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Cuxhaven : Beim Bäcker wird die Schlange 20 Meter lang

  • -Aktualisiert am

Sommer in Cuxhaven: Boom - auch am Strand Bild: dpa

Der Bauboom hinter dem Deich geht weiter. In Cuxhaven entstehen immer mehr neue Ferienwohnungen. Jeder Quadratzentimeter wird ausgenutzt. Ein Einheimischer ist überzeugt: Es ginge auch anders.

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          Urlaub in Cuxhaven, das ist ein Aufenthalt in dem Nordseeheilbad mit den meisten Übernachtungen Deutschlands. Urlaub in Cuxhaven ist in diesem Jahr auch gleichbedeutend mit einer Baustellentour. Denn in den Kurstadtteilen am Meer, vor allem im Vorzeigestadtteil Duhnen, wird an jeder Ecke gebaut. Was das Auge der Urlauber sieht, ist aber nur das eine. Zahlreiche Projekte sind in Planung, mindestens ein halbes Dutzend Projektentwickler sind aktiv - und wenn man hier mit den Maklern redet, erfährt man ohnehin nur Gutes: Es gelte die Niedrigzinsphase zu nutzen und sein Geld vor der unsicheren Zukunft des Euro zu schützen, heißt es dann. Und dass die Preise hier noch nicht so stark davongelaufen seien wie zum Beispiel auf einer Insel wie Sylt.

          Carsten Knop

          Chefredakteur digitale Produkte.

          Objektiver ist es deshalb, mit dem Vertreter einer alteingesessenen Duhner Familie zu sprechen - und nach der Entwicklung Duhnens in den vergangenen zehn Jahren und den Schwierigkeiten zu fragen, die der Bauboom möglicherweise mit sich bringt. Erst dann bekommt man einen belastbaren Eindruck davon, wie sich die Kapitalanlage in eine Ferienimmobilie auf das Leben an Ort und Stelle auswirkt. „Duhnen war schon immer die Touristenhochburg. Die Stadt Cuxhaven hat rund 900 000 Ein- und Mehrtagesgäste mit etwa 3,5 Millionen Übernachtungen im Jahr, der Ortsteil Duhnen davon knapp die Hälfte“, beschreibt Ulrich Schmarje, dessen Familie in Cuxhaven-Duhnen ein Hotel und ein Haus mit Ferienwohnungen besitzt, die Ausgangssituation.

          Die Dauer der Übernachtungen habe sich in den vergangenen Jahren verringert, dafür werde häufiger Kurzurlaub gemacht: „Ich kann nur feststellen, dass speziell Duhnen an Wochenenden, Feiertagen, Brückentagen sowie in der Hauptferienzeit total überfüllt ist. Wegen der vielen Neubauten sind wesentlich mehr Quartiere entstanden.“ Das hat Auswirkungen auf den Ferienalltag in Duhnen: Die Restaurants sind an diesen starken Tagen mehr als gefüllt, und vor den Bäckerfilialen bilden sich Schlangen von bis zu 20 Meter Länge. „Das war früher nicht so stark ausgeprägt. Der Verkehr hat ebenfalls enorm zugenommen“, hat Schmarje beobachtet - und das auf oftmals sehr schmalen Straßen, an deren Ausbau nicht ernsthaft zu denken ist.

          Einheimische wohnen nicht mehr in Duhnen

          Positiv ist: Die Qualität der in Duhnen angebotenen Ferienwohnungen steigt. Das sieht auch Schmarje so: „Allein durch die vielen Neubauten, die in den vergangenen Jahren entstanden sind, gibt es eine Vielzahl von sehr hochwertigen Wohnungen, die größtenteils auch über Vermietungsgesellschaften angeboten werden. Außerdem gibt es gerade in Duhnen einen hohen Anteil an klassifiziertem, vom DTV (dem Deutschen Tourismusverband) geprüften Ferienwohnungsbestand.“ Diese erhalten in der Regel im Neubaubereich vier bis fünf Sterne. Und auch die Hotels haben den Qualitätsstandard angepasst.

