https://www.faz.net/-gqe-a33dz
Große Stadtquartiere in Deutschland, Schumacher Quartier Berlin, 2020
Große Stadtquartiere in Deutschland, Schumacher Quartier Berlin, 2020 Visualisierung: Tegel Projekt GmbH, rendertaxi

Raum für Großes

Von ANNA-LENA NIEMANN, JUDITH LEMBKE und BIRGIT OCHS
Große Stadtquartiere in Deutschland, Schumacher Quartier Berlin, 2020 Visualisierung: Tegel Projekt GmbH, rendertaxi

22. September 2020 · Deutschland baut XXL. Überall entstehen neue Stadtteile. Wir stellen die größten Projekte vor.

Ein Haus zu bauen kostet Nerven, Geld und Zeit. Und ist doch nichts im Vergleich zu den Bauvorhaben, die landauf und landab dafür sorgen sollen, dass der steigenden Nachfrage nach Wohnraum auch ein Angebot gegenübersteht. Wohnungsbauprojekte entstehen, die eigene Stadtquartiere, manchmal sogar ganze Viertel begründen. Das Mantra heißt bauen, bauen, bauen, denn allen Superlativen zum Trotz: Nach Einschätzung von Politik und Bauwirtschaft müssten jährlich 350.000 bis 400.000 Wohnungen fertiggestellt werden. 2019 waren es keine 300.000.

Dabei ist das Image der XXL-Quartiere nicht das beste. Prestigeprojekte für zahlungskräftige Kunden trüben das Bild genau wie Großsiedlungen, die früher mal als visionär und dann als Problemviertel galten. Doch aus diesen Fehlern lerne man heute, sagt Stadtplaner Uli Hellweg. Die Großsiedlungen der siebziger Jahre hätten nicht unbedingt architektonisch gelitten, sagt er, sondern weil die Politik nicht auf eine durchmischte Belegung geachtet habe. „Der soziale Mix ist unterlaufen worden“, sagt Hellweg und erklärt, dass eine bunte Eigentümerstruktur helfen kann, dass das nicht wieder passiert. Also nicht nur Investoren und Bauträger, sondern mehr Selbstnutzer wie Genossen- und Baugemeinschaften. Wer selbst im Quartier wohnt, hat auch Interesse, es lebendig und in Schuss zu halten.


„Der soziale Mix ist unterlaufen worden.“
ULI HELLWEG, Stadtplaner

Foto: picture alliance/ZUMA Press

München-Freiham – Junges Viertel mit Geschichte

Die Jungen zollen den Alten Respekt, auch wenn sie deutlich in der Überzahl sind. Vom alten Gut, dem der Stadtteil seinen Namen verdankt, sollen die Neubauten „respektvollen Abstand“ halten. Die Anlage mit Schloss, Kirche und Alleen bleibt erhalten. Um sie herum wächst unterdessen ein riesiges Quartiersvorhaben. Wenn es fertig ist, beheimatet es 25.000 Menschen und bietet Arbeitsplätze für 15.000. 110 Hektar im Süden sind bis auf wenige Lücken schon vollständig bebaut, hauptsächlich durch lockere Gewerbeflächen mit Einzelhandel, Hotels und Ärztehaus. Die S-Bahn hält schon seit einigen Jahren an der neuen Station München-Freiham. 

Foto: Picture-Alliance

Berlin Rummelsburger Bucht – Metamorphose eines Seeufers 

Zentrumsnah wohnen und trotzdem nicht auf Seeblick und Bootssteg verzichten. Klingt nach einer unschlagbaren Kombination, und in der für bis zu 15.000 Anwohner geplanten Rummelsburger Bucht ist sie verwirklicht. In der DDR war das Gelände entlang diesem Seitenarm der Spree Industriegebiet. 

Visualisierung: Tegel Projekt GmbH, rendertaxi

Berlin Schumacher Quartier – Auf dem alten Flugfeld

Berlin will sich was trauen, wird von höheren Kräften aber noch gestoppt. Denn solange in Tegel immer noch Flieger abheben, trippeln die Pläne für das Schumacher Quartier auf der Stelle. Mehr als die Hälfte der 48 Hektar Projektfläche liegen auf dem alten Flughafengelände. Für 10.000 Menschen soll hier ein klimagerechtes Quartier entstehen. Eine wassersensible Schwammstadt, die die tatsächlich große Artenvielfalt um Flugfelder herum erhalten will und Biodiversität kurzerhand zum Planungsprinzip erhoben hat. Autos bleiben draußen und parken in „Mobility-Hubs“ am Quartiersrand. Zudem soll ein innovatives Niedrigtemperaturnetz das Viertel mit Kälte und Wärme versorgen. Dass es vorrangig Holzbauweise ins Quartier schafft, gehört natürlich auch zum Öko-Konzept.

