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Unklare Eigentumsverhältnisse : Der Kampf um die spanischen Kirchen

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Alt, mächtig, umstritten: Die Kathedrale von Burgos Bild: Arcaid/Masterfile

Wem gehören die sakralen Bauten in Spanien? Das ist nur scheinbar eindeutig geregelt. So mancher fordert, die Kirchen an den Staat zurückzugeben.

          Wer Spaniens Städte zu Fuß durchstreift, ist häufig von der Vielzahl sakraler Bauten beeindruckt. Neben den großen, berühmten Kathedralen gibt es schier unzählige kleinere Kirchen und Kapellen, viele von hohem künstlerisch-architektonischen Wert. Über die Eigentumsverhältnisse all dieser Bauten denkt kaum ein ausländischer Besucher nach - wohl inzwischen aber mehr und mehr Spanier.

          Auf der Iberischen Halbinsel gab es genauso wie in weiten Teilen des übrigen Europas ursprünglich keinerlei Grundbucheintragungen dieser Sakralbauten. Das erklärt sich daraus, dass Kathedralen, Klöster, Kirchen und andere kirchliche Bauten meist deutlich früher entstanden sind als die vergleichsweise moderne Einrichtung der Grundbücher. Als sich das Franco-Regime in Spanien etablierte, erhielt 1940 die katholische Kirche das Recht auf Eintragung ihrer Bauten in das weltliche Register. Voraussetzung war lediglich die Unterschrift des regional zuständigen Bischofs. Andere Dokumente waren überflüssig. Dieses Recht hat die katholische Kirche umfassend genutzt, ehe es im Jahre 2015 auf vielfältigen Druck der politischen Opposition im Parlament außer Kraft gesetzt wurde. In so mancher spanischen Stadt zählt das Grundbuch mehr als tausend kirchliche Immobilien.

          Grundbücher gibt es in Spanien noch nicht lange

          Auf der anderen Seite gibt es in ganz Spanien auch noch viele Tausende kirchlicher Immobilien, die keineswegs im Grundbuch eingetragen sind. Das gilt ganz besonders für die ländlichen Regionen und den Besitz in kleinen Gemeinden. Natürlich gibt es keine verlässlichen Zahlen, wie viel kirchlicher Besitz nicht eingetragen wurde. Aber es soll sich nach verschiedenen Schätzungen um Zehntausende oftmals kleiner Immobilien handeln. Dabei ist auf Fragen immer wieder zu hören, die lokale Kirche habe meist gar nicht die Notwendigkeit der Eintragung gesehen. Zu den kleineren Liegenschaften zählen häufig Grundstücke, die von bäuerlichen Familien der Kirche vererbt und von Letzterer in Besitz genommen worden sind, ohne dass es korrekte Grundbucheintragungen gab. Dabei spielt aber auch eine Rolle, dass Spanien erst ziemlich spät mit dem Aufbau der Grundbücher in allen Landesteilen begonnen hatte.

          Dass gegen diese Eintragungen inzwischen in Städten wie etwa Barcelona, Cadiz, Córdoba, Madrid, Valencia und Saragossa Sturm gelaufen wird, hat Gründe, die zum einen auf der politischen Ebene, zum anderen aber auf der immer weiter zunehmenden Abkehr weiter Teile der spanischen Bevölkerung von der Religion zu suchen sind. 60 Prozent aller Spanier sagen laut mehreren Untersuchungen aus, dass sie niemals zur Messe gehen. Ein weiteres Zehntel stuft sich ausdrücklich als Atheist ein.

          Eine Kontroverse auch an den Universitäten

          Die große Gruppe all jener, die keine Beziehung zur Kirche mehr haben, argumentiert, dass das Volk die kirchlichen Bauten errichtet habe und diese daher dem Volk als Eigentümer zustünden. Auf der politischen Ebene argumentiert nicht nur die junge linke Podemos-Partei in dieser Manier. In den erwähnten spanischen Städten sind es meist die Bürgermeister, die sich für eine Änderung der Eigentumsverhältnisse sakraler Einrichtungen starkmachen.

          Eine Mehrheit der Spanier sieht die Kirchen des Landes überhaupt nicht von innen.

          Es kann kaum verwundern, dass diese Auseinandersetzung längst auch auf die Universitäten überschwappt. Professor Jorge Otaduy von der Universität von Navarra, die der katholischen Kirche recht nahe steht, wirft all denen Ignoranz und Demagogie vor, die diese alten Eigentumsverhältnisse umkrempeln wollen. Denn vielen von ihnen gehe es nur darum, dem Ansehen der Kirche bewusst zu schaden. Eine Gegenposition hat Professor Antonio Manuel Rodríguez von der Universität von Córdoba bezogen. Er spricht vom „größten Immobilienskandal der (spanischen) Geschichte“.

          Lokalpolitiker wollen auch die Bevölkerung animieren

          Bei Worten allein bleibt es bei dieser Debatte auch nicht. Lokalpolitiker versuchen immer häufiger, sowohl die regionalen politischen Institutionen wie auch die Zentralregierung in Madrid in diese Auseinandersetzung über den kirchlichen Grundbesitz hineinzuziehen. Diese Versuche bewegen sich auf zwei Schienen: Erstens fordern sie von den Behörden genaue Übersichten über den Grundbesitz der katholischen Kirche, die selbst keine Angaben macht. Zweitens gibt es längst auch Attacken gegen kirchliche Besitztümer nichtsakraler Art. Dazu zählen Gemeindehäuser, Krankenhäuser, Siedlungshäuser, gelegentlich auch Sportplätze und Weinberge.

          Mit dieser Einbeziehung soll vor allem die Bevölkerung animiert werden, in dieser Situation wesentlich stärker Partei zu ergreifen und auf die Barrikaden zu gehen. Dabei sind es häufig kleine Schritte der Kirchengegner: Das beginnt mit dem Verzicht auf Krippenszenen zu Weihnachten in den Rathäusern. Und dazu zählt die Abstinenz der örtlichen Politiker bei Prozessionen. Dass vielfach die Kruzifixe aus öffentlichen Versammlungssälen entfernt werden, gehört ebenfalls dazu. Die Auseinandersetzung über die Immobilien trägt dazu bei, dass Kirche und Staat immer weiter auseinandergerückt werden.

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