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Raus aus dem Grau : Geteiltes Laubenglück

Jetzt sollen Schreber teilen. Bild: Patricia Kühfuss

Ein Berliner Unternehmer will erholungssuchende Großstädter zu Kleingärtnern in Teilzeit machen. Wie sieht sein Plan für dieses Unterfangen aus?

          Wenn Karsten Roth Klinken putzen geht, bringt er einen Stapel Handzettel, einen Tacker und gute Laune mit. Damit will er auf sein noch junges Geschäftsmodell aufmerksam machen. „Datschlandia“ nennt der 43 Jahre alte Betriebswirt sein Vorhaben, Untertitel: „Hilfe im Garten“. So steht es auf den Handzetteln, mit denen Roth an einem Sommertag durch die Kleingartenkolonie „Treue Seele“ im Berliner Stadtteil Neukölln streift. Alle paar Schritte tackert er einen Flyer an ein Gartentor. Rührt sich dahinter etwas, greift die gute Laune. „Guten Tag, ich komme von Datschlandia. Garten sucht Freund!“, ruft Roth, um mit den Pächtern ins Gespräch zu kommen. Ein paar Augenblicke bleiben ihm, um loszuwerden, was er vorhat.

          Was das ist, hat mit dem Gedanken der „Sharing Economy“ zu tun, jener Art der Wirtschaft, die über das Internet Eigentümer von Gütern mit potentiellen Mitnutzern zusammenbringt. Für die Wirtschaft des Teilens stehen Unternehmen wie die Mitwohnplattform Airbnb oder der Fahrdienstvermittler Uber. Geht es nach Roth, soll Datschlandia zu einer ähnlich funktionierenden Plattform werden, wenn auch in kleinerem Maßstab als die weltumspannenden Netzwerke aus dem Silicon Valley. Roth will zwei Gruppen verbinden, die bisher nicht so einfach zueinander fanden. Auf der einen Seite: Kleingartenpächter, die ihre Parzelle nicht mehr ordnungsgemäß bewirtschaften können – vielleicht aus Altersgründen, vielleicht auch, weil ihnen die Zeit fehlt. Auf der anderen Seite: erholungssuchende Großstädter, die sich für einen Garten interessieren, ihn aber nur einen Tag in der Woche hegen und pflegen wollen. Vor allem scheuen sie sich, sich langfristig an einen Kleingartenverein und dessen Satzung mit allen Rechten und Pflichten zu binden. Dazwischen steht Roth als Plattformbetreiber, der Vollzeitlaubenpieper und Gelegenheitsgärtner zueinander bringt, damit Letztere Ersteren unter die Arme greifen und gleichzeitig die Vorzüge eines Kleingartens genießen können.

          Dreimal so viele Gesuche wie Angebote

          In der Kolonie „Treue Seele“ stößt Roth auf offene Ohren. „Das ist ja toll“, sagt eine Frau zu Roth. „Gehen Sie doch in die Kantine, da treffen sich die Älteren immer“, rät eine andere. Vor dem Vereinsheim zieht ein Mann in kurzen Hosen eine Tonne mit Gartenabfällen hinter sich her. Auch ihm erklärt Roth, warum er an diesem Tag die Anlage besucht. Der Mann wirkt angetan: Die jungen Menschen würden ohnehin nur auf ihren Smartphones herumdrücken. „Die verpassen noch die ganze Welt“, wundert er sich und gibt Roth dann per du sein Einverständnis, die Handzettel weiter zu verteilen. „Ist in Ordnung, Karsten. Ich bin der Vorstand hier.“

          14.000 Handzettel hat Roth nach eigenen Angaben seit dem vergangenen Sommer in Berliner Kleingärten verteilt. Die Reaktionen seien fast immer positiv ausgefallen, sagt er. Ihm zufolge melden ich täglich immer neue Interessenten – Anbieter, vor allem aber Menschen, die einen Garten suchen. Derzeit gebe es dreimal so viele Gesuche wie Angebote. „Jeder Eigner hat also gute Chancen, einen Partner zu finden“, sagt Roth. Wie viele Pärchen er schon zusammengebracht hat, will er nicht verraten. Momentan „matche“ er aber täglich, die meisten dieser Paarungen funktionierten gut.

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          Ursula Schanzenbach ist die eine Hälfte eines solchen Paares. Seit einem Vierteljahrhundert nennen die 66 Jahre alte ehemalige Familientherapeutin und ihr Mann einen Kleingarten im Potsdamer Stadtteil Babelsberg ihr Eigen. Nun, in der Rente, wollen die Schanzenbachs aber nicht mehr so viel Zeit im Garten verbringen, weil sie stattdessen mit ihrem Campingmobil unterwegs sind. Den Garten aufzugeben kommt aber auch nicht in Frage. „Wir hängen daran. Der Sommer ist lang, und wir sind nicht die ganze Zeit unterwegs“, sagt Schanzenbach. „Und es ist einfach schön, im Garten zu sein.“

          Über Datschlandia fanden die Schanzenbachs schon im vergangenen November eine Frau, die im Garten mitarbeiten wollte. Im März begann dann die Zeit des Teilens. „Unkraut jäten, Sträucher schneiden, Rasen mähen und vor allem gießen“, umschreibt Schanzenbach das Aufgabenspektrum, das sie sich von ihrer Gartenpartnerin erhofft hatte. Doch so ganz erfüllt haben sich diese Erwartungen nicht. „Für uns war sie zu selten da“, sagt Schanzenbach. Ein klärendes Gespräch soll nun helfen, dass es in der nächsten Saison besser läuft. Sonst wäre sie aber auch bereit, einen neuen Versuch zu starten und über die Plattform einen anderen Partner zu finden.

          Vermittlung der Gärten soll auch Geld abwerfen

          Dass es dafür genügend Bewerber geben könnte, verdeutlichen Daten des Bundesverbands Deutscher Gartenfreunde e. V. Rund eine Million Kleingärten gebe es in ganz Deutschland, in Berlin sind es 67.000 Stück. Allein in der Hauptstadt warten derzeit rund 12.000 Menschen auf eine eigene Parzelle. Dazu kommt die Klientel, auf die Datschlandia-Gründer Roth abzielt. Der Kleingartenverband nennt deshalb Roths Angebot „interessant“. Auch angesichts wegfallender Parzellen, auf denen Wohnungen gebaut werden, hätten Sharing-Projekte generell ihre Berechtigung, weil sie eine zunehmende Nachfrage befriedigen könnten, heißt es beim BDG.

          Das hofft auch Karsten Roth und denkt schon ans Expandieren. Erst will er in weitere Städte in Deutschland gehen, nach Hamburg oder nach Leipzig. Später will er europäische Länder erobern wie Polen, Tschechien, Großbritannien oder die Schweiz. Irgendwann einmal soll die Vermittlung der Gärten dann auch Geld abwerfen. Datschlandia macht bisher noch keinen Umsatz, und der Betriebswirt Roth, der schon für Daimler und Bertelsmann gearbeitet hat, finanziert sein Unternehmen selbst. In Zukunft will er eine Gebühr von den potentiellen Teilzeitgärtnern erheben, wenn er sie erfolgreich vermittelt hat. Die könnte 350 Euro betragen für eine Saison von März bis Oktober. Wer einmal die Woche in den geteilten Garten geht, bekäme ihn also für rund 11 Euro je Besuch.

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