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Co-Living in der Pandemie : Unter Beobachtung

Im Uferwerk in Brandenburg wurden Schutzzonen für ältere Bewohner eingerichtet. Bild: Mirko Kubein

Co-Living und Co-Working beruhen auf der Idee des Teilens von Raum und Ressourcen. Wie meistern gemeinschaftliche Wohnprojekte eine Zeit, in der genau das nicht mehr angesagt ist?

          5 Min.

          Das Uferwerk im brandenburgischen Werder ist ein Gemeinschaftsprojekt wie aus dem Bilderbuch. Auf einem ehemaligen Fabrikgelände am Großen Zernsee wohnen hundert Erwachsene und sechzig Kinder in einem generationsübergreifenden Wohnprojekt, mit Gemeinschaftküchen und Co-Working-Arbeitsplätzen, gemeinsam genutzten Autos und Freiflächen. Es gibt WGs und Single-Haushalte, aber alle eint ein Gedanke: Jeder hat mehr, wenn sich die Bewohner Räume und Angebote teilen. Dann kam Corona.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Das war für uns alle ein ziemlicher Schock“, sagt Marius Haberland, der seit 2016 im Uferwerk wohnt. Denn auf einmal musste ein genossenschaftliches Wohnkonzept, das auf Nähe und Gemeinschaft beruht, mit strengen Abstandsregeln in Übereinkunft gebracht werden. „Es ging vor allem um die Frage, wie wir die Gemeinschaftsflächen weiter nutzen und dabei den gesetzlichen Vorgaben gerecht werden“, sagt Haberland. Diskutiert haben die Leute vom Uferwerk nicht mehr im Gemeinschaftsraum, sondern über Videocalls, was zu der absurden Situation führte, dass Haberland seine Nachbarn gleichzeitig durch den Lautsprecher und durch die Wand hörte.

          Die Bewohner entschieden sich, die große Gemeinschaftsküche zu schließen, die Werkstätten mit Hygieneregeln weiterzubetreiben und den Yoga-Raum künftig als Homeoffice zu nutzen. Noch schwerer, als die Verordnungen von oben umzusetzen, wogen jedoch die unterschiedlichen Vorstellungen innerhalb der Bewohnerschaft, wie sehr sich jeder Haushalt künftig separieren sollte. Das galt besonders mit Blick auf die Kinder, die vorher immer ganz selbstverständlich zusammen auf dem großen Gelände gespielt hatten. Während einige Eltern ihre Kinder nicht mehr nach draußen lassen wollten, tobten andere weiterhin gemeinsam herum. „Das sind dann schon schwierige Diskussionen, die emotional tief gehen“, sagt Haberland. Vor allem stellte sich die Frage, wie man die Kinder von den älteren Nachbarn trennt. „Wir haben Zonen für Bewohner, die älter sind als sechzig, geschaffen, die die Kinder nicht betreten durften“, sagt Haberland.

          Urbaner Arbeitstourismus ist nicht coronafähig

          Für ihn hat es zwei Seiten, die Corona-Krise in einem Gemeinschaftsprojekt durchzustehen, wo er mit seiner Familie in einer Wohngemeinschaft lebt. Auf der einen Seite sei trotz der physischen Distanz mehr Nähe möglich gewesen, man habe sich gegenseitig unterstützt, sei es beim Maskennähen, Einkaufen oder der Kinderbetreuung. Auch das große Gelände, auf dem die Kinder sich bewegen können, sei bei geschlossenen Spielplätzen und Kindergärten „unbezahlbar“ gewesen. „Aber der soziale Druck ist auch höher als in der Großstadt, alle bekommen mit, wie sich der Einzelne verhält“, sagt Haberland. Mit seinen Freunden aus Berlin hätte er trotzdem nicht tauschen wollen: „Wir sind hier in einer sehr privilegierten Situation.“

