsarchitekt und Gartenhistoriker Jochen Wiede in seinem anspruchsvollen, aber gut lesbaren Buch über Fernöstliche Gartenkultur (marixverlag 2018), in dem er die Geschichte der chinesischen und japanischen Gärten bis zur heutigen Zeit nachzeichnet. Die Natur ist ein gleichberechtigter Partner, kein Gegenüber. Man kann die Kiefer erst kennenlernen, wenn man zu ihr hingeht – eine Weisheit, die so aktuell klingt, als ob sie aus einem gerade erschienenen Buch über achtsames Gärtnern stammt. Dabei ist sie rund 400 Jahre alt und kommt aus der Feder des japanischen Dichters Basho. Sie fasst zusammen, was japanische Gärten ausmacht. Um sie anzulegen, müssen alle Sinne geöffnet werden, denn nur dann können der Ort und seine Umgebung verstanden werden. Und erst dann ist es möglich, ihn nach den menschlichen Bedürfnissen zu verändern. Das ist nichts anderes, als den genius loci zu begreifen, den Geist eines Ortes. Auch für westliche Gartendesigner steht dies an erster Stelle.

Genau dieser Zugang ist es, der Fernost heute so interessant macht für alle, die sich mit der Gestaltung eines Gartens befassen. Der genius loci hat auch in der europäischen Geistesgeschichte eine uralte Tradition, sie reicht bis zur Antike zurück. Heute wird der Begriff in Architektur und Gartendesign als Atmosphäre, Einzigartigkeit eines Ortes verstanden, auf die mit einer Gestaltung reagiert wird. Der genius loci scheint zwar beim von Ländereien umgebenen Herrenhaus erheblicher zu sein als in der Reihenhaussiedlung. Und doch kann an jedem Ort ein Garten stimmig wirken oder deplaziert. Es geht um sensible Gestaltung. Wie die vollendet möglich ist, lässt sich in fernöstlichen Gärten erkennen. Doch „den Bitten Folge zu leisten“ ist überall, auch ohne buddhistischen Glauben, machbar.

Nichts ist willkürlich. Alles folgt einer Idee. Foto: Getty

Seit mehr als 100 Jahren gibt es in Europa Interesse an asiatischen Gärten, meist bleibt es allerdings an der Oberfläche und äußert sich rein dekorativ, ähnlich wie Chinoiserien und Japonismen die Kunst im 19. Jahrhundert bestimmt haben. Deplaziert wirken daher leider meist die „asiatischen“ Gärten in Europa, in denen Buddhas und Steinlaternen, Bambus und Kiesflächen mit Ahornbäumchen vorkommen. Ob sie den ästhetischen Sinn befriedigen, sei dahingestellt. Mit einem japanischen oder chinesischen Garten hat eine solche Anlage meist nichts gemein, sondern bleibt reine Dekoration, Exotismus.

Der fernöstliche Garten lässt sich nicht exportieren, schreibt auch Jochen Wiede. Es bleibt bei einer Ansammlung von Versatzstücken, da der dahinterstehende Sinn fehlt, die geistige Substanz. Denn im chinesischen Garten zum Beispiel ist jeder Bestandteil vor einem historisch-mythischen Hintergrund zu lesen. Wird es in einen anderen Zusammenhang gesetzt – zum Beispiel den des deutschen Hausgartens -, verliert dieses Element seinen Sinn und wird zum reinen Dekor.

Ziemlich leer – und das mit Absicht! Foto: Getty

Die Gärten, aus denen es stammt, haben eine jahrtausendalte Geschichte. Um sie zu verstehen, ist ein Blick auf das chinesische Denken notwendig, das auch das japanische prägte. Stets geht es um das Streben nach Harmonie. Denn immer gibt es in der Natur die Wechselwirkung von bestimmten Kräften, die sich gegenseitig bedingen, vom weiblichen Yin und männlichen Yang, manifestiert in chinesischer Lehre durch Wasser und Berg. Das Ziel des Gärtners: Nie gegen die Gesetzmäßigkeiten handeln. Eine Landschaft, die über Jahrtausende entstanden ist, ist im Gleichgewicht. Menschliches Eingreifen kann hier im Grunde nur stören, es sei denn, es geschieht behutsam und einfühlsam. Hilfreich ist bei der Gartengestaltung etwa das Fengshui, eine Lehre, die sich, wie Wiede betont, einem schnellen Verständnis entzieht. Diese Kunstfertigkeit, die Elemente von Glauben, Wissenschaft und Philosophie in sich trägt, hilft nach chinesischer Anschauung, den Harmonieausgleich wiederherzustellen – einen ausgewogenen Garten zu erschaffen, der als Abbild der Natur gelten kann.

