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Flüchtlingsunterkunft, Stufe 2 : Von der Notaufnahme ins Mini-Reihenhaus

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Diese kleinsten, nur 3,88 Meter breiten Haustypen haben es in sich, meint Schierloh. Zweigeschossig und auf 75 Quadratmetern können bis zu elf Personen in zwei separaten Wohnbereichen auf zwei Etagen Platz und vor allem Privatsphäre finden. Bauphysikalisch entspreche alles den hohen Anforderungen der aktuellen Energieeinsparverordnung, der Baukern besteht aus vorgefertigten Betonfertigplatten. Zur Flexibilität und späteren Umnutzung tragen die herausnehmbaren Leichtbauwände im Inneren bei. Die Preise für ein Reihenhaus inklusive kleinem Grundstück liegen zwischen 130.000 und 205.000 Euro für Wohnflächen zwischen 75 bis etwa 120 Quadratmeter. „Das Angebot für das Flüchtlingswohnen funktioniert über Standardisierung in der Herstellung und Quersubventionierung“, sagt Schierloh. Auch die Bremer Architekten Stefan Feldschnieders und Tobias Kister, eigentlich auf Schul- und Zweckbauten spezialisiert, haben die Nische Flüchtlingswohnen für sich entdeckt und sind momentan mit ihren Ideen außer in Bremen auch in Hamburg und Hannover erfolgreich. Ein von ihnen entwickeltes Containerdorf wird zurzeit in Bremen-Grohn und wohl bald auch in Bremen-Lesum umgesetzt. Die Idee von Feldschnieders und Kister: „Wir schaffen Wohnraum, der schnell funktioniert, trotzdem in Form eines Hofhauses mit Innenhof noch Wohncharakter hat und allen Anforderungen an den normalen Wohnungsbau entspricht.“ Anstatt die Container wie andernorts aufeinanderzustapeln, sind sie in der Form von Atriumhäusern um einen Innenhof plaziert.

Bei der Bremer Zechbau tut sich ebenfalls einiges: Fertige Pläne für 600 Appartements auf einem ehemals als Bürostandort vorgesehenen Areal in Universitätsnähe und im Besitz der Zechgruppe sollen Anfang Mai die Hürde der Baugenehmigung nehmen. In vier Gebäude sollen zunächst Flüchtlinge und später Studenten ziehen. Sprecher Holger Römer beziffert das Investitionsvolumen auf etwa 40 Millionen Euro. Zechbau plant weitere Flüchtlingsunterkünfte in Hannover und Hamburg.

Wohnghettos verhindern

Die Strenger Gruppe aus Ludwigsburg bei Stuttgart hat vor wenigen Monaten das Projekt „Nest“ (New Estate Short Time) ins Leben gerufen, mit dem sie Kommunen ein innovatives Angebot machen will. Unter „Nest“ sind Reihenhäuser und Mehrfamilienhäuser in Massivbauweise zu verstehen, die Gruppen von bis zu 15 Flüchtlingen ein gemeinschaftliches Zusammenleben ermöglichen soll. Nach den Angaben von Strenger drücken eine standardisierte Produktion sowie eingespielte Arbeitsabläufe und optimierte Prozesse den Herstellungspreis: Er entspreche für die Reihenhäuser bei einer Nutzungsdauer von zehn Jahren je Bewohner rund 110 Euro im Monat. Die Bauweise mit Fertigteilen erlaubt zudem eine bezugsfertige Erstellung der Wohnanlagen in nur vier Monaten Bauzeit. Die „Unterkünfte auf Zeit“ können später auch für andere Zwecke genutzt werden. Mit geringem Aufwand lassen sich die Häuser beispielsweise in Einhaushaltshäuser umgestalten, die Mehrfamilienhäuser in sozialen Wohnraum oder Studentenunterkünfte.

Der Spitzenverband Zentraler Immobilienausschuss (ZIA) weist indes vorsorglich darauf hin, dass bei aller Notwendigkeit, Flüchtlinge in feste Wohnquartiere zu integrieren, das ganzheitliche Wachstum in den Städten nicht zu kurz kommen dürfe. „Die Zuwanderung durch Flüchtlinge darf nicht dazu führen, dass neue Baugenehmigungen wie in einzelnen Regionen der Fall ausschließlich für Wohnungsprojekte erteilt werden“, meint ZIA-Präsident Andreas Mattner. Der Immobilienmanager warnt vor reinen Wohngettos, in denen die Lebensqualität dann stark eingeschränkt sei. Und so mancher Eigentümer fürchtet bereits um den Wertbestand seiner Immobilie, sollte ein Projekt Flüchtlingswohnen in seinem Quartier realisiert werden.

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