https://www.faz.net/-gz7-9xp1x

Gartenkunst : Wunderbar old fashioned

  • -Aktualisiert am

Skurrile Vasallen: Mehr als hundert Formschnitt-Figuren flankieren das alte Herrenhaus Bild: Astrid Ludwig

Englischer Landschaftsstil, naturnahes Gärtnern – alles Trends, die an Levens Hall vorbeizogen. Auf dem Anwesen im nordenglischen Cumbria greifen Gärtner seit mehr als 300 Jahren unverdrossen zur Formschnittschere. Zum Glück.

          5 Min.

          Die Pyramiden und Kugeln, die Quader, Spiralen und Säulen sind eindeutig zu erkennen. Aber was ist das? Eine Bischofsmütze, eine exotische Blüte oder doch eine der Bauernfiguren des Schachspiels, das sich die früheren Gärtner für den Figurengarten ausgedacht haben? Wie sahen Läufer, Springer oder Turm vor mehr als 300 Jahren überhaupt aus?

          Beim König und der Dame fällt die Entscheidung leicht. Erhaben und fast haushoch thronen sie über den quadratischen Beeten zu ihren Füßen, Verzeihung, ihren Stämmen, die im Frühjahr mit Stiefmütterchen oder Tulpen und im Sommer mit Wolken aus argentinischem Eisenkraut bepflanzt sind. Die majestätischen Roben und Röcke aus grünen Nadeln sind so exakt geschnitten, als wären ihre Konturen mit dem Lineal gezogen worden, die gekrönten Häupter elegant geformt. In ihrem Schatten können Besucher rasten. Bänke umringen die Eibenstämme, die so dick sind, dass sie sich kaum umarmen lassen. Sie wachsen hier, seit Colonel James Grahme das Anwesen Ende des 17. Jahrhunderts erwarb und in Levens Hall seiner Leidenschaft für den extravaganten französischen Gartenstil frönte.

          Mehr als hundert Formschnitt-Figuren stehen dicht gedrängt rund um das gut 800 Jahre alte Herrenhaus mit seinem trutzigen Turm. Fast sieht es so aus, als habe der Colonel seinem wehrhaft wirkenden Landsitz aus normannischer Zeit eine Schar skurriler Vasallen entgegengeschickt. Wir entdecken Pfauen, Löwen und einen kleinen tapsigen Elefanten wie aus Rudyard Kiplings Dschungelbuch entsprungen. Etwas entfernt stoßen wir auf einen voluminösen Kopf mit einer Richterperücke. Und ist das da etwa ein Bierkrug? Vermutlich, schließlich wurde auf Levens Hall auch Bier gebraut. Königin Elisabeth und ihre Hofdamen sollen die Gärtner aus den Eiben geformt haben, dazu Hecken, die aussehen wie die Zinnen einer Burg. 300 Jahre alte Buchen formieren sich in dem 40.000 Quadratmeter großen Garten zu einem Gerüst aus Sichtachsen, Rondellen und Gängen so tief wie Schluchten. Ein grünes Meer aus geometrischen Formen und wunderlichen Phantasiegestalten.

          Eine Welt wie hinter den Spiegeln in „Alice im Wunderland“. Unter den meterhohen Schirmen und den Roben der Schachfiguren, zwischen Kronen, Zylindern, Vögeln und Schneckenhäusern wird der Garten zur Traumlandschaft. Fast wartet man darauf, dass gleich der verrückte Hutmacher auftaucht oder das weiße Kaninchen um die Ecke biegt. Eine Wirkung, die das wechselhafte Wetter am südlichen Zipfel des Lake District noch verstärkt. In einem Moment strahlt die Sonne am blank geputzten Himmel, im nächsten treibt ein scharfer Wind düstere Wolkenberge vor sich her. Die irische See ist nur wenige Meilen entfernt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Auf sich allein gestellt: Migranten im spanischen Lepe

          Asylbewerber ohne Hilfe : Nach Spanien kommen kaum noch Migranten

          Vor der Corona-Krise landeten zeitweilig nirgendwo in Europa so viel Migranten wie in Spanien. Jetzt kommen nur sehr wenige. Die 120.000 Asylbewerber, die sich bereits im Land befinden, sind nun auf sich allein gestellt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.