Im Zen hat Enso, also diese „Kreisform“, eine tiefe symbolische Bedeutung. Der Kreis ist dort ein Symbol für die „Wahre-Wirklichkeit“. Illustration FAZ.NET-Multimedia

Die Schnittstelle mit dem Kosmos

I n frühen chinesischen Gärten, etwa ab dem 6. Jahrhundert, soll sich der Mensch als Einheit mit der Natur begreifen können. Der Ort gilt als Schnittstelle mit dem Kosmos. Im Wandel der Zeiten nimmt der Mensch eine wichtigere Rolle ein, er gestaltet, um Stimmungen hervorzurufen, auch wird Bezug zum Haus genommen, Ausblicke durchs Fenster werden inszeniert. Pflanzen spielen im chinesischen Garten eine vergleichsweise untergeordnete Rolle. Lotos und Kiefern hatten ursprünglich eher symbolischen Wert als dass sie als gestalterische Elemente eingesetzt wurden. Vom 9. Jahrhundert an werden sie, wie zum Beispiel Strauchpäonien, wegen ihrer Schönheit in den Garten geholt. Doch finden trotz der überreichen Flora Asiens nur verhältnismäßig wenige Gewächse den Weg in die Beete, ganz anders als in Europa.

Buddha-Statue im japanischen Ryoanji-Garten, Kyoto Foto: Getty

Japanische Gärten fußen auf der chinesischen Tradition, seit dem 3. Jahrhundert gab es Kontakte und Einflüsse. Allerdings entwickelte sich schon früh ein anderer Schwerpunkt in Japan, eine von mythologischen Vorstellungen freiere Umsetzung von der Natur. Mit dem Aufkommen des Zen und den entsprechende Klöstern von 1200 an veränderten sich die Gärten: nicht private Wandel- oder Teegärten, sondern reine Betrachtungsgärten entstanden. Im Zen-Buddhismus offenbart sich Buddha in allem Existierenden, im Fels, im Baum. Die Aufgabe des Menschen ist es, ein Gleichgewicht herauszuarbeiten, etwa wenn es um Architektur und Garten geht. Trockengärten stellen ein sehr reduziertes, abstraktes Bild dar. Leere spielt in ihnen eine besondere Rolle. Zu den bekanntesten, wohl im 12. Jahrhundert entstanden, gehört der Klostergarten Ryoan-ji bei Kyoto: 15 Felsen sind auf einer Fläche aus geharktem Kies plaziert, Pflanzen gibt es keine. Es entsteht ein spannungsreiches Bild aus Stein und Leere, das in der Meditation als Bild für Raum und Zeit erfahren werden kann. Der Fels, für den Berg und das Prinzip Yang stehend, und der Kies, für Wasser und Yin stehend, symbolisieren kosmisches Werden und Vergehen. Gerade die Leere im Garten ist wichtig und soll sich bei der Betrachtung als Ausdruck für Anfang und Ende allen Geschehens erfahren lassen. Der offene Raum ist daher entscheidender Bestandteil japanischer Zen-Gärten.

Die Kunst des Weglassens ist es, die japanische Gestaltung für Europäer so anziehend, erstrebenswert macht. Sie hat schon Künstler und Architekten wie Mies van der Rohe beeinflusst. Dass asiatische Gärten im Trend liegen, liegt an ihrer Qualität. Weniger an den Elementen, die sie ausmachen, sondern durch ihre Stimmigkeit, die der Betrachter spürt. Das macht ihren Einfluss in der westlichen Gartenkultur aus. Am besten lässt sich das natürlich vor Ort erfahren, zum Beispiel im Saiho-ji Moostempel.

Moos-Garten-Weg des Saiho-ji Zen Temple in Kyoto, Japan Foto: Getty

Quelle: F.A.Z.

Veröffentlicht: 21.08.2018 15:02 Uhr