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„Brexit“-Angst : Londons Luxusimmobilien gibt’s jetzt billiger

Ausgang offen: Befürworter und Gegner des Brexit in Londoner Nachbarschaft. Bild: AP

Unter Besitzern von Eigenheimen in London geht die Angst um: Stürzen die Preise ab, wenn die Briten für einen EU-Austritt stimmen? Erste Anzeichen gibt es schon.

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          An ihrer Haustür prangen gleich zwei Aufkleber mit der Aufschrift: „I’m In“. So lautet der Slogan der britischen Proeuropäer vor dem Referendum über den Austritt Großbritanniens aus der Europäischen Union. Die Mutter von zwei kleinen Kindern, die mit ihrer Familie in einer guten Londoner Wohngegend lebt, sagt, sie habe viele Gründe, bei dem brisanten Volksentscheid am 23. Juni gegen den sogenannten „Brexit“ zu stimmen.

          Marcus Theurer

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einer der Gründe, warum sie nicht will, dass Großbritannien aus der EU austritt, ist ein etwas eigennütziger, das räumt sie offen ein: Die Ärztin und ihr Mann, der in der Finanzbranche arbeitet, haben vor nicht allzu langer Zeit in London für sehr viel Geld eine schöne Eigentumswohnung mit Garten gekauft. Aber was wären die Folgen für den Wert der millionenschweren Immobilie, wenn der Brexit wirklich kommen sollte? Wäre es - ganz abgesehen von allen anderen Überlegungen - nicht auch deshalb einfach vernünftig, auf Nummer sicher zu gehen und dafür zu stimmen, dass Großbritannien in der EU bleibt?

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          Die Häuserpreise und das Referendum - das ist etwas, was in diesen Wochen viele Briten umtreibt. Vor allem in der Hauptstadt, wo die Immobilienpreise in den vergangenen Jahren himmelhoch geklettert sind, wachsen die Sorgen: Könnte ein Brexit-Votum der Briten in der übernächsten Woche die Nadel sein, welche die Blase am Londoner Häusermarkt zum Platzen bringt? Schließlich sind die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten eines EU-Ausstiegs das wichtigste Argument der Proeuropäer im Wahlkampf.

          Dünn geworden ist die Höhenluft am Londoner Immobilienmarkt schon seit längerem. Laut den Statistiken des englischen Grundbuchamts kostete die durchschnittliche Wohnung in der Themse-Metropole im März rund 535.000 Pfund, umgerechnet also knapp 680.000 Euro. So teuer waren die eigenen vier Wände in der britischen Hauptstadt noch nie. Allein binnen eines Jahres sind sie um weitere 14 Prozent gestiegen. Im Fünfjahresvergleich haben die Preise um annähernd 60 Prozent zugelegt.

          Der Ausgang des Referendums wiederum ist völlig offen: Glaubt man den Meinungsforschern, dann haben sich noch immer weder die EU-Gegner noch die Proeuropäer einen klaren Vorsprung in der Wählergunst erkämpfen können. Umfragen sehen weiterhin mal die eine, mal die andere Seite vorne.

          Am Devisenmarkt liegen derweil die Nerven blank: Die Schwankungen im Handel mit dem Pfund sind so stark wie seit der Weltfinanzkrise vor sieben Jahren nicht mehr. Seit dem Herbst hat die britische Währung gegenüber dem Euro deutlich an Wert verloren - ein Hinweis darauf, dass die Investoren am Devisenmarkt den Brexit, erstens, fürchten und, zweitens, für durchaus möglich halten.

          Vor allem im Geschäft mit hochwertigen Immobilien in erstklassigen Londoner Innenstadtlagen wirft das Referendum schon jetzt seinen Schatten voraus: Normalerweise zählen Interessenten aus anderen EU-Ländern zu den wichtigsten Käufern solcher Objekte. Aber eine Analyse des Maklerunternehmens Hamptons International ergab, dass im ersten Quartal nur 9 Prozent der Wohnungen und Häuser im Londoner Luxussegment von Käufern aus dem EU-Ausland erworben wurden. Vor einem Jahr entfielen auf sie noch 29 Prozent aller Käufe. Anbieter von Luxuswohnungen wie Barratt Developements und Berkely Group bieten nach einem Bericht der „Financial Times“ sogar schon exklusive Wohnungen nur mit einem Preisabschlag an.

          Der Grund dürfte klar sein aus Sicht derjenigen, die gerne Eigentum erwerben möchten: Warum nicht lieber ein paar Wochen warten, bis es Klarheit über den Ausgang des Referendums gibt, bevor man Millionenbeträge in eine Wohnung in Chelsea, Kensington oder Knightsbridge investiert? Aus Sicht der ausländischen Immobilieninvestoren ist nicht zuletzt das Wechselkursrisiko relevant: Analysten rechnen damit, dass im Brexit-Fall das Pfund noch deutlich an Wert verlieren wird. Das dürfte viele ausländische Investoren derzeit abschrecken.

          Die meisten Ökonomen halten den möglichen EU-Ausstieg für ein Spiel mit dem Feuer: Unter anderem warnen auch Fachleute der OECD und des Internationalen Währungsfonds (IWF) vor dem Brexit. „Die Auswirkungen wären ziemlich schlimm, bis sehr, sehr schlimm“, sagte die IWF-Chefin Christine Lagarde kürzlich. Denn mit dem EU-Ausstieg drohten die Briten auch den freien Zugang zum europäischen Binnenmarkt zu verlieren. Nicht zuletzt die Niederlassungen der Banken im Londoner Finanzviertel würden darunter leiden - und zahlungskräftige Investmentbanker zählen in den Nobelvierteln Londons bisher zu den besten Kunden der Immobilienmakler.

          Der proeuropäisch gesinnte britische Finanzminister George Osborne warnt davor, dass dem Land im Falle eines Brexit-Votums eine Rezession drohe. Der führende Unternehmensverband des Landes, CBI, sieht durch den EU-Austritt fast eine Million Arbeitsplätze bedroht. Die EU-Gegner auf der Insel weisen solche Prognosen zwar als „Angstkampagne“ zurück, