https://www.faz.net/-gqe-8227m

Effizienzhaus Plus : Eine finanzielle Bilanz zum Heulen

Doch rechnet sich ein solches Haus für die Bauherren? Wegen der stark gekürzten Einspeisevergütung für Solarstrom ist die Photovoltaikanlage auf dem heimischen Dach kein Geschäft mehr. Bleibt die Förderung über die KfW für energieeffiziente Gebäude. Ob die teure Anlagentechnik die erhofften Erträge aber tatsächlich liefert, sollten die Bewohner unbedingt kontrollieren, rät Erhorn. Denn sonst drohe eine Fehlkalkulation wie in der Fasanenstraße. Er empfiehlt Bauherren, in ein Mini-Monitoringprogramm zu investieren. „Dann sehen sie, ob die Anlage hält, was sie verspricht“, sagt der Experte. Statt wie üblich nur einen Stromzähler sollten die Bauherren sich vom Handwerker vier bis fünf Zähler einbauen lassen, deren Ergebnisse im Idealfall über ein Display ablesbar sind. Wichtig ist, dass der Strom, den die Wärmepumpe verbraucht, und die Wärme, die sie abgibt, separat erfasst werden. „Setzt man beide Werte in ein Verhältnis, sollte der Wärmewert mindestens dreimal so hoch sein“, erklärt Erhorn.

Was heißt „Plus“? Dass das Haus Energie für die Elektrofahrzeuge mitliefert.
Was heißt „Plus“? Dass das Haus Energie für die Elektrofahrzeuge mitliefert. : Bild: Jens Gyarmaty

Verbesserungsbedarf sieht er wie viele andere Fachleute, die sich mit energieeffizienter Bauweise beschäftigen, auch bei den Lüftungsanlagen. Wie die Mehrzahl der Wärmepumpemodelle verfügen auch sie meist nur über einen Ein-/Ausschalter. „Es ist Unsinn, dass die Luft permanent ausgetauscht wird, wenn gar niemand da ist“, kritisiert Erhorn. Besser sind daher Varianten, die sich stufenweise einstellen lassen und im Idealfall auch die Luftfeuchtigkeit regulieren.

Das Raumklima hat auch Anja Heinzelmann und Wolfgang Brenner beschäftigt. Nach dem Einbau der Glaswand zwischen den Etagen war ihnen, anders als den Bewohnern vor ihnen, nicht mehr kalt. An warmen Sommertagen allerdings fanden sie die Temperatur in ihrem Testzuhause tendenziell zu hoch. Hinter der hochgedämmten Fassade hielt sich die Wärme mehr, als angenehm war.

Viel Verbesserungsbedarf

Man müsse sich schon sehr auf ein solches Haus einstellen, sagen die beiden. Einfach mal schnell die Heizung aufdrehen, wenn man mal das Bedürfnis nach mehr Wärme hat, geht nicht. Um einen Grad mehr Raumtemperatur zu liefern, braucht ihre Heizanlage einen Tag Vorlauf. Wann sie die Waschmaschine anstellen, wann die Spülmaschine, ist für die Bewohner eines solchen Hauses keine spontane Entscheidung. „Da schaut man schon aufs Display und checkt die aktuelle Energiebilanz“, sagt Anja Heinzelmann.

Ihrer Familie hat das nichts ausgemacht. Sie fand es eher spannend und interessant. Doch das ist nicht selbstverständlich. Am Fraunhofer-Institut macht man sich keine Illusionen: „Nicht jeder ist so technikaffin. Die Gefahr besteht, dass so ein Haus die Bewohner überfordert“, warnt Erhorn. Wer will schon zu Hause permanent mitdenken müssen, wie es um die häusliche Energiebilanz steht? Wenig hält Erhorn von dem Versprechen, eine komplexe Haustechnikanlage ganz einfach per Smartphone zu steuern. Seiner Einschätzung nach sind viele Programme zu kompliziert. Das deckt sich mit der Erfahrung des VPB. Die Technik müsse insgesamt viel einfacher werden, fordert der Bauherren-Verband und kritisiert, dass energieeffizientes Bauen zu technikdominiert sei.

Wie sehr sollen sich die Bewohner überhaupt auf die Technik verlassen? Erhorn ist in dieser Frage zwiegespalten. „Die Leute verlieren dadurch womöglich an Sensibilität.“ Wer in einem Super-Effizienzhaus lebt, denke nicht mehr unbedingt mit, wohnt wärmer, macht sich keine Gedanken, ob das Licht ewig nachbrennt. Die Brenner-Heinzelmanns haben sich diesbezüglich zwar vorbildlich verhalten. „Aber es gibt einem schon zu denken, dass in einem solchen Haus jede Störung keine Kleinigkeit ist“, sagt Wolfgang Brenner.

In Kürze kehrt die Familie in ihr altes Leben ohne Dauermonitoring zurück. Ob sie die zur Verfügung stehende Energie effizient eingesetzt haben, können sie dann auf keinem Display mehr ablesen. Dann bleibt ihnen nur die Strom- und Heizkostenrechnung als persönlicher Maßstab.

Weitere Themen

Neue Haut fürs alte Haus

Energietechnik in der Fassade : Neue Haut fürs alte Haus

Viele Bürogebäude kommen aus den fünfziger bis siebziger Jahren. Ihre Energiebilanz ist oft schlecht, eine Sanierung aber teuer. Forscher der Fraunhofer Institute wollen das Problem mit einer neuen Modulfassade angehen.

Transportbranche warnt vor Lieferengpässen Video-Seite öffnen

Fehlende Lkw-Fahrer : Transportbranche warnt vor Lieferengpässen

Der allgemeine Fahrermangel wird durch eine zunehmende Zahl von Corona-Ausfällen verschärft. Ein Branchenverband fordert die Politik angesichts steigender Infektionszahlen dazu auf, schnell Vorkehrungen zu treffen: Wie wäre es zum Beispiel mit Impfangeboten auf Autobahnraststätten?

Topmeldungen

„Eine Impfplicht für Risikogruppen wäre ein guter Kompromiss“: Cihan Çelik im September auf der Corona-Isolierstation im Klinikum Darmstadt

Lungenarzt Cihan Çelik : „Es gibt kein Durchatmen“

Cihan Çelik behandelt weiter Covid-Kranke – und hält mittlerweile eine Impfpflicht für Risikogruppen für einen guten Kompromiss. Ein Interview über Omikron, die Endemie und das Zögern der Ständigen Impfkommission.

Rätselraten um Tennis-Star : Was ist mit Alexander Zverev los?

Wie ein Stromausfall: Alexander Zverev scheidet bei den Australian Open bereits im Achtelfinale aus. Sein kraftloser Auftritt wirft Fragen auf, die auch er selbst nicht beantworten kann.
Machte sich gern über die „Inflation-is-coming-crowd“ lustig: Paul Krugman ist Träger des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften.

Krugman und Summers : Der große Streit über die Inflation

Paul Krugman hat sich gern über Leute lustig gemacht, die vor Inflation warnen. Larry Summers dagegen sah als einer der ersten die Gefahren für die Preisentwicklung aufziehen. Jetzt trafen die beiden Starökonomen zum Schlagabtausch aufeinander.
Karin Beck und Andrea Straub in ihrer Drogerie auf der Schwäbischen Alb

Zehn Jahre nach der Insolvenz : Frauen ohne Schlecker

Vor genau zehn Jahren ging die Drogeriemarktkette Schlecker unter. Andrea Straub und Karin Beck haben in einer Filiale auf der Schwäbischen Alb auf eigene Faust weitergemacht – und sind immer noch im Geschäft.