          Stillstand bedeutet Rückschritt, da hat auch Schmarje keine Zweifel - und klingt dabei fast wie einer der geschäftstüchtigen Makler. Tatsächlich ist seine Meinung aber sehr viel differenzierter und bodenständiger: „Auch ältere Gebäude könnten erhalten und saniert werden“, wendet er ein. In Duhnen sei es leider so, dass die älteren Gebäude abgerissen und auf gleicher Fläche wesentlich größere Immobilien erbaut würden.

          Großzügiger wird das Angebotene dadurch nicht, denn die Projektentwickler achten auf den letzten Cent: „Es wird immer der letzte Quadratzentimeter ausgenutzt. Das ist schade und verändert extrem das Ortsbild“, sagt Schmarje. Einheimische wohnten deshalb so gut wie nicht mehr in Duhnen, sondern außerhalb. Es gehe indes auch anders, wie das Beispiel seiner eigenen Familie zeige: „Wir haben in unser 107 Jahre altes ,Hotel Am Meer‘ kräftig investiert.“ Damit habe er bewiesen, dass man auch ältere Gebäude auf den Komfort von heute bringen könne. „Das vermisse ich bei den auswärtigen Investoren“, ist Schmarje ganz offen.

          Hinzu komme: Die Infrastruktur von Cuxhaven-Duhnen sei der Expansion nicht mehr gewachsen: „Die Straßen, insbesondere die Fußwege, sind in einem desolaten Zustand. Die Kanalisation und das gesamte Leitungsnetz sind nicht dafür ausgelegt. Die Verkehrsströme werden nicht gelenkt. Her besteht dringend Handlungsbedarf.“ Immerhin ist ein kleiner Lichtblick erkennbar, wird derzeit in der Stadt doch wieder über ein Verkehrskonzept für Duhnen gesprochen. Dass der Tourismus nachhaltig richtig entwickelt wird, ist für die Wirtschaft von Cuxhaven von entscheidender Bedeutung. Denn die Stadt ist hochverschuldet. Aus diesem Grund arbeitet man seit längerem an einem Entschuldungsvertrag mit dem Land Niedersachsen. Es fehlt an Industrieansiedlungen, um die finanzielle Situation der Stadt Cuxhaven zu verbessern. Die Fischindustrie ist seit Jahrzehnten rückläufig, wovon das neue Wrack- und Fischereimuseum „Windstärke 10“ im Hafen eindrucksvoll zeugt.

          Die große Hoffnung war die Windbranche. Aber auch dort hakt und klemmt es. Es wurde viel in Hafenanlagen investiert - und nun fehlen die Unternehmen, die diese Anlagen auch nutzen. Fördergelder konnten allerdings auch für den Neubau der Promenade, für Kureinrichtungen und für das Besucherzentrum Weltnaturerbe Wattenmeer eingesammelt werden - was entsprechend dem Tourismus und den Immobilieninvestoren zugutekommt. Zudem wird das Thalassozentrum „Ahoi“ mit Meerwasserbad weiter ausgebaut.

          Bleibt die Frage, wer von den Neubauten letztlich am stärksten profitiert: alteingesessene Cuxhavener oder auswärtige Investoren und Bauunternehmen? Die Antwort fällt ambivalent aus: „Die vielen Neubauten werden fast ausschließlich von auswärtigen Investoren gebaut und dann verkauft“, sagt Schmarje. Andererseits seien die Grundstückspreise in den vergangenen Jahren überproportional gestiegen. Das ist dann Geld, das den Alteingesessenen zugutekommt. Jeder Investor allerdings muss sich die Frage beantworten, ob der Boom so weitergehen wird. Mögliche Bauflächen jedenfalls sind noch reichlich vorhanden. Und je weiter man sich vom Deich entfernt, desto mehr Baulücken gibt es noch.

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