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Effizienzhaus Plus : Eine finanzielle Bilanz zum Heulen

Vorführeffekt: Das Bundesprojekt Effizienzhaus Plus in Berlin-Charlottenburg hat viel Aufmerksamkeit erregt. Bild: Jens Gyarmaty

In den nächsten Wochen ziehen die Testbewohner aus dem Bundesmodellprojekt Effizienzhaus Plus in Berlin aus. Längst ist klar: Die Erwartung hat sich nicht erfüllt. Lernen kann man aus dem Vorhaben trotzdem einiges.

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          Der Mai beginnt in diesem Jahr für Anja Heinzelmann und Wolfgang Brenner mit einem Rückschritt. Dann kehren die beiden mit ihren zwei Kindern in ihr eigentliches Zuhause zurück. In der heimischen Altbauwohnung kann sich die Familie zwar wieder an deren Charme, den hohen Räumen und den Jugenstilelementen erfreuen. Ihre häusliche Energiebilanz wird ihnen die alte Umgebung aber täglich verhageln. Der Gedanke daran wurmt die beiden Erwachsenen. Denn Anja Heinzelmann und Wolfgang Brenner, beide Anfang vierzig, ist es nicht egal, wie viel Energie sie „zum Fenster hinausblasen“.

          Birgit Ochs
          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wie wohnt man im 21. Jahrhundert in einem hochentwickelten Land wie Deutschland? Wie lassen sich Ressourcen schonen, und was kann man selbst durch sein Verhalten als Bewohner eines Hauses dazu beitragen? „Das sind Fragen, die uns beschäftigt haben“, sagen die beiden. „Licht aus, Tür zu! Mit diesen Forderungen sind wir als Kinder der siebziger Jahre aufgewachsen, das haben wir einfach drin“, ergänzt Wolfgang Brenner.

          Mit ihrem Interesse für ökologisches Wohnen und ihrer Aufgeschlossenheit in Bezug auf modernste Haustechnik hatten sie sich als eine von zwei Familien qualifiziert, die im Bundespilotprojekt „Effizienzhaus Plus“ in Berlin-Charlottenburg während der Testphase im Wechsel zur Probe wohnen. Seit April vergangenen Jahres leben die vier nun in dem Bau, der mehr Energie gewinnen soll, als die Bewohner verbrauchen. Daher das „Plus“ im Namen.

          Licht aus! Tür zu!

          Es ist ein Leben als freiwillige Versuchskaninchen, wie es Wolfgang Brenner gutgelaunt formuliert. Man kann auch sagen, es ist ein sehr kontrolliertes Leben: Rund um die Uhr hält die aufwendige Messtechnik des Hauses fest, wann, wie viel und wo die vier gerade Energie verbrauchen - beim Kochen, Geschirrspülen, Fernsehen. Licht an, Licht aus, all das haben die Sensoren registriert und auf den Display  im Flur des Modellhauses sichtbar gemacht. Die Daten gehen außerdem an die Forscher des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik in Stuttgart, die dieses wie 34 weitere vom Bund geförderte „Effizienzhaus Plus“-Projekte wissenschaftlich begleiten.

          Es nerve schon, dass das Licht im Erdgeschoss auf Bewegung hin immer automatisch angehe, sagt Anja Heinzelmann. Lichtschalter sind auf dieser Etage nicht verbaut. Ein bisschen bevormundend sei das, findet sie. „Aber man kann sich daran gewöhnen.“

          Dass das Haus mit einem gewöhnlichen Einfamilienhaus wenig gemein hat, sieht man sofort. Der große Kasten an der Fasanenstraße mit seiner schwarz glänzenden Fassade und der großen Glasfront gleicht eher einem Auto- denn einem Wohnhaus. Zumal eine stattliche Limousine unter dem mächtig-ausladenden Vordach parkt.

          Architektonisch ist es ein simpler Bau: eine gewaltige Box, deren Gebäudehülle Dämmwerte erreicht, wie sie für Passivhäuser vorgeschrieben sind. Die 100 Quadratmeter große Dachfläche und die Südseite des Hauses sind mit Fotovoltaikmodulen besetzt. Mittels der Sonnenenergie soll die Luft-Wasser-Wärmepumpe angetrieben werden, die ihrerseits die Wärme für die Heizung produziert. Außerdem soll die Fassade genügend Strom für das Elektroauto, als das sich die Limousine bei näherem Hinsehen entpuppt, und die E-Fahrräder liefern.

          Eine Fassade aus Fotovoltaikmodulen

          Mit immerhin 2,2 Millionen Euro hatte der Bund für das Vorhaben kalkuliert, allein knapp 1,8 Millionen hat der Hightechbau gekostet. Entsprechend hoch waren die Hoffnungen. Erfüllt haben sie sich während der Projektlaufzeit nicht. Schon nach dem Auszug der ersten Testbewohner-Familie war die Bilanz enttäuschend. „Da hatte man sich deutlich mehr versprochen“, räumt Hans Erhorn ein. Er ist Leiter der Abteilung Wärmetechnik am Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart.

