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Anwesen „Gravetye Manor“ : Schmaler Grat der wilden Schönheit

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Das 400 Jahre alte Herrenhaus ist von 20.000 Quadratmetern Gartenland umgeben. Bild: Astrid Ludwig

Mit „Gravetye Manor“ hat der Ire William Robinson Gartengeschichte geschrieben. Warum das Anwesen noch heute fasziniert.

          Wo Vera ist, ist Tom Coward nicht weit. Die schwarz-weiße Mischlingshündin folgt ihm wie ein Schatten. Bei den täglichen Rundgängen über das Anwesen weicht sie nicht von Toms Seite. Jätet er Unkraut in einem der Beete, sitzt Vera still daneben wie eine Sphinx. Wer den Chefgärtner von „Gravetye Manor“ sucht, hält am besten Ausschau nach seinem Hund. An diesem Nachmittag sind beide an der Rückseite des 400 Jahre alten elisabethanischen Herrenhauses anzutreffen. Der Head Gardener arbeitet im Blumengarten. Der „Flower Garden“ ist einer der elf Gartenbereiche, die William Robinson von 1885 bis zu seinem Tod 1935 auf dem fast 50.000 Quadratmeter großen Anwesen im südenglischen Sussex anlegen ließ. Blickfang ist ein sattgrünes Rasengeviert, eingerahmt von einer weißen Glyzinie, die ihre duftenden Blütentrauben geradezu verschwenderisch um die Hölzer einer Pergola schmiegt, und üppig farbenfrohen Staudenbeeten, in denen zu dieser Jahreszeit Rosen, Lupinen, Schwertlilien, Mohn, Allium, Artischocke oder auch Engelwurz wachsen. Ein englischer Garten wie aus einem Gemälde, mit Wegekreuz, Sonnenuhr und einem kleinen Teehaus, von dem man aus in die Landschaft und den Garten blicken kann.

          Tom Coward ist braungebrannt. Er trägt kurze Hosen und kariertes Hemd, ein Mann mit wenig Haar und rauhem, kräftigem Händedruck. „Kiel oben“ jätet er in der Pflanzung, schimpft über die Ackerwinde, die ihre Fangarme um Stiele und Staudenblüten schlingt, und den Schachtelhalm, der sich als ein ebenso ungebetener wie lästiger Gast erweist. Unkraut macht sich eben selbst im Profigarten breit – für Laien irgendwie beruhigend. Als Coward 2010 nach Gravetye kam, hatte das prächtige Anwesen, das vor 60 Jahren in ein kleines exklusives Landhotel umgewandelt wurde, gerade einen Niedergang erlebt. Der frühere Besitzer hatte sich aus Altersgründen nicht mehr ausreichend um Haus und Gärten kümmern können. „Die Beete waren vernachlässigt, der Küchengarten teils mit Brombeeren überwuchert, ein heftiger Sturm hatte Bäume beschädigt“, erinnert er sich. Mit dem neuen Hotelier änderte sich das. Acht Vollzeitgärtner kümmern sich heute das ganze Jahr über um die rund 20.000 Quadratmeter Gartenland, die das Herrenhaus umsäumen. Eine Stiftung betreut das dazugehörige große Waldgebiet, in dessen Mitte „Gravetye Manor“ liegt.

          Ein Gang durch die prächtige Glyzinien-Pergola bezaubert.

          Als William Robinson das Anwesen 1884 sah und kaufte, wusste er, dass dies der Platz war, wo er in den nächsten Jahrzehnten alle seine revolutionären Gartenideen und Pläne für eine moderne Forstwirtschaft verwirklichen konnte. Er legte den Flower Garden an, mehrere Gewächshäuser, einen riesigen Küchengarten, Wildblumenwiesen, Azaleenhügel, einen großen Teich und eine Apfelbaum-Plantage. 50 Jahre lang erschuf er hier eine neue Gartenwelt, die sich so grundlegend von dem unterschied, was bisher in England Mode war. Statt viktorianischer formaler Strenge und empfindlichen Exoten propagierte Robinson den wilden, naturnahen Garten mit einheimischen Pflanzen. Parallel zur Arts-and-Crafts-Bewegung in England suchte er das Einfache, Simple und Natürliche auch in der Gartengestaltung. Er machte alpine Pflanzen im Steingarten populär, pflanzte winterharte Stauden und Einjährige in natürlich aussehenden Gruppen, empfahl die Unterpflanzung mit Bodendeckern, damit keine nackte Erde zu sehen ist, und liebte das sanfte Zusammenspiel des Gartens mit der umliegenden Landschaft. William Robinson zelebrierte die Schönheit der Natur und einen Gartenstil, den sich jeder leisten können sollte. Sogar der heute nicht mehr wegzudenkenden Gebrauch von Gartenschere und Gartenschlauch geht auf seine Ideen zurück. Er war Pionier und Wegbereiter der modernen englischen Gartengestaltung.

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