          In den vergangenen Jahren sind zahlreiche gemeinschaftliche Wohnprojekte auf dem Land entstanden, vor allem rund um Berlin. Die steigenden Wohnungspreise und schwindenden Freiräume in der Hauptstadt trieben besonders Kreative und Leute aus der Berliner Start-up-Szene aufs Land. Im Gegensatz zur Hauptstadt gibt es im ländlichen Brandenburg oder Sachsen-Anhalt noch große und bezahlbare Immobilien, in denen sich eine Vision vom gemeinschaftlichen Wohnen verwirklichen lässt. Viele Projekte wollen zudem Wohnen und Arbeiten miteinander verbinden – sei es mit Co-Working-Spaces, Übernachtungsmöglichkeiten für zahlende Gäste oder Manufakturen und Cafés.

          Corona stellt diese meist noch jungen Projekte vor ganz eigene Herausforderungen. „Viele dieser Orte finanzieren sich zum Teil durch Gastronomie oder die Vermietung von Räumen – Einnahmen, die ihnen jetzt weggebrochen sind“, sagt Julia Paaß vom Netzwerk Zukunftsorte. Das Netzwerk hat sich zur Aufgabe gemacht, leerstehende Gebäude auf dem Land in zukunftsfähige Orte zum Wohnen und Arbeiten zu verwandeln und dabei interessierte Städter, ländliche Kommunen und schon existierende Projekte zusammenzubringen. Noch bedrohe die Krise kaum Projekte in ihrer Existenz, sagt Paaß. Schließlich stecken in den meisten vor allem Eigenkapital und weniger Kredite, da die Banken solche Vorhaben ohnehin eher zögerlich finanzieren.

          Das Coconat in Bad Belzig sucht nach einem neuen Geschäftsmodell für die Corona-Zeit.

          „Die Mehrzahl ist flexibel aufgestellt und kümmert sich zum Beispiel erst mal um den weiteren Ausbau, wenn das andere nicht mehr läuft“, sagt die Netzwerkerin. Anstatt Gäste zu empfangen, werde dann eben renoviert oder der Garten umgegraben. Die Möglichkeit, jetzt, wo viele Freizeitmöglichkeiten versiegt sind, das eigene Umfeld selbst zu gestalten, sieht sie als einen großen Pluspunkt des Landlebens in Gemeinschaft. „Man kann für sich selbst etwas schaffen, was auch glücklich macht“, sagt Paaß, die selbst aus Berlin in ein kleines Dorf in Brandenburg gezogen ist.

          Für die Menschen auf dem Land habe sich im Alltag viel weniger verändert als für die Stadtbewohner. Paaß beobachtet seit dem Lockdown ein steigendes Interesse, aufs Land zu ziehen. Viele Projekte bekämen jetzt deutlich mehr Anfragen als vorher. „Manche wollen nur ein Bett und einen Internetanschluss, Hauptsache, raus aus der Stadt!“ Die Entwicklung bestätigt auch Marius Haberland vom Uferwerk: „Wir führen gar keine Warteliste mehr, weil sich so viele Interessenten melden“, sagt er.

          Aus dem Wunsch vieler Großstädter, die dichten Metropolen und ihre Wohnungen zu verlassen, die für die Kombination aus Wohnen und Arbeiten zu klein geworden sind, hat das Coconat ein Geschäftsmodell für die Corona-Zeit gemacht: Coconat steht seit drei Jahren für „Community and Concentrated Work in Nature“ und bietet Leuten aus der Stadt sowie Freiberuflern aus der Umgebung die Möglichkeit, auf einem ehemaligen Gutshof bei Bad Belzig gemeinsam und mit schnellem Internet zu arbeiten.

          Das Coconat hat sich zu einem Treffpunkt für Digitalnomaden entwickelt, der weit über die Grenzen des 75-Seelen-Dorfs Klein Glien hinausstrahlt. Doch das eigentliche Konzept, urbanen Arbeitstouristen für ein paar Tage Unterschlupf in bukolischer Landschaft und enger Gemeinschaft mit Schlafen in Mehrbettzimmern anzubieten, ist nicht coronafähig.

