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Garten : Ruinöser Trend

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Kulissenarchitektur: Sieht aus wie von gestern, ist aber brandneu. Bild: Archiv

Follies, Verrücktheiten, heißen falsche historische Kulissen in England. Auch in hiesigen Gärten sind sie in Mode.

          Das muss doch eine Klosterruine sein. Darauf tippen die meisten Besucher im lauschigen Innenhof des Keramikmuseums Berlin, wenn sie die mit wildem Wein bewachsenen, verwitterten Arkaden sehen. Die bestimmt sechs Meter hohen Backsteinbögen stehen eingezwängt zwischen Hinterhäusern, das kleine, privat betriebene Museum liegt mitten im Stadtteil Charlottenburg. Der Hof ist wildromantisch. Viele Besucher kommen eigens her, um die Idylle zu genießen und um hier zu picknicken. Doch der Bau war nie sakral, sondern nur ein Tanzschulsaal, zerstört im Zweiten Weltkrieg.

          Egal, die Ruine wirkt. Und das offenbar so sehr, dass einige Menschen mittlerweile viel dafür geben, ein derart angeschlagenes Mauerwerk in den eigenen Garten zu holen. Bröckelnde Steinmauern zieren die Terrasse, verwitterte Sandsteinsäulen machen sich gut am Rosenspalier, Arkaden wirken schmuck im Staudenbeet.

          Die Phantasie hat freien Lauf. Ganz offen geben das Landschaftsplaner oder Gartenarchitekten zu: Im Ruinenbau wird munter drauflosgefälscht. Ein gotischer und ein romanischer Bogen dürfen neben einer imitierten Tempel-Attika stehen. Das mag bei Kunsthistorikern vielleicht zur Schnappatmung führen, doch was soll’s.

          Schmuckbauten als romantische Terrassen

          Die Idee, das Gartenreich mit Ruinenarchitektur zu verzieren, ist hierzulande neuerdings im Kommen, doch eigentlich ist sie ein alter Hut. In den historischen Landschaftsgärten des späten 18. wie des 19. Jahrhunderts war die Ruine ein fester Bestandteil der gängigen Kulissenarchitektur. Sie galt als das i-Tüpfelchen der Gartengestaltung. Eine ähnliche Schmuckfunktion hatten auch Pyramiden, die in fürstlichen Parks errichtet wurden, römisch anmutende Tempelruinen, künstliche Äquädukte oder gar eigens angelegte Inseln mit einem Vulkan darauf. „Follies“ nannten Engländer diese Kulissen, „Verrücktheiten“. Nützlich sollten sie aber dennoch sein: Die Schmuckbauten dienten als romantische Terrassen.

          Einen Freisitz mit pseudohistorischem Charme wünschen sich auch heutige Gartenbesitzer. Wichtig: Die Materialien müssen echt und gebraucht sein. Kunststeine aus dem Baumarkt sind tabu. Stattdessen ist eine Container-Ladung alter Ziegel recht. Mittlerweile gibt es diese Recycling-Steine in vielen spezialisierten Baustofflagern (siehe Kasten); dazu braucht man ein, zwei alte Metallfenster beispielsweise aus einem Viehstall, vielleicht noch einen gusseisernen Bollerofen aus Großmutters Zeiten, der sich gut als Dekoration macht, und eine Kiste alter Dachpfannen.

          Ungefähr mit diesem Arbeitsmaterial geht der Garten- und Landschaftsbauer Christoph von Mulert ans Werk. In und um seinen Heimatort Hamminkeln am Niederrhein hat von Mulert schon viele historische Kulissenwände gebaut. Der Planer beschafft alle Materialien selbst. Seit mehr als zehn Jahren steht er in der Gegend am Niederrhein parat, sobald eine alte Scheune, ein Wohnhaus oder eine einstige Fabrik abgerissen wird. Dann sammelt er die Ziegel ein. Früher hätte man dort allenfalls markante Einzelteile gesichert. Jeder kennt die großen, alten Mühlsteine, die schon seit Jahrzehnten zur Dekoration in Blumenbeeten dienten. Genauso machten andere Teile aus Antik-Trödelmärkten eine Karriere als Schmuckobjekte in Einfamilienhausgärten: Ob es nun Milchkannen waren, alte Eisenbahnbohlen, die die Rabatten begrenzten, oder die historische Straßenlaterne. Heute darf es dagegen noch viel mehr sein und vor allem: Es wird teilweise aufwendig gebaut mit den manchmal mehrere hundert Jahre alten Stücken.

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