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Akustik in Räumen : „Wir werden für Lärm immer empfindlicher“

Offenporige Oberflächen dämpfen Lärm: Marie Aigner verwendet für ihre Objekte recycelte PET-Flaschen. Bild: Andre Kirsch

Marie Aigner entwirft Objekte, die für Ruhe sorgen. Ein Gespräch über Raumakustik, den Vorteil mutiger Möbel und wie man eine exzentrische Villa zum Familiendomizil macht.

          5 Min.

          Marie Aigner ist Architektin, Ingenieurin und Produktdesignerin. Seit einigen Jahren entwirft sie schallschluckende Objekte, die so gar nichts mit den eintönigen technischen Absorbern zu tun haben, denen man normalerweise begegnet. Ihre akustisch wirksamen Möbel, Bilder und Skulpturen sind inspiriert von der Memphis-Gruppe, dem Art déco oder auch der Kakteensammlung ihres Sohnes. Sie verstecken sich nicht, sondern machen Raumakustik erlebbar.

          Judith Lembke
          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Aigner präsentiert knallbunte Objekte in einem Umfeld, das gegensätzlicher kaum sein könnte – in der Diesel-Villa in München-Bogenhausen, die der Erfinder des gleichnamigen Motors 1898 als repräsentatives Wohnhaus erbauen ließ. Ausgestattet wurde sie damals mit modernster Technik wie ausgeklügelten Fensterkonstruktionen, aber auch dem Geschmack der Zeit entsprechend mit viel dunklem Holz. In der geschichtsträchtigen Villa zeigt Aigner nicht nur ihre Produkte, sondern wohnt dort auch mit ihrer Familie.

          In der Pandemie ist es bei vielen in den eigenen vier Wänden manchmal ziemlich laut geworden. Alle Familienmitglieder waren zu Hause. Objekte, die Geräusche schlucken, müssen auf einmal echt begehrt gewesen sein, oder?

          Das Thema Raumakustik hat nicht erst in der Pandemie, sondern schon in den Jahren davor an Bedeutung gewonnen. Das liegt vor allem an den vielen neuen Großraumbüros. Dort zu arbeiten bedeutet für Menschen, die vorher ein Einzel- oder ein Zweierbüro gewohnt waren, eine viel höhere Lärmbelastung – vor allem, wenn mehrere Leute gleichzeitig sprechen. Dort die Akustik zu verbessern hilft nicht nur dem gegenseitigen Verstehen, sondern auch der Gesundheit.

          Ist diese Lärmempfindlichkeit ein deutsches Phänomen? Gerade in Südeuropa geht es oft deutlich lauter zu als bei uns.

          Ich habe das Gefühl, dass die Sensibilität generell zunimmt. Aus den USA und Spanien bekomme ich zum Beispiel auch Anfragen aus der Gastronomie. Das ist bei uns bisher eher nicht der Fall.

          Der Schreibtisch zieht alle Blicke auf sich.
          Der Schreibtisch zieht alle Blicke auf sich. : Bild: Andre Kirsch

          Seit wann beschäftigen Sie sich speziell mit Raumakustik? Als Architektin ist das bei der Planung üblicherweise nur eines von vielen Themen.

          Vor fünfzehn Jahren habe ich den Hauptsitz eines Herstellers von Akustikobjekten neu gestaltet. In dem Zuge haben wir das ganze Gebäude akustisch optimiert. Ich habe dann angefangen, mit dem Material zu experimentieren. Jahre später habe ich den Auftrag bekommen, auch die Produktlinie zu überarbeiten. So ging’s los.

          Wie funktionieren Ihre schallschluckenden Skulpturen?

          Das sind Absorber mit offenporigen Oberflächen. Sie schlucken den Schall. Grundsätzlich gibt es auch Reflektoren, die den Schall lenken, aber das mache ich nicht. Die findet man meist in Theatern oder Konzerthallen, um sicherzustellen, dass der Schall auch in die hinterste Reihe oder zu den Seitenrängen dringt.

          Und woraus bestehen Ihre Absorber?

          Aus recycelten PET-Flaschen. Das Material ist wegen seiner offenporigen Struktur bei gleichzeitig hohem Gewicht ein sehr guter Schallabsorber. Außerdem ist es robust und formstabil. Objekte, die leichter sein müssen, weil sie zum Beispiel von der Decke hängen, fertige ich aus Melaminharzschaum.

          Alte Pracht trifft auf  Multifunktionsobjekte.
          Alte Pracht trifft auf Multifunktionsobjekte. : Bild: Andre Kirsch

          Die Absorber hängen nicht nur wie üblich als Platten an der Decke, sondern Sie bauen auch Möbel oder Skulpturen daraus, wie einen großen gelben Kaktus. Wie kommen Sie auf diese Ideen? Normalerweise sehen Akustikobjekte sehr technisch aus, Ihre wirken aber gut gelaunt und verspielt.

          Meine ersten Objekte sahen auch noch aus, als hätte sie ein Ingenieur entworfen und kein Designer, sehr technisch und einfach nur weiß. Aber irgendwann wurde ich immer sicherer und mutig genug, Dinge auszuprobieren. Ich will Akustik sichtbar und für den Nutzer zugänglich machen. Außerdem finde ich es gut, wenn meine Absorber noch andere Funktionen erfüllen.

          Was meinen Sie damit?

          Sie dämmen nicht nur Schall, sondern dienen gleichzeitig als Stuhl, Tisch, Stauraum oder Leuchtenschirm. Es gibt auch Akustikbilder. Denen soll man auf den ersten Blick aber gar nicht ansehen, dass dahinter ein Absorber ist, sie sollen einfach gut ausschauen.

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