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Crowdfunding : Erst kleckern, dann klotzen

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Vor allem Produkte, die Geschichten erzählen, können schnell viele Menschen überzeugen. Mit einer einleuchtenden Idee gelang das den britischen Entwicklern von „GravityLight“. Mit ihrer schwerkraftbetriebenen Leuchte, gedacht für Entwicklungsländer, hatten sie schon am vierten Kampagnentag das Ziel von 55.000 Dollar erreicht, nach einer Woche verdoppelt. Vergangenen Mittwoch nun beendeten sie das Crowdfunding mit der hübschen Summe von 399.525 Dollar. Natürlich hatten sie dafür alle ihre Kontakte mit E-Mails beschossen, verschiedene soziale Netzwerke genutzt. Als dann noch Ende vorletzter Woche Bill Gates persönlich twitterte, was für eine coole Innovation die Leuchte sei, schossen die Spenden aus Amerika in die Höhe. Verantwortlich fürs Projekt ist die Londoner Produktdesign-Consultingagentur Therefore, die normalerweise Designern hilft, Ideen umzusetzen. „GravityLight“ allerdings war eine Eigenentwicklung, bei der sie nun erstmals auf Crowdfunding setzten. Werden sie den Weg nun öfter gehen? Ja, sagt der Direktor Jim Fullalove, trotzdem sei Crowdfunding nicht die Antwort für jede Produktneuentwicklung. Immerhin präsentiere man ein interessantes Projekt einem sehr breiten Publikum und möglicherweise auch Plagiatoren.

Europäische Designer nutzen Crowdfunding noch längst nicht so stark wie ihre Kollegen jenseits des Atlantiks. Noch nicht. So beobachtet man beim größten deutschen Crowdfunding-Portal für Kreative, Startnext, dass die Zahl der Designprojekte zunimmt. Seit des 100.000-Euro-Erfolgs eines eigens fürs iPhone entwickelten Kamerakrans und der Hartz-IV-Möbelprojekte bekomme man immer mehr Anfragen in der Kategorie. „Es braucht beim Crowdfunding in jeder Kreativsparte ein paar Vorreiter, die zeigen, was möglich ist“, erklärt die Startnext-Geschäftsführerin Anna Theil die aktuelle Entwicklung.

Das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben

Tatsächlich suchen inzwischen auch Immobilienprojekte online nach Unterstützung, wagen sich auf die Crowdfunding-Plattformen. Spektakulär die Idee, ein aufgegebenes Straßenbahndepot in New York City zum unterirdischen Park umzubauen. 3300 Menschen gaben vor einem dreiviertel Jahr 155.000 Dollar, um „LowLine“ möglich zu machen. Auch in Deutschland gibt es solche Aktionen, wenn auch nicht in dem Ausmaß: So veranstaltete letzten Sommer ein internationales Künstlerkonsortium eine Crowdfunding-Aktion für den Erhalt eines alten DDR-Vergnügungsparks an der Spree. Und zwei Berliner Künstler erhielten über Startnext 11.000 Euro, um eine Art öffentliches Baumhaus zu bauen, allerdings in einem Gebäude.

Vor drei Monaten hat sich nun die erste Crowdfunding-Plattform rein für Immobilien gegründet - und das ist nicht nur in Deutschland ein Novum. Das erste Projekt von Kapitalfreunde ging Ende Dezember zu Ende. Zwar kam nicht so viel Geld zusammen wie erhofft, doch man wertet es als Erfolg. 67.750 Euro investierten Unterstützer ins Atelierhaus „Kleine Ritter“ in Frankfurt-Altsachsenhausen, das das Viertel aufwerten soll, ohne es zu gentrifizieren. Gründer der Plattform ist Michael Ullmann, der lange Jahre offline Immobilienfinanzierungen gemacht hat und nun den Community-Gedanken in die Sache hineintragen will. Dafür brauche es gute und ungewöhnliche Projekte, etwa mit sozialem oder gemeinnützigem Aspekt, hinter die sich Leute gerne stellen. Trotzdem sieht man sich nicht als Spendenplattform. 6 Prozent Rendite warteten beim „Kleinen Ritter“ auf die Unterstützer statt der im Kreativbereich üblichen Dankeschöns. Sicherheiten gibt es allerdings keine - auf das Risiko eines Totalverlusts verweist die Plattform ganz bewusst.

Tatsächlich geht es auch im bislang teuersten Indiegogo-Projekt „Let’s Build a Goddamn Tesla Museum“ um eine Immobilie. Das letzte Labor des Wissenschaftlers Nikola Tesla in der amerikanischen Stadt Shoreham soll erworben und zu einem Museum umgebaut werden. Hier wollte Tesla vor mehr als hundert Jahren einen Turm bauen, der die ganze Welt drahtlos mit Energie versorgt hätte. Leider gingen ihm aber die Finanzmittel aus, und Crowdfunding war noch nicht erfunden. Heute bleibt seiner Crowd nur, ihm zumindest posthum ein Museum zu bauen. Eine Rendite gab es übrigens nicht - nur Baseballcaps, T-Shirts und vom letzten lebenden Verwandten signierte Poster. Sowie das gute Gefühl, das Richtige getan zu haben.

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