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Chemnitz : Die vergessene Stadt

  • -Aktualisiert am

Das Gesicht der Stadt: der Karl-Marx-Kopf von Chemnitz Bild: Kristina Pezzei

Kurz nach der Wende machte Chemnitz Schlagzeilen als alternde Stadt, der die Einwohner abwandern. Jetzt geht es langsam bergauf.

          7 Min.

          Wenn Laura Tzschätzsch aus dem Fenster ihres Cafés schaut, bekommt sie schlechte Laune. Im schick sanierten Gründerzeithaus gegenüber haben die Grünen ihr Büro bezogen, daneben sitzt seit Kurzem eine Event-Agentur - mitten auf dem einstigen DDR-Boulevard Brühl, mitten im Hoffnungsgebiet junger Chemnitzer. „Ich hätte mir hier etwas Alternatives gewünscht, irgendetwas, das zu einem Ausgehviertel beiträgt“, sagt die 28 Jahre alte Studentin. „So habe ich mir das nicht vorgestellt.“

          In der Stimme der jungen Unternehmerin schwingt Resignation mit. Draußen ist ein grauer Samstagvormittag angebrochen, kaum ein Mensch verirrt sich in die Fußgängerzone am Rande des Chemnitzer Zentrums. Tzschätzsch fürchtet, dass es auch an Wochentagen so bleiben wird: Der Brühl als reines Wohnviertel gut verdienender Akademiker, die für eine sanierte Wohnung im innerstädtischen Gründerzeitaltbau entsprechend Miete zahlen wollen und können. In den Erdgeschossen Büros statt Bars - die Jungen, Kreativen, die Stadt gestalten wollen, bleiben draußen. So wie es in deutschen Großstädten zur Regel geworden ist.

          In Chemnitz fehlte bislang der Boden, auf dem solche Trends fruchten konnten. Das einstige „sächsische Manchester“, mit knapp 250 000 Einwohnern drittgrößte Stadt in Ostdeutschland, stand in den Jahren nach der Wende vor ganz anderen Problemen. 60 000 Menschen verließen die Stadt. Wer blieb, war frustriert. Die Bagger rissen Plattenbauten und alte Häuser ab und damit weitere Löcher in ein ohnehin perforiertes Stadtbild: Die sozialistischen Planer hatten der Arbeitermetropole Chemnitz statt eines Zentrums mehrspurige Straßen und riesige Steinplattenplätze geschenkt, eine Innenstadt gab es 1989 im Prinzip nicht. Später übersah die Bahn das Erzgebirge beim Ausbau ihres Fernbahnnetzes im Osten. Während Leipzig hip wurde und Dresden schön, geriet Chemnitz in Vergessenheit.

          Ich komm aus Karl-Marx-Stadt, bin ein Verlierer Baby, original Ostler
          Ich steh auf keiner Gästeliste,
          ich bin nicht mal cool in einer Stadt, die voll mit Nazis ist, Rentnern und Hools.
          Ich cruise Banane essend im Trabant um den Karl-Marx-Kopf,
          die Straßen menschenleer und das Essen ohne Farbstoff.
          Diskriminiert, nicht motiviert, von der Decke tropft das Wasser, nix funktioniert.
          Und so wohnen wir in Sachsen, auf modernden Matratzen,
          immer jut drauf auch ohne Kohle in den Taschen.
          (Kraftklub, „Karl-Marx-Stadt“)

          Auf Kultur folgte Plattenbau

          „Chemnitz war bei vielen nicht mehr auf der Karte“, sagt Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig. Seit mehr als neun Jahren regiert sie die Stadt vom wuchtigen Rathaus aus, einem der wenigen Gebäude, die die Bomben des Zweiten Weltkriegs überstanden. Die drahtige Frau, kurzes blondes Haar, hat das Auf und Ab miterlebt, die Jahre des Schrumpfens, des Aufrappelns, Ausprobierens und Weitermachens. Sie hat die Qualitäten ihrer Stadt in den schwierigen Jahren gebetsmühlenartig wiederholt, gegenüber Politikern und Unternehmern. Rückschläge hat die gebürtige Karl-Marx-Städterin weggesteckt - etwa, wenn sich ungeachtet der Chemnitzer Wirtschaftsgeschichte wieder ein Industriekonzern lieber in Leipzig niederließ. Chemnitz wurde mit Textilindustrie und Maschinenbau groß, mit den Industriellen kamen Kunst, Kultur und Architektur an den gleichnamigen Fluss am Rand des Erzgebirges. Auf dem Kaßberg entstand eines der größten zusammenhängenden Gründerzeitviertel Europas, in der Ebene entwarfen namhafte Architekten Kaufhäuser und Fabrikbauten, die bis heute das Stadtbild prägen. In der DDR-Zeit kamen Hunderte Plattenbauwohnungen und ein riesiger Karl-Marx-Kopf dazu. Chemnitz wurde zur verlängerten Werkbank Dresdens.

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