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Bürgerbeteiligung : Nicht vor meiner Haustür

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„Auch Nimbys darf man nicht einfach nur ein Etikett verpassen. Niemand ist nur am Gemeinwohl orientiert. Es ist selbstverständlich, dass Menschen erst einmal ihre eigenen Interessen vertreten“, sagt Kärsten. Doch auch er hat beobachtet, dass die Streitkultur bei Bürgerversammlungen oft nicht gut ist. „Die Mehrheit kommt mit einer Position, die keinen Widerspruch zulässt. Die muss man aufbrechen.“ Schon die Einrichtung eines Raumes kann dabei helfen. Eine Schulaula lädt dazu ein, dass selbstbewusste Menschen mit Redeerfahrung die Debatte beherrschen. Wenn man hingegen kleine Gesprächsinseln mit mehreren Moderatoren anbietet, ist die Stimmung offener, und auch leisere Menschen kommen zu Wort. Allerdings müssen diese den Weg zur Versammlung dafür erst mal finden.

Beim Abendessen Projekte im Kiez diskutieren

Zwar ist das Bedürfnis sehr groß, bei der geplanten Sanierung der Hauptstraße oder dem Bau des neuen Wohnviertels mitzureden. Doch zu den Workshops und Infoabenden in einer schlecht beleuchteten Aula oder muffigen Turnhalle erscheinen meist immer dieselben. „Wenn es um Beteiligung geht, erwarten die Bürger von der Verwaltung immer nur irgendwas Dröges mit Rentnern. Viele verbringen ihre Zeit lieber anders“, sagt Ulrich Dilger vom Stuttgarter Amt für Stadtplanung. Das hat zur Folge, dass Proteste und Bürgerinitiativen sich oft erst formieren, wenn die ersten Bagger rollen. Um an den Planungen noch etwas zu ändern, ist es dann zu spät. Genau da setzt Dilgers Projekt „Salz & Suppe“ an.

Im Herbst 2014 stand er vor zwei Herausforderungen: Im Stadtentwicklungsamt verfolgte man das Ziel, den öffentlichen Raum so zu gestalten, dass er eine soziale Mischung in der Stadt fördert. Aber das allein reiche nicht aus, sagt der Stadtplaner. Es müsse auch individuelle Angebote geben, die die Menschen zusammenbrächten. Dilger sollte daher Ideen entwickeln, die das Miteinander innerhalb einer Nachbarschaft verbessern. Zudem galt es, dabei alle Anwohner und deren Wünsche mitzunehmen. Im vergangenen Sommer feierte dann „Salz & Suppe“ Premiere. Das Konzept scheint simpel: Neun Gruppen mit jeweils sechs Teilnehmern laden sich reihum nach Hause zum Essen ein, um - je nach Kochkunst - bei Spaghetti, Rostbraten oder Gazpacho über das Zusammenleben und den Wandel ihrer Stadt zu diskutieren.

Dass Essen ein guter Katalysator für Debatten ist, hat Dilger nach einem Umzug am eigenen Leib erfahren. Seine Frau hatte gerade ihr erstes Baby bekommen und war noch etwas wacklig auf den Beinen, da stand eines Tages die kurdische Nachbarin mit warmem Mittagessen vor der Tür. „Damals waren wir uns völlig fremd. Mittlerweile kenne ich alle islamischen Festtage und die Speisen, die dazu traditionell zubereitet werden.“ Diese Erfahrung hat er auf sein Projekt übertragen. „Essen und Gastfreundschaft sind gute Türöffner.“

Damit an den Tischen neben dem pensionierten Lehrer und der Studentin der Stadtplanung auch der Küchenchef aus Bangladesch und die Schmuckdesignerin im Rollstuhl Platz nehmen konnten, waren Dilger und seine Kollegen in der Stadt unterwegs. Auf dem Marktplatz haben sie Banker angesprochen, im sozialen Wohnungsbau alleinerziehende Mütter. „Man muss die Leute vor Ort abholen. Sie sind scheu wie Rehe“, berichtet Dilger. Bei der Auftaktveranstaltung sagte der in Bürgerbeteiligung geschulte Baubürgermeister: „Ich kenne hier im Raum keinen einzigen.“ Da wusste er, dass er alles richtig gemacht hatte.

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