          „Die letzten Wochen waren eine echte Achterbahnfahrt“, sagt Julianne Becker, Mitgründerin des Coconat. Wie Hotels musste auch das Coconat den Betrieb einstellen, die Mitarbeiter wurden in Kurzarbeit geschickt. Nur sieben gestrandete Gäste, unter anderem aus Brasilien, Island und Marokko, die wegen der Flugausfälle nicht mehr nach Hause kamen, haben während des Lockdowns auf dem alten Gutshof gemeinsam ausgeharrt.

          „Wie baut man Gemeinschaft und bleibt trotzdem auf Distanz?“

          Doch jetzt, wo die Gestrandeten wieder nach Hause fliegen und immer mehr Vorschriften gelockert werden, müssen Becker und ihre Mitstreiter das Konzept, das auf Nähe und Teilen beruht, der neuen Realität anpassen. „Wie baut man Gemeinschaft und bleibt trotzdem auf Distanz?“ ist die Frage, die sie in den kommenden Wochen beantworten wollen.

          Künftig soll das Coconat vom kurzfristigen Co-Working auf mittelfristiges Co-Living umstellen: Eine feste Gruppe aus mindestens zwanzig Personen soll von Juni an für einen Monat in einer Land-WG auf Zeit auf dem Gutshof einziehen. Basis des Zusammenlebens in Corona-Zeiten bilden Vertrauen und feste Regeln: Masken tragen beim Kochen, Trips in die Stadt nur bei dringenden Angelegenheiten und möglichst wenig Kontakt zu Personen außerhalb des Coconat. Die Rückmeldung für Juni „war nicht überragend, aber okay“, sagt Becker. „Es wird ein echtes Experiment – für uns alle.“

          Wie viel Vertrauen ist möglich, und wie viele Regeln sind nötig, um die Pandemie in enger Wohn-Gemeinschaft durchzustehen? Diese Frage stellt sich auch für die Bewohner der Alten Mühle Gömnigk. In der ehemaligen Wassermühle südwestlich von Potsdam leben zwanzig Erwachsene und elf Kinder in zwei Wohngemeinschaften zwar auf 18 Hektar Land, aber mit einer Küche im Erdgeschoss, durch die alle hindurchmüssen. Auch die Bäder werden geteilt.

          „Einige von uns, die mehr Angst vor der Krankheit haben oder vorbelastet sind, kochen seit Corona in der Gästeküche“, sagt Armin Olunczek, der mit seinen beiden Kindern und Ex-Partnerin in der Mühle lebt. Versammlungen werden seit März nur noch draußen abgehalten, viele gehen auf Abstand. „Ich nehme die Situation als belastend wahr“, sagt Olunczek. Einerseits sind manche Bewohner viel mehr zu Hause als sonst, weil das Arbeiten auswärts wegfällt. Andererseits ist das gemeinschaftliche Leben mit vielen gemeinsamen Aktionen und Gästen, die regelmäßig vorbeikommen, eingefroren.

          Auch in der Mühle haben die Bewohner versucht, gemeinsame Regeln für den Umgang mit dem Virus zu finden. „Wenn es einer bekommen hätte, hätten wir es alle gehabt“, glaubt Olunczek. Sie vereinbarten, dass jeder Bewohner nur noch einen Kontakt nach außen pflegen sollte – nicht ganz einfach für manche, die polyamore Beziehungen führen. Aber auch Olunczek sieht vor allem das Positive des gemeinschaftlichen Lebens auf dem Land: „Mit knapp 20 Hektar Land, Holz- und Metallwerkstatt, eigenen Gärten und Wald wird einem nie langweilig.“ Aktuell wird im Wohnprojekt darüber diskutiert, ab wann sie wieder Gästegruppen aufnehmen. Auch in der Alten Mühle will man sich wieder stärker nach außen öffnen – nur wie weit, darüber gehen die Meinungen noch auseinander.

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