          Die Forscher hatten damit gerechnet, dass die Photovoltaikanlage jährlich 16 000 Kilowattstunden Strom liefern werde. Doch nach der ersten Testphase schaffte sie gerade mal 12 000 Kilowattstunden. Bevor die Brenner-Heinzelmanns das Haus bezogen, wurde es daher innen umgebaut, um den Energiebedarf weiter zu drosseln. Das hat zusätzlich gekostet. Zum Beispiel schalten sich nun die Lichtsensoren nicht mehr bei jeder Bewegung zu und lassen das Licht ewig brennen, obwohl niemand mehr im Raum ist.

          Bilanz ziehen: Das ist für die Testbewohner rund um die Uhr möglich. Auf einem Display haben sie Energiegewinn- und verbrauch stets im Blick.
          Bilanz ziehen: Das ist für die Testbewohner rund um die Uhr möglich. Auf einem Display haben sie Energiegewinn- und verbrauch stets im Blick. : Bild: Jens Gyarmaty

          Zudem trennt nun eine Glaswand im Flur das Ober- vom Untergeschoss, nachdem zuvor kalte Luft durchs ganze Haus geströmt war. Im Zuge des Umbaus erhielt jedes Stockwerk ein eigenes Heizsystem. Ferner wurde die Wärmepumpe ausgetauscht. Die alte ließ sich lediglich an- und ausschalten. Das neue Modell hingegen verfügt über einen Regler. So kann die Pumpe je nach Bedarf weniger oder mehr arbeiten.

          Wärmepumpen seien einer der Knackpunkte in den neuen Effizienzhäusern, urteilt Ingenieur Thomas Weber. Der Fachmann aus Fulda ist auch Energieberater und als Gutachter für den Verband Privater Bauherren tätig. Der Haken: Die Wärmepumpe läuft mit Strom, den die Photovoltaikanlage liefern soll. Doch meist scheint die Sonne zu wenig. „Luft-Wärmepumpen haben oft auf dem Papier sehr gute Werte, die in der Realität aber nicht eingehalten werden“, urteilt Weber. Das führt zu unerwartet hohen Betriebskosten - und enttäuschten Bauherren.

          Knackpunkt Wärmepumpe

          Dass die Anlagentechnik nicht geleistet hat, was die Projektinitiatoren erwartet haben, sagt auch Hans Erhorn. Zwar fallen die Ergebnisse für die Testphase mit der Familie Brenner-Heinzelmann besser aus als bei den vorherigen Bewohnern. Immerhin schaffte die Photovoltaikanlage nun 14 000 Kilowattstunden. Ein Erfolg ist das aber nicht. Wolfgang Brenner hat oft genug die Werte auf dem Display studiert. „An einem grauen Nachmittag im Winter kommt die Anlage gerade einmal auf 3,8 Kilowattstunden, das ist schon zum Heulen“, sagt der Familienvater. „Da geht das Konzept nicht auf, dass das Haus mehr Energie erzeugt, als die Bewohner verbrauchen.“

          „Ein Multiplikator ist dieses Haus sicher nicht“, mein Fraunhofer-Abteilungsleiter Erhorn. Andere Projekte, die die Forschungsgesellschaft betreut, funktionierten da deutlich besser. Aber auch wenn man sich mehr erwartet hat, könne man doch einiges aus dem Projekt lernen, sagt er. So wisse man nun, dass es besser sei, die Photovoltaikmodule parallel zu schalten als hintereinander wie beim Effizienzhaus in der Fasanenstraße. Denn wenn Schatten auf das Gebäude falle, erläutert der Experte, sei dort immer gleich das ganze Feld lahmgelegt. Bei einer Parallelsteuerung hingegen nur die Stelle, die wirklich vom Schattenwurf betroffen sei.

          Auch macht das Vorhaben deutlich, dass ambitionierte Bauten dieser Art häufig schöngerechnet werden. Erhorn geht davon aus, das Bauherren von Effizienzhäusern Plus mit Mehrkosten von bis zu 300 Euro je Quadratmeter rechnen müssen. „Der finanzielle und rechnerische Aufwand ist immens“, bestätigt der Fertighausbauer Schwörer, der auf der Bauausstellung in Frechen bei Köln selbst ein Musterhaus unterhält, das zu den vom Fraunhofer-Institut betreuten Projekten zählt, und der auch schon mehrere Plusenergiehäuser für Kunden gebaut hat. Das Interesse an diesem Haustyp sei groß, sagt Schwörer. Aber der Preis lasse viele Bauherren zurückschrecken. Denn zu all den Komponeten, die man für ein sogenanntes Effizienzhaus 55 braucht, kommen beim Effizienzhaus Plus die Photovoltaikanlage, ein Energiespeicher und die Ladestation für die Elektrofahrzeuge.

          Großes Interesse, hohe Kosten

          Immerhin 300 Schwörer-Kunden haben sich 2014 ihr Eigenheim so vorbereiten lassen, dass sie das Haus später ohne größeren Aufwand in ein Plusenergiehaus umrüsten könnten.

