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Bürgerbeteiligung : Nicht vor meiner Haustür

  • -Aktualisiert am

Mitsprache nicht Bürde, sondern lokale Kompetenz

An mehreren Sommerabenden wurde dann mit Hilfe eines Moderators über urbanes Gärtnern, Bauwagen als rollende Stadtteiltreffs und Altern in der Stadt diskutiert und konkrete Projekte wie die Anlage eines Gemeinschaftsgartens entwickelt. Am Ende wurde abgestimmt, welche davon realisiert werden sollen. „Das Format eignet sich nicht, um Bebauungspläne zu diskutieren“, meint Dilger. Aber es sei perfekt, um Bedürfnisse herauszufiltern. Im kommenden Jahr sollen Pizza und Hotdogs dabei helfen, Parks und Plätze mehr nach den Wünschen Jugendlicher zu gestalten.

Wer Qualität und Akzeptanz von Bürgerbeteiligung verbessern möchte, sollte das Mitsprachebedürfnis der Bürger nicht als Bürde, sondern ihre lokale Kompetenz als Gewinn ansehen. Auch in Heidelberg wird dieser Ansatz verfolgt. Seit 2015 fördert das Land Baden-Württemberg sogenannte Reallabore, in denen Wissenschaft und Praxis einander näher kommen sollen. Am Geographischen Institut der Universität Heidelberg probiert man im Rahmen dessen aus, wie Bürger in das sperrige Thema Energiewende einbezogen werden können. „Heidelberg will 2050 klimaneutral sein. Doch das Thema ist sehr rational“, erklärt die Geographin Christina West. An ihrem Institut arbeiten daher Kartographen an einer Online-Karte, auf der jeder seine Lieblingsorte der Energiewende selbst eintragen kann - sei es der freundliche Bioladen um die Ecke, das Schwimmbad mit Solarpanels auf dem Dach oder das Restaurant, in dem nur Lebensmittel aus der Region serviert werden. „Was die Gemeinschaft weiß, können wir allein gar nicht schaffen“, sagt West. Fachleute tragen derweil ihr Wissen über den Energieverbrauch einzelner Häuser oder den Verlauf des Fernwärmenetzes bei.

Das Projekt läuft noch. Als Ergebnis soll eine im Internet und als App verfügbare, von jedem erweiterbare Karte stehen, die aufzeigt, was Energiewende in Heidelberg konkret bedeutet. So soll das abstrakte Thema verständlicher werden und die Leute anregen, einen eigenen Beitrag zu leisten. Zudem wird das zusammengetragene Wissen als Ausstellung auf einer alten Industriebrache zugänglich gemacht.

Die Karte basiert auf dem offenen System „Open Streetmap“. „Das ist ein Bürgerprojekt. Da gibt es keine Berührungsängste gegenüber der Verwaltung“, sagt West. Doch auch wenn Beteiligung mit einem Klick von zu Hause aus und wann immer man will, verlockend klingt: Die Zukunft sieht so nicht aus. Das sagt zumindest Kay-Uwe Kärsten aus Potsdam, wo 2016 ebenfalls mit Beteiligung über das Internet experimentiert wurde. Genutzt wurde dafür die Plattform „Civocracy“. Das Start-up stammt ursprünglich aus Amsterdam und ist mittlerweile auch in Deutschland und Frankreich aktiv. Sowohl Städte als auch ihre Bürger können dort Themen zur Diskussion stellen - in Potsdam wurde das neue Verkehrskonzept für die Innenstadt debattiert. Indem viele Städte aus mehreren Ländern auf einer Plattform gebündelt werden, sollen diese gegenseitig von Erfahrungen und Lösungen profitieren.

„Für diejenigen, die sich im Netz auskennen, ist es ein niedrigschwelliges Angebot, und man fängt gut die verschiedenen Perspektiven ein“, sagt Kärsten. Sich gegenseitig von Standpunkten zu überzeugen und einen Kompromiss zu finden funktioniere aber eher nicht.

„Beteiligung ist immer auch ein bisschen eine Schulung in Demokratie. Für alle“, meint Kärsten. Die offene Debatte sei dafür essentiell. „Sie ist aber nicht demokratischer als das parlamentarische System, das nach Mehrheiten entscheidet.“ Dass am Ende nicht alle überzeugt seien, gehöre dazu.

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