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Teures Wohnen in Amsterdam : Magnet mit Grachten

Der gemeine Arbeiter kann sich das frühere Arbeiterviertel Jordaan schon lange nicht mehr leisten. Bild: © Ben Pipe/HUBER IMAGES

Seit Jahrhunderten zieht die niederländische Metropole Besucher an. Immer mehr bleiben gleich da – und die Immobilienpreise explodieren. Wo bleibt Raum für die angestammte Bevölkerung?

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          Ein Haus wie aus dem Bilderbuch, das zeigt schon das Entree. Genauer: das nicht vorhandene Entree. Denn die Tür lässt sich soeben noch aufschlagen, da führen gleich 21 Stufen in die Höhe, so steil, dass ausländische Besucher schon mal hinaufstürzen. Oder auch hinab, wie einer erlebte, der wider besseren Rat ein Fahrrad mit nach oben wuchten wollte. Nachts um zwei krachte der Gast samt Rad die Treppe hinunter, zum Unmut eines Nachbarn.

          Klaus Max Smolka
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein Amsterdamer Vorzeigehaus also, und hier wohnt, im zweiten Stock, Eva van Heijningen. Die 59-Jährige ist professionelle Puppenspielerin, Videoproduzentin und Schauspielerin; Puppen sitzen auf dem Sofa im lichtdurchfluteten Wohnzimmer, Perücken, Hüte sind zu sehen für die Arbeit auf der Bühne. In ihren vier Wänden atmet Van Heijningen jeden Tag Geschichte: Es ist ein altes Kaufmannshaus, die Fassade aus dem 19. Jahrhundert, der Bau dahinter wahrscheinlich viel älter, wie es bei der Denkmalbehörde in Amsterdam heißt. Aus dem Wohnzimmer steigt ein Treppchen ins Schlafzimmer im Dachgeschoss hoch. Van Heijningen öffnet dort eine kaum sichtbare Deckenluke: Der Blick fällt auf ein Holzrad zwischen Staub und etwas Schutt, zwei Meter im Durchmesser: Die Bewohner hievten damit einst vermutlich Kisten mit Gewürzen und anderem nach oben.

          Der stolze Bau steht in der Innenstadt Amsterdams – jener Metropole, die seit Jahrhunderten Besucher anlockt. Die nicht Regierungssitz ist, aber trotzdem Hauptstadt. Die mit ihren Theatern, Museen und Kneipen vibriert wie keine andere im Land. Die immer mehr Unternehmen und Organisationen anlockt und auch deswegen immer teurer wird. Aus allen Landesteilen ziehen Niederländer hierher und in Scharen Leute aus dem Ausland.

          Touristen verdrängen Junkies

          Andere niederländische Städte haben eigene Reize zu bieten, welche Amsterdam verschlossen sind. Das wesentlich kleinere Den Haag bietet die Bühne der großen Politik: Minister und andere Prominente laufen und radeln dem Bewohner über den Weg, gleichzeitig ist der Strand nur eine Straßenbahnfahrt entfernt. Leiden entzückt als pittoreske Studentenstadt. Maastricht im äußersten Süden gibt sich genießerisch, mit französisch geprägter Küche, und ins Umland radelt man umgeben von lieblichen Hügeln. Alles Vorzüge, die so nur diese Städte haben. Aber am Ende zieht kein Ort die Leute so sehr an wie der Magnet Amsterdam: neue Bewohner – und natürlich Abertausende Touristen.

          Die merkt auch Van Heijningen. Pulkweise spazieren Reisende durch ihre Straße, die Binnen Bantammerstraat, auf einem Abstecher vom Nieuwmarkt gen Osten ins Lastage-Viertel. Früher, da hatte sie mit einer ganz anderen Klientel zu kämpfen. Drogenabhängige setzten ihren Schuss, lungerten und pöbelten. „Hier bist du über die Junkies regelrecht gestolpert, manchmal hat die Polizei sie in Herden weggescheucht“, sagt Van Heijningen. „Ständig wurde dein Fahrrad gemopst, sogar die Plastikhülle auf dem Sattel.“ Als ihre Familie das Haus 1991 kaufte, war das Sträßchen eine Perle, die ziemlich ranzig daherkam. Inzwischen ist sie herausgeputzt, eine Top-Top-Top-Lage acht Fußminuten vom Bahnhof entfernt. Und geschäftiger denn je. „Es gibt Nachbarn, die sagen: lieber die alten Typen als jetzt die Touristen“, berichtet Van Heijningen. Der Rummel lastet in Amsterdam auch auf dem Wohnungsmarkt, weil Privatleute Apartments als Feriendomizile vergeben. Die Behörden schränken schon die erlaubte Vermietzeit auf Airbnb ein.

          Im Erdgeschoss wohnt van Heijningens Bruder: in der „Apotheke“, wie die Familie es nennt, denn hier saß einst eine der bekannten Pharmazien der Stadt. Über der Tür prangt als Standesemblem noch ein „Gähner“, ein Mann mit grimassenhaft offenem Mund – nicht weil er müde wäre, sondern weil er sich anschickt, bittere Medizin zu schlucken.

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