          Doch rechnet sich ein solches Haus für die Bauherren? Wegen der stark gekürzten Einspeisevergütung für Solarstrom ist die Photovoltaikanlage auf dem heimischen Dach kein Geschäft mehr. Bleibt die Förderung über die KfW für energieeffiziente Gebäude. Ob die teure Anlagentechnik die erhofften Erträge aber tatsächlich liefert, sollten die Bewohner unbedingt kontrollieren, rät Erhorn. Denn sonst drohe eine Fehlkalkulation wie in der Fasanenstraße. Er empfiehlt Bauherren, in ein Mini-Monitoringprogramm zu investieren. „Dann sehen sie, ob die Anlage hält, was sie verspricht“, sagt der Experte. Statt wie üblich nur einen Stromzähler sollten die Bauherren sich vom Handwerker vier bis fünf Zähler einbauen lassen, deren Ergebnisse im Idealfall über ein Display ablesbar sind. Wichtig ist, dass der Strom, den die Wärmepumpe verbraucht, und die Wärme, die sie abgibt, separat erfasst werden. „Setzt man beide Werte in ein Verhältnis, sollte der Wärmewert mindestens dreimal so hoch sein“, erklärt Erhorn.

          Was heißt „Plus“? Dass das Haus Energie für die Elektrofahrzeuge mitliefert.
          Was heißt „Plus“? Dass das Haus Energie für die Elektrofahrzeuge mitliefert. : Bild: Jens Gyarmaty

          Verbesserungsbedarf sieht er wie viele andere Fachleute, die sich mit energieeffizienter Bauweise beschäftigen, auch bei den Lüftungsanlagen. Wie die Mehrzahl der Wärmepumpemodelle verfügen auch sie meist nur über einen Ein-/Ausschalter. „Es ist Unsinn, dass die Luft permanent ausgetauscht wird, wenn gar niemand da ist“, kritisiert Erhorn. Besser sind daher Varianten, die sich stufenweise einstellen lassen und im Idealfall auch die Luftfeuchtigkeit regulieren.

          Das Raumklima hat auch Anja Heinzelmann und Wolfgang Brenner beschäftigt. Nach dem Einbau der Glaswand zwischen den Etagen war ihnen, anders als den Bewohnern vor ihnen, nicht mehr kalt. An warmen Sommertagen allerdings fanden sie die Temperatur in ihrem Testzuhause tendenziell zu hoch. Hinter der hochgedämmten Fassade hielt sich die Wärme mehr, als angenehm war.

          Viel Verbesserungsbedarf

          Man müsse sich schon sehr auf ein solches Haus einstellen, sagen die beiden. Einfach mal schnell die Heizung aufdrehen, wenn man mal das Bedürfnis nach mehr Wärme hat, geht nicht. Um einen Grad mehr Raumtemperatur zu liefern, braucht ihre Heizanlage einen Tag Vorlauf. Wann sie die Waschmaschine anstellen, wann die Spülmaschine, ist für die Bewohner eines solchen Hauses keine spontane Entscheidung. „Da schaut man schon aufs Display und checkt die aktuelle Energiebilanz“, sagt Anja Heinzelmann.

          Ihrer Familie hat das nichts ausgemacht. Sie fand es eher spannend und interessant. Doch das ist nicht selbstverständlich. Am Fraunhofer-Institut macht man sich keine Illusionen: „Nicht jeder ist so technikaffin. Die Gefahr besteht, dass so ein Haus die Bewohner überfordert“, warnt Erhorn. Wer will schon zu Hause permanent mitdenken müssen, wie es um die häusliche Energiebilanz steht? Wenig hält Erhorn von dem Versprechen, eine komplexe Haustechnikanlage ganz einfach per Smartphone zu steuern. Seiner Einschätzung nach sind viele Programme zu kompliziert. Das deckt sich mit der Erfahrung des VPB. Die Technik müsse insgesamt viel einfacher werden, fordert der Bauherren-Verband und kritisiert, dass energieeffizientes Bauen zu technikdominiert sei.

          Wie sehr sollen sich die Bewohner überhaupt auf die Technik verlassen? Erhorn ist in dieser Frage zwiegespalten. „Die Leute verlieren dadurch womöglich an Sensibilität.“ Wer in einem Super-Effizienzhaus lebt, denke nicht mehr unbedingt mit, wohnt wärmer, macht sich keine Gedanken, ob das Licht ewig nachbrennt. Die Brenner-Heinzelmanns haben sich diesbezüglich zwar vorbildlich verhalten. „Aber es gibt einem schon zu denken, dass in einem solchen Haus jede Störung keine Kleinigkeit ist“, sagt Wolfgang Brenner.

          In Kürze kehrt die Familie in ihr altes Leben ohne Dauermonitoring zurück. Ob sie die zur Verfügung stehende Energie effizient eingesetzt haben, können sie dann auf keinem Display mehr ablesen. Dann bleibt ihnen nur die Strom- und Heizkostenrechnung als persönlicher Maßstab.

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