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Nachhaltige Heimtextilien : Chemikalien im Himmelbett

Diese Decke war einmal eine Jeans. Bild: Biederlack

Kuscheldecken aus PET-Flaschen, Handtücher aus alten Jeans und Vorhänge, die auf dem Kompost landen. Die Heimtextilien geben sich nachhaltig. Doch wie grün sind sie wirklich?

          5 Min.

          Ein Bettbezug, der heute im Wald vergraben wird, hinterlässt noch Jahrhunderte später Spuren: Die Plastikknöpfe sind nicht verrottet, es finden sich Rückstände unterschiedlicher Chemikalien in der Erde. Eigentlich sollen diese dafür sorgen, dass der Verbraucher den Stoff als qualitätvoll wahrnimmt, weil er nicht knittert und die Farbe auch nach fünfzig Wäschen noch strahlt. Aber diese vermeintlich gute Qualität hat ihren Preis, nicht nur für die Umwelt, sondern auch für den Konsumenten. Er schläft in Stoffen, die eher nach Chemielabor als nach Himmelbett klingen: polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, Formaldehyd und Kunstharze.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass mit den Textilien, die uns umgeben, etwas nicht stimmt, hat Manuel Schweizer vor ein paar Jahren am eigenen Leib erfahren. „Immer wenn ich auf Messen war und viele Stoffe angefasst habe, bekam ich Ausschlag“, berichtet der Unternehmer, der seit mehr als dreißig Jahren in der Heimtextilbranche arbeitet. Um den Wünschen der Verbraucher nach maximaler Bequemlichkeit bei minimalem Preis gerecht zu werden, sind auch Vorhänge, Bezüge und Bettwaren ebenso wie die Bekleidung immer stärker chemisch „ausgerüstet“.

          Diese Entwicklung hat nicht nur Folgen für die Gesundheit der Konsumenten, sie schädigt auch die Umwelt. Hinzu kommt, dass in den vergangenen Jahren nicht nur immer mehr Textilien auf der Welt produziert wurden, sondern auch der Anteil an Kunstfasern an der globalen Produktion zugenommen hat. Zum Beispiel Polyester, das aus Erdöl hergestellt wird: Schon in der Produktion des Textils, aber auch später im Gebrauch, vor allem durch das Waschen, gerät Mikroplastik in die Umwelt, in Wasser und Böden.

          Nach wenigen Wochen komplett aufgelöst

          Die Reaktion seines Körpers auf den Kontakt mit Stoffen brachte Schweizer vor einigen Jahren auf den Gedanken, dass Textilproduktion auch anders funktionieren müsste, als Raubbau an der Umwelt zu betreiben und Unmengen an Ressourcen zu verschlingen. Zwar ist der Konsum von Kissenbezügen, Handtüchern und Dekostoffen nicht so stark gestiegen wie der von Bekleidung, der sich seit 2000 verdoppelt hat. Aber auch die Heimtextilbranche ist ebenso wie Fashion zunehmend fast geworden: Immer kürzere Trendzyklen, Discountware zu Kampfpreisen, häufigere Umzüge und mehr Singlehaushalte führen auch bei Handtüchern und Bettwäsche dazu, dass ihre Halbwertzeit abnimmt. In Zeiten von Instagram ist die Wohnung zur Visitenkarte geworden, die immer wieder frisch gestylt werden muss – was am einfachsten mit neuen Textilien funktioniert.

          Schweizer wollte Textilien herstellen, die nicht nur nachhaltiger sind als die herkömmlichen, sondern die Umwelt gar nicht belasten. „Weil unsere Produkte keinen Abfall hinterlassen sollen, müssen sie wieder in den biologischen Kreislauf geführt werden – es ist das „Cradle to Cradle“-Prinzip, auf dem die Textilien basieren, die Schweizer entwickelt hat. Die Handtücher, Bettwäsche und Vorhangstoffe, die der Unternehmer von diesem Frühjahr an auch in Deutschland unter dem Markennamen „Oceansafe“ vertreibt, sind vollständig abbaubar. „Man kann sie im Garten vergraben und nach ein paar Wochen ist nichts mehr davon übrig“, sagt Schweizer.

          Kompostierbare Bettwäsche mit Steinnussknöpfen

          Das bedeutet nicht nur, dass die Stoffe selbst zu hundert Prozent biologisch abbaubar sind, sondern auch ihr Zubehör, vom Garn bis zu den Knöpfen. Die Oceansafe-Stoffe werden auf Webstühlen gewebt, die nicht mit Paraffin gewachst sind, um schneller zu weben. Sie werden mit biologisch abbaubaren Pigmenten gefärbt, die Knöpfe sind aus Steinnuss anstatt aus Plastik und sie werden in kompostierbaren Verpackungen ausgeliefert. Am Ende des Lebens nimmt Schweizer seine Produkte wieder zurück, um sie in der Industrie-Kompostierung zu Biogas und Nährstoff umzuwandeln. Der gewonnene Nährstoff ist dann wieder die Basis für ein neues Produkt.

          Stoffe aus Abfall

          Oceansafe ist der erste Heimtextilhersteller, der den Kreislaufgedanken derart konsequent umgesetzt hat. Dabei setzt das Unternehmen nicht nur Naturfasern wie Bio-Baumwolle ein, sondern auch Kunstfasern. Aber diese wurden so entwickelt, dass sie nach ihrem Lebensende nicht überdauern, sondern verrotten und zu Nährstoff werden.

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