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Ferienhäuser an der Ostsee : Hiddensee lockt Liebhaber

  • -Aktualisiert am

Käufer suchen Natur, Ruhe und Lage. Bild: Thomas Linkel/laif

Wirtschaftliche Vernunft ist beim Kauf eines Ferienhauses auf der Ostseeinsel nur hinderlich. Unbedarft sollten Käufer trotzdem nicht an die Sache herangehen. Und wer ungeduldig ist, hat schlechte Karten.

          5 Min.

          Viele Menschen sehnen sich nach der einsamen Insel, auf der es weder Viren, Terroranschläge noch wild gewordene Machthaber gibt. Aber man muss schon etwas speziell sein, wenn man immer wieder an einem Ort Ferien machen will, an dem es zwar diese Schrecken nicht gibt – aber auch keine wildromantischen Restaurants, Schwimmbäder für Regentage oder gar ein Krankenhaus, von einer bequemen Anfahrt per Auto ganz zu schweigen. Doch die Ostseeinsel Hiddensee, ein kleines Eiland in Seepferdchenform mit rund 1000 Einwohnern, das man nur mit dem Schiff von Stralsund oder Rügen aus erreicht, ist ein Ort, dessen Sehnsuchtsfaktor unzerstörbar ist. Das gilt gleichermaßen für Waldorfschulen-Mamis vom Prenzlauer Berg mit ihren Lunas und Finns im Schlepptau, Ostalgiker aus der DDR-Opposition, elegante Künstler und rheinische Unternehmer, für die es nichts Schöneres gibt, als sich im Garten eines reetgedeckten Schlumpfhauses mit Blick auf die Dünen an einer Pumpe im Garten zu waschen. Die Wege sind hier nicht platt betoniert, statt Autos fährt man mit Rädern oder Pferdekutschen, und wer krank wird, der wendet sich an den einzigen Inselarzt, der halt zur Not einen Hubschrauber ruft.

          „Der Immobilienmarkt erlebt in Hiddensee wie auch im benachbarten Rügen gerade eine Hochphase“, sagt Jörg Klarner, Inhaber der Firma JK-Immobilien Group, der auf die Vermittlung von Ferienimmobilien an der Ostseeküste spezialisiert ist. „Bei den Kunden, die hier kaufen wollen, spielt wirtschaftliche Vernunft meist überhaupt keine Rolle. Da das Angebot so klein ist, sind viele bereit, weit über dem eigentlichen Wert eines Hauses zu kaufen.“

          Nur zwei bis drei Angebote im Jahr

          Jedes Jahr gibt es auf der Insel nur zwei, drei Objekte, die angeboten werden. Sowohl historische Häuser mit Reetdach als auch Bungalows aus der DDR-Zeit sind zu teuren Immobilien geworden, selbst wenn sie nicht danach aussehen. „Der Luxus ist die Lage, das ruhige Leben, die Geborgenheit und die Ursprünglichkeit der Ost-Ostsee“, sagt Klarner. „Aber gegen Sylt ist Hiddensee noch preiswert.“ Er hat gerade eines der beliebten typischen Reethäuser im Angebot: Baujahr 1871, 139 Quadratmeter Wohnfläche, 463 Quadratmeter Grund. Geforderter Kaufpreis für das Liebhaberobjekt: 768 000 Euro. „Und man muss noch mal 100 000 Euro reinstecken“, sagt Klarner. Dennoch ist er sicher, dass das Haus im Ort Neuendorf bald einen neuen Eigentümer hat. Da die Gemeinde Hiddensee kein neues Bauland ausweist, um den Charakter der Insel zu schützen, sind die bestehenden Häuser umso begehrter. So bekommt er wie auch seine Kollegen fast täglich Anfragen aus ganz Deutschland. Die Kunden wollten vor allem Lage, Natur, Idylle. Man kann auch sagen: ein knorriges Stückchen Inselland mit viel Wind, Vögeln und einem Friedhof, der so idyllisch ist, dass man gerne dort begraben wäre. Für die hohen Immobilienpreise kaufen die Kunden aber auch das Gefühl, in einem Universum deutscher Kulturgeschichte zu leben, in deren Zeitstrahl man sich zumindest im Geist nach vorne und hinten beamen kann.

          Bild: Sabine Levinger

          Denn die karge Insel mit ihren spektakulären Sonnenuntergängen, die lange Zeit vom Fischfang lebte, wurde schon vor mehr als hundert Jahren zum Refugium von Künstlern, belesenen Bürgern und Politikern jeder Couleur. So verband den Schriftsteller Gerhart Hauptmann ab dem Ende des 19. Jahrhunderts mit Hiddensee eine lebenslange Liebe, und er zog Künstler wie Asta Nielsen und Thomas Mann an seinen Hof. Auch die Tänzerin Gret Palucca entdeckte die Insel als ihren Zufluchtsort, ganze Kolonien von sogenannten Reformweibern und Mitglieder des Künstlerinnenbundes kamen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ans Meer, um unter freiem Himmel zu arbeiten. In der DDR suchten Regimekritiker auf Hiddensee Zuflucht, die hier, dem Helden aus Lutz Seilers Roman „Kruso“ gleich, in einer Kolonie Gleichgesinnter als belesene Saisonkräfte in der Gastronomie arbeiteten. Gleichzeitig machten Vertreter der SED-Nomenklatura wie der Stasi-Hauptabteilungsleiter Markus Wolf im Ort Kloster Ferien und schreckten der Fama nach auch nicht vor Geschäften von Haftentlassung gegen günstigen Häuserkauf zurück. Wie im Fall des inhaftierten jungen Punkmusikers Aljoscha Rompe, dessen Eltern der Stasi im Jahr 1987 eines ihrer begehrten Häuser wohl zu einem Vorzugspreis überließen.

          Käufer sind oft Ärzte

          „Mit den Terroranschlägen in Europa und der Türkei haben wir dann das erste Mal nach der Wende eine immer stärkere Hinwendung von Kunden zur Ostseeküste erlebt – und die Bereitschaft, sehr hohe Preise auch für eine mittlere Bausubstanz zu zahlen, wenn die Lage stimmt“, berichtet Makler Jörg Klarner. Dazu komme die Tatsache, dass die Erbengeneration heute oft Negativzinsen bei der Anlage von großen Geldbeträgen zahlen muss und das Geld lieber in Steinen anlege. Die Kunden kaufen die Häuser auf Hiddensee meist mit Eigenkapital. „Eine Bank würde einen Großteil der Bauten da auch gar nicht finanzieren, denn die will nicht ein Haus für 650 000 Euro finanzieren, das aber nur 450 000 Euro wert ist“, sagt Klarner trocken. „Wenn die Kunden aber ihr Eigenkapital sicher anlegen und vielleicht mit der Vermietung einer Etage im Jahr noch 40 000 Euro einnehmen, dann lohnt sich das doch.“ Bei den oft aus dem Medizinermilieu stammenden Kunden gibt es laut Makler Klarner keine Ost-West-Unterschiede mehr, denn in dreißig Jahren haben viele Ostdeutsche sich solide wirtschaftliche Existenzen aufgebaut und können nun genauso wie Westdeutsche kaufen. Dennoch haben besonders Ostdeutsche oft Kindheitserinnerungen an ihre Ferien auf Hiddensee in FDGB-Heimen oder bei Privatvermietern, die sie heute dazu bringen, dort ihr Geld anzulegen.

          Der Potsdamer Makler Thomas Trautwein von der Firma Alpha-Immobilien hat seit 1990 auf Hiddensee durchgehend einen stetigen Preisanstieg beobachtet. „Bislang gab es noch nie Rücksetzer“, formuliert er. Laut Trautwein liegen die Grundstückspreise zwischen 300 und 600 Euro je Quadratmeter, die mittleren Quadratmeterpreise für Etagenwohnungen bei 5000 Euro. „Häuser auf Hiddensee werden aus dem Bauch heraus gekauft, und dabei spielt finanzieller Realismus oft keine Rolle mehr“, hat auch er beobachtet. So hat er schon erlebt, dass ein kleines Ferienhaus in der Heide südlich von Vitte mit rund 50 Quadratmetern um 500 000 Euro angeboten wurde. Völliger Wahnsinn? „Ein Bild von Rubens wird ja auch nicht danach bemessen, was die Summe der verwendeten Materialien ist, sondern man möchte solch ein Bild haben oder eben nicht“, kommentiert der Makler. Er schätzt, dass sich durch das stark begrenzte Angebot die Kaufpreise weiter linear, aber nicht sprunghaft, nach oben bewegen werden. Trautwein erklärt den anhaltenden Immobilienboom auf der Insel nicht nur mit dem kulturell und biographisch bedingten „Hiddensee-Profil“ der Kaufinteressenten. „Man kann hier innerhalb von zehn Minuten von der Ost- zur Westseite gehen und die Sonne im Meer versinken sehen – nur wenige der Ostseeinseln haben einen so idyllischen Weststrand zu bieten.“

          Der Hiddenseer Bürgermeister Thomas Gens, der der „Hiddenseepartei“ angehört, will vor allem dringend benötigten Wohnraum für die hier lebenden Bürgerinnen und Bürger schaffen, weitere Baugenehmigungen für Ferienimmobilien soll es nicht geben. „Wir streben so etwas an wie einen Berliner Milieuschutz“, sagt der Bürgermeister. Denn das Klischee vom reichen Schweizer Zahnarzt, der ein Haus kauft und nur einen Monat bewohnt, ist auf der Insel ein beliebtes Feindbild geworden, da die meisten Menschen, die von und auf der Insel leben, sich heutzutage keine Immobilie mehr in einer Generation erarbeiten können. Milieuschutz heißt für den Bürgermeister: eine Mischung von Dauerwohnungen, Ferienappartements und Häusern der alten Hiddenseer. „Wir wollen keine Insel der Hausmeister sein“, sagt Thomas Gens bestimmt.

          Für den neuen Kauftrend auf der Insel braucht man allerdings auch gar keinen Hausmeister. Denn seit rund einem Jahr werden selbst unbebaubare Heideflächen im Naturschutzgebiet gekauft, auf denen man jedoch nicht einmal zelten oder einen Wohnwagen aufstellen darf. Nur, was macht man mit einem Stück Heide im Meer, außer sich draufzusetzen und in den Himmel zu schauen? „Kunden legen hier Summen von 5000 bis 20 000 Euro an, weil das Vertrauen in den Euro geschmolzen ist. Es ist hier zwar kein Gewinn in den nächsten Jahren zu erwarten, aber eben auch kein Verlust“, erläutert Trautwein, der seit dreißig Jahren im Vermittlungsgeschäft ist. Sein Kollege Jörg Klarner erklärt solche pommerschen Monopoly-Strategien anders: „Die Menschen wollen einfach ein Stück Hiddensee haben, ein Bild, einen Traum kaufen.“ Und wer dort sogar ein Haus geerbt hat? „Der hat Goldstaub“, sagt Makler Klarner.

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