Foto: dpa

Frankfurt-Riedberg – Stadtteil-Patchwork

Mit seinen etwa 16.000 Einwohnern zählt der Stadtteil zu den größten Entwicklungsprojekten der Republik. Das war’s dann allerdings schon mit dem Superlativ. Hält man sich vor Augen, welches Ausmaß das sieben Quartiere umfassende Areal hat, wird klar: Hier hätte Wohnraum für viel mehr Menschen entstehen können oder müssen. Doch einen großstädtischen Plan gab es nicht, an die Beteiligung von Baugruppen und Genossenschaften war am Riedberg lange nicht zu denken. Stattdessen haben die Planer jahrelang auf Klein-Klein gesetzt. Reihenhäuser hieß das Zauberwort, um Familien vom Wegzug ins Umland abzuhalten. Viel Energie wurde in Gestaltungssatzungen für Siedlungen im „französischen“ oder „italienischen“ Stil gesteckt, doch nicht daran, wie man das Hügelland so schnell und gut wie möglich ans U-Bahn-Netz anschließen kann. Erst nach Jahren kam die Einsicht, dass es ohne Mehrfamilienhäuser nicht geht – und man es so wie am Riedberg heute nicht mehr machen würde.

Foto: Wolfgang Eilmes

Frankfurt Nordwest – Planspiel an der A5

Wohin, wenn für nennenswertes Wachstum nach innen kein Platz mehr ist? Raus auf den Acker! Einen solchen Befreiungsschlag hat Frankfurts Planungsdezernent Mike Josef (SPD) 2017 ins Spiel gebracht – und damit politische Gegner wie auch die Umlandgemeinden auf die sprichwörtlichen Barrikaden getrieben. 

Visualisierung: ADEPT mit Karres + Brands / IBA Hamburg

Hamburg Oberbillwerder – Sportlich auf der grünen Wiese

Naturnah und trotzdem urban, gut angebunden, aber frei von parkenden Autos – im Südosten der Stadt, wo jetzt noch grüne Wiese ist, soll in den kommenden Jahren Hamburgs Vision von einem Stadtteil der Zukunft wahr werden. Oberbillwerder ist nach der Hafencity das größte Stadtentwicklungsprojekt der Hansestadt. 2011 hat sich Hamburg das ehrgeizige Ziel gesetzt, jedes Jahr mindestens 10.000 Baugenehmigungen für Wohnungen zu erteilen und dafür auch genügend Bauland zu mobilisieren. Da die innerstädtischen Flächen nicht ausreichen, muss „Mehr Stadt an neuen Orten“ wachsen, wie die Losung heißt. 

Foto: Matthias Friedel

Hamburg Holsten Quartier/Mitte Altona – Spekulation in bester Lage

Es ist das derzeit wohl umstrittenste Entwicklungsprojekt der Stadt: Das ehemalige Gelände der Holsten-Brauerei ist nicht nur ein Beispiel für die Verwandlung eines innerstädtischen Industriegeländes in ein Wohnquartier, sondern auch für Bodenspekulation: In den vergangenen Jahren hat das 8,5 Hektar große Areal mehrfach den Eigentümer gewechselt, der Umbau des Geländes in ein autofreies Quartier mit geschlossener Blockrandbebauung und zentralem Park verzögert sich dadurch. 

Visualisierung: K9 Architekten / Latz + Partner

Freiburg Dietenbach – Klimaneutral und bezahlbar

In Freiburg Dietenbach entsteht Deutschlands größtes Neubaugebiet – zumindest im Verhältnis zu den 230.000 Einwohnern, die Freiburg zählt. Um die Wohnungsknappheit in einer der teuersten Städte in den Griff zu bekommen, sollen etwa 7000 Wohnungen auf rund 110 Hektar entstehen, davon 900 Einheiten für Studenten.

Visualisierung: Ktampnitz (c Machleidt)

Potsdam Krampnitz – Autoarmes Quartier statt Heeresreitschule

Lange galt Brandenburgs Landeshauptstadt als charmante und vergleichsweise günstige Alternative zu Berlin. Mittlerweile ist auch in Potsdam das Angebot knapp. Doch das ehemalige, nahe Berlin gelegene Kasernengelände Krampnitz bietet Entwicklungsspielraum. In den dreißiger Jahren entstand dort die Heeresreitschule, deren Gebäude nach dem Zweiten Weltkrieg bis 1991 die Rote Armee nutzte.

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

: 65% günstiger

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

Corona-Absperrungen und Wegweiser im Tübinger Luise-Wetzel-Stift.

Ärzte gegen Wissenschaftler : Was ist die richtige Waffe gegen das Virus?

Ärzteverbände stellen sich gegen die Forderung der Wissenschaft nach harten Maßnahmen. Die Infektionszahlen dürften nicht um jeden Preis gesenkt werden. Hinter den gegensätzlichen Positionen stehen auch wirtschaftliche Interessen.
Der republikanische Senator Lindsey Graham spricht am 17. Oktober auf einer Wahlkampfkundgebung

Senatswahl in Amerika : Die Angst der Republikaner

Können die Demokraten Weißes Haus, Repräsentantenhaus und Senat in ihre Hand bringen? Die Republikaner fürchten den Verlust ihrer Mehrheit, weil sogar einst sichere Sitze in Gefahr sind.