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Camposanto in Thüringen : Im letzten Garten

  • -Aktualisiert am

Die Anlage spiegelt die Begräbniskultur aus vier Jahrhunderten. Bild: Jens Haentzschel

In einem kleinen thüringischen Städtchen gibt es seit der Renaissance einen Friedhof nach italienischem Vorbild. Über prunkvolle Grabstätten an einem unwirklichen Ort und Menschen, die gegen ihren Verfall ankämpfen.

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          Manchmal helfen nur Taschenmesser, Scheuerbürste und etwas Kraft, um dem Stein wieder so etwas wie Würde zu geben. Fein säuberlich schrubbt Erich Reiche über die alte Grabplatte, wischt behutsam die Moosreste und Flechten vom Stein und macht langsam sichtbar, was über Wochen und Monate verdeckt wurde. Die Ockerfarbe des Steins schimmert durch, verwitterte Schriften werden sichtbar, das Moos löst sich langsam auf, um an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit wieder aufzutauchen. Auf dem kleinen Gottesacker in Buttstädt rund 30 Kilometer nordöstlich von Weimar scheint die Zeit stehengeblieben zu sein. Umgeben von 90 Grabmalen und weit über 200 Fragmenten von Grabsteinen, verzaubert Erich Reiche bis heute die einzigartige Magie und Ausstrahlung dieser historischen Anlage. Die Toten ruhen hier teils seit Jahrhunderten.

          Einige Steinkolosse sind brüchig, einzelne Epitaphe haben feine Risse. Tonnenschwer stehen sie über das gesamte Gelände verteilt. Sisyphos müsste hier viel tragen. Doch er hätte abseits der Last auch Neugier empfunden, denn dieser Friedhof ist an Vielfalt und Atmosphäre kaum zu überbieten. Die Quantität der Zahlen ist schon spektakulär. Hinzu kommt die beachtliche Qualität an Historie. Die Grabplatten und Fragmente stammen von der Renaissance bis zum Klassizismus und versinnbildlichen eine Begräbniskultur von vier Jahrhunderten. Darauf ist Erich Reiche besonders stolz. Seit bald dreißig Jahren ist er Vorsitzender des Fördervereins Alter Buttstädter Friedhof. Gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlern hat er diese Anlage zu großen Teilen aus dem fast schon komatösen Dornröschenschlaf geholt.

          Die Arkadengänge kennzeichnen einen Camposanto.
          Die Arkadengänge kennzeichnen einen Camposanto. : Bild: Jens Haentzschel

          Wenn er sich erinnert, wie es hier nach der Wende ausgesehen hat, wird er nachdenklich. „Der Rasen war längst meterhohes Gras, die Flächen waren ungepflegt, die Gebäude überall sanierungsbedürftig, und die Grabmale lagen umgefallen zwischen all dem Unkraut, viele Eisenkreuze zerbrochen am Boden.“ Und er ergänzt mit einem süffisanten Lächeln: „Auferstanden aus Ruinen war hier definitiv nichts.“ Der desolate Zustand des Friedhofs löste bei Reiche und seinen Mitstreitern große Hilfsbereitschaft aus. Allen war klar, dass hier was gemacht werden müsste, und so begannen die ersten Aufräum- und Restaurierungsarbeiten.

          Der Gang über den Friedhof ist eine Zeitreise

          „Das ist der einmalige Wert und die große Attraktion dieser denkmalgeschützten Anlage“, erklärt Martin Baumann, Thüringens oberster Denkmalschützer für Gartenkultur. „Bereits 1537 diente das Feld als Begräbnisplatz. 1591 wurde die als Gottesacker bezeichnete und zu klein gewordene Fläche durch Ankauf und Abriss angrenzender Häuser erweitert. Mit dem Bau der beiden überdachten und säulenbewehrten Arkadengänge und dem Eingangsportal hat der Ort bis heute den baulichen Charakter erhalten.“

          Das dreigeteilte Grabmal der Familie Brickener-Mattern zählt zu den ältesten Objekten. Auf dem Stein steht: „Der erbahre und wohlweise herr clemen brickener ist in Gott selick enttschlaffen.“ Die biblischen Gestaltungen auf dem Grabmal aus der Renaissance sind umfangreich. Engel mit Dornenkronen, Lanzen und Kreuzen, eine Taube im Strahlkranz, der kaum erkenntliche Leichnam Jesu auf dem Schoße Gottes. Wenige Meter entfernt am Ende des Säulengangs findet sich ein weitaus schlichteres Beispiel aus dem Klassizismus. Auf einer Säule steht eine steinerne Urne, die halb mit einem Tuch bedeckt ist. Ein Eichenlaubkranz krönt das Grabmal aus dem Jahr 1782. Ehrensäulen aus dem Spätbarock finden sich wiederum mannigfach auf der Freifläche des Friedhofs. Die obeliskenartigen und üppig verzierten Säulen wurden Mitte des 18. Jahrhunderts oft aufgestellt.

          Eine „Zeitreise“ nennt Erich Reiche den Gang über den Friedhof, manchmal bezeichnet er ihn als eine „andere Welt“. In der Tat hat der Ort eine ganz besondere Ausstrahlung. Vieles auf dem Grundstück bleibt geheimnisvoll, anderes lässt sich erst gar nicht beantworten. Zum Beispiel wie die historischen Wege verliefen oder ob es Bepflanzungen gab, um die Toten zu ehren oder das Gelände zu verschönern. Lediglich die drei Eschen mit ihren über zweihundert Jahren und die noch ältere, gewaltige Eiche wüssten aus der Vergangenheit zu erzählen. Wenn sie nur könnten.

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