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Zuhause auf 2,8 Quadratmeter : Ein Mini-Eigenheim für Obdachlose

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Sven Lüdecke bei der Arbeit Bild: dpa

Ein Hobby-Schreiner baut kleine Wohnboxen und verschenkt sie. So müssten Obdachlose nicht mehr in der Kälte übernachten und hätten einen eigenen Schlafplatz, sagt er. Doch die Stadt Köln hat Bedenken.

          Sven Lüdecke wirft seine Kreissäge an und zerteilt ein Holzbrett. „Das muss genau 55 Zentimeter lang sein, damit es perfekt in das Dach passt“, erklärt der 39-Jährige. Seit Anfang November zimmert er kleine Wohnboxen für Obdachlose zusammen. In seinem Innenhof in Köln steht ein Exemplar, das noch in Arbeit ist. Die Box misst 2,8 Quadratmeter, das ist nicht besonders groß, „aber immerhin ein besserer Schlafplatz als die Straße“, sagt Lüdecke. Rollen machen die Wohnkiste mobil, durch ein kleines Fenster fällt etwas Tageslicht. Stehen kann man in dem Mini-Haus nicht, zum Schlafen und Unterbringen von Hab und Gut reicht es aber.

          Sieben solcher Boxen hat Sven Lüdecke schon gebaut und Obdachlosen übergeben. Eine davon bekommt Andreas. Der 51-Jährige hat schon einen Schlüssel zu seiner Kiste, sie steht noch bei Lüdecke auf dem Hof. Noch schläft Andreas in einem Zelt in einem kleinen Waldstück am Rande Kölns. „Besonders nachts ist das unglaublich nass und kalt“, erzählt er. Die Wohnbox gebe ihm das erste Mal wieder das Gefühl, etwas Eigenes zu haben. „Und das ist wunderbar.“

          Andreas und seine Hündin Bella freuen sich über die neue Bleibe.

          Bundesweit gibt es nach den im Dezember von der Bundesregierung veröffentlichten Zahlen rund 335.000 Wohnungslose. 2010 waren es noch 248.000. Dabei sind auch Menschen mitgezählt, die in Notunterkünften oder Heimen untergebracht oder bei Verwandten untergekommen sind.

          Eine Lösung für die Probleme von Obdachlosen sieht die Stadt Köln in den kleinen Wohnboxen allerdings nicht. „Bei diesen Boxen handelt es sich nach dem, was der Stadt bislang telefonisch angekündigt wurde, um eine Unterkunft ohne Strom, Wasser, Kanal, Heizung und ohne ausreichende Stehhöhe“, sagt Pressesprecherin Inge Schürmann. „Für die dauerhafte Nutzung als Wohnraum sind solche Boxen nicht genehmigungsfähig.“ Konkrete und prüfbare Angaben lägen nicht vor, obwohl man darauf hingewiesen habe, teilte die Stadt mit.

          In Köln müsse niemand auf der Straße oder unter der Brücke schlafen, ergänzt Schürmann. „Wir haben eine große Vielfalt von Angeboten für diesen Personenkreis, Köln ist eine mitfühlende Stadt.“

          Ganz so einfach ist das nach Ansicht der Betroffenen aber nicht: Peter wohnt seit einigen Wochen in einer Wohnbox. In städtischen Unterkünften hat der 33-Jährige schlechte Erfahrungen gemacht, sich unwohl gefühlt: „Die Leute haben sich da schon aufgegeben und prügeln sich.“

          Es gebe auch andere Gründe, städtische Hilfe abzulehnen, erklärt Thomas Gleißner von der Caritas: „Die Gründe dafür, Hilfe abzulehnen, sind sehr vielschichtig. Manche wollen sich einfach selbständig durchschlagen, andere haben psychische Probleme.“ Häufig sei auch Alkohol im Spiel.

          Rückendeckung bekommt Lüdecke auch aus Berlin. Die dortige Caritas-Direktorin Ulrike Kostka beobachtet ähnliche Projekte in der Hauptstadt: „Obdachlosen einen Rückzugsort zur Verfügung zu stellen, finde ich gut und kreativ. Vor allem macht es auf die Situation der Menschen aufmerksam.“

          Ein guter Standort ist schwer zu finden

          Seine Wohnboxen baut Lüdecke nebenbei, an Wochenenden oder nach der Arbeit. Denn eigentlich ist er Fotograf bei einer Hotelkette. Große deutsche Fernsehsender und Zeitungen seien schon bei ihm gewesen, sagt Lüdecke. Gelegentlich organisiert er Bauwochenenden, Nachbarn und Obdachlose kommen dann vorbei und schreinern, kleben und schrauben gemeinsam.

          Rund 600 Euro koste ihn eine der Boxen, sagt der Hobby-Schreiner. Er finanziere sie mit privatem Geld. Das sei aber bald aufgebraucht. Weitermachen will er trotzdem. „Wir bekommen Sachspenden von Firmen und ein Verein ist in Gründung.“

          Probleme haben die Obdachlosen noch mit den Standorten der Boxen. „Sobald Boxen auf städtischem Grund stehen, werden sie abgeräumt“, sagt Stadtsprecherin Schürmann. Eine Box habe im Kölner Stadtwald gestanden: „Die hat das Ordnungsamt aufgenommen. Der Fall liegt jetzt zur Prüfung beim Bauaufsichtsamt.“

          Ganz neu ist die Idee mit den Boxen nicht. Ein Amerikaner zimmere solche Häuschen ausschließlich aus Sperrmüll, erzählt Lüdecke, das habe er im Fernsehen gesehen - und die Idee nach Deutschland geholt. Der 39-Jährige hat mittlerweile auch einen Partner in Berlin gefunden, der dort ebenfalls Wohnboxen für Bedürftige baut.

          Willi Does, Präsident von Emmaus Europa, einem Verein, der sich auch für Obdachlose einsetzt, meint: „Die Wohnboxen sind ganz nett, das Projekt wird aber nicht lange bestehen. Und die Lösung für das große Problem des bezahlbaren Wohnraums ist das auch nicht.“

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