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Elbphilharmonie vor Eröffnung : Schön, teuer, fertig

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Das Dach der Hamburger Elbphilharmonie im Abendlicht. Bild: dpa

Die Elbphilharmonie wird diesen Freitag an die Stadt übergeben. Sieben Jahre später und zehnmal teurer als gedacht. Eine Chronik der Hamburger Bau-Blamage.

          Zwei Zahlen zeigen, wie viel beim Bau der Hamburger Elbphilharmonie schiefgelaufen ist. 77 Millionen Euro müsse die Stadt dafür einplanen, hieß es im Juli 2005. Heute steht fest, dass sich die Kosten für die öffentliche Hand mehr als verzehnfacht haben - auf satte 789 Millionen Euro. Die Gesamtkosten mit Spenden und privaten Investitionen belaufen sich sogar auf 866 Millionen Euro. Auf der Liste der teuersten Gebäude der Welt belegt die Elbphilharmonie damit den 12. Platz, worauf in Hamburg allerdings niemand stolz ist.

          Diesen Freitag wird das Gebäude, sieben Jahre später als gedacht, vom Baukonzern Hochtief besenrein an die Stadt übergeben. Dann können Besucher auf der sogenannten Plaza in luftiger Höhe die Aussicht genießen. Auch das Hotel und die Gastronomie, die zu dem Komplex gehören, nehmen nun den Betrieb auf. Nur die Musikliebhaber müssen sich noch bis Januar gedulden, dann öffnen auch die Konzertsäle ihre Türen.

          Der Festakt, der dafür geplant ist, wird mit einem kollektiven Seufzer der Erleichterung einhergehen. Denn die Geschichte dieses Prestigeprojekts ist für die Beteiligten kein Ruhmesblatt. Das bezeugt nicht zuletzt der 640 Seiten umfassende Bericht eines parlamentarischen Untersuchungsausschusses, der klären sollte, wie es zu der Kostensteigerung und den Verzögerungen am Bau kommen konnte.

          Erste Schätzung: 186 Millionen Euro

          Nach vier Jahren Arbeit kam der Ausschuss im April 2014 zu dem Schluss, dass unfertige Pläne, überforderte Politiker und Chaos auf der Baustelle dafür verantwortlich waren. Neben dem Berliner Flughafen BER und Stuttgart 21 geriet die Elbphilharmonie so zu einer der größten Bau-Blamagen Deutschlands.

          Alles begann im Oktober 2001. Der Investor und Architekt Alexander Gérard präsentiert dem Hamburger Senat die Idee, auf dem Kaispeicher A eine neue Konzerthalle zu bauen. Gérard überzeugte, das Projekt nahm seinen Lauf. Die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron zeichneten in seinem Auftrag im Juni 2003 einen ersten Entwurf. Eine Machbarkeitsstudie schätzte im Juli 2005 die Gesamtkosten des Projekts auf 186 Millionen Euro, und der Senat beschloss, dass sich die öffentliche Hand mit 77 Millionen daran beteiligen soll.

          Da thront sie über dem Wasser: Die Elbphilharmonie im Hamburger Hafen Bilderstrecke

          Richtig durchgerechnet war das Projekt allerdings nicht einmal ansatzweise, wie sich schon bald zeigen sollte. „Die Stadt hätte erst die Planung der Elbphilharmonie beenden sollen, bevor mit dem Bau begonnen wurde“, räumt man bei der Hamburger Kulturbehörde heute ein. Wer nicht weiß, was er will, und das folglich auch nicht verbindlich festlegen kann, der muss sich am Ende nicht wundern, wenn das Budget am Ende ein ganz anderes ist als zuerst vermutet. Es gab Änderungen und Zusatzwünsche, die viele Millionen kosteten. Verbindliche Zeitpläne gab es dagegen nicht. Wer im Zweifelsfall für Verzögerungen beim Bau haften sollte, war auch nicht geklärt.

          Geburtsfehler einer Großbaustelle

          Schon im November 2006 musste der damalige Bürgermeister Ole von Beust eine erste Kostensteigerung bekanntgeben. 241 Millionen Euro wurden nun insgesamt veranschlagt, der Anteil der Stadt erhöhte sich auf 114 Millionen. Als sich die Hamburger Bürgerschaft im Februar 2007 trotzdem für den Bau der Elbphilharmonie aussprach, ahnten ihre Mitglieder wohl kaum, wie viele Kostenanpassungen und Verzögerungen noch bevorstehen sollten.

          Ein unseliges Dreiecksverhältnis bestimmte in den kommenden Jahren das Geschehen. Die drei Protagonisten des Dramas: die Stadt mit ihrer Realisierungsgesellschaft (ReGe) als Bauherr, die Architekten Herzog & de Meuron und das Bauunternehmen Hochtief. Diese Konstellation war neben der mangelhaften Planung ein weiterer Geburtsfehler der Großbaustelle. Denn zwischen den Architekten und Hochtief gab es kein direktes Vertragsverhältnis, man arbeitete konsequenterweise auch nicht zusammen an Lösungen.

          Und die Stadt als Bauherr und Koordinator kam mit den Entscheidungen zu immer neuen Änderungswünschen nicht voran. „Überfordert“ sei die ReGe gewesen, konstatiert der Bericht des parlamentarischen Untersuchungsausschusses. Im Herbst 2008, nachdem Spekulationen um eine Steigerung der Kosten auf läppische 340 Millionen Euro die Runde machten, musste der ReGe-Chef gehen.

          ReGe und Hochtief im Clinch

          Die Dreier-Konstellation war auch deshalb besonders ineffizient, weil das Bauprojekt an sich schon anspruchsvoller war als viele andere. Umso wichtiger wäre eine gute Kommunikation zwischen den Parteien gewesen. Die komplexe Architektur - es gibt zum Beispiel fast keine rechten Winkel im Gebäude - und dazu die ausgefallene Idee, auf ein altes Industriegebäude ein komplett anderes zu bauen, machte viele Einzelfallentscheidungen nötig.

          Seinen unrühmlichen Höhepunkt erreichte das Schauspiel im November 2011. Hochtief stellte die Arbeiten am Dach wegen Sicherheitsbedenken ein. Gutachter des Baukonzerns waren der Ansicht, dass die Dachkonstruktion nicht ausreichend war, die Statikexperten der Stadt kamen zu einem anderen Ergebnis. Ein Jahr lang tat sich nichts mehr auf der Baustelle. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich schon diverse ungeklärte Konflikte um Baumängel, Verzögerungen und viele Millionen Euro aufgestaut. Eine außergerichtliche Einigung zwischen der ReGe und Hochtief zu einem Terminplan für ausstehende Arbeiten war gescheitert.

          Auf die richtige Spur brachte das Projekt Elbphilharmonie erst eine vertragliche Neuordnung der Verhältnisse im Frühjahr 2013. Alle Rechtsstreitigkeiten wurden vom Tisch geräumt. Hochtief und die Architekten saßen endlich in einem Büro und arbeiteten direkt zusammen. Verbindliche Termine wurden abgemacht und Änderungswünsche eingearbeitet. Hochtief übernahm die Gesamtverantwortung für das Projekt. Seitdem, da sind sich die Beteiligten einig, hat alles wie vereinbart geklappt. „Schon irre, dass es endlich fertig ist“, sagt einer von ihnen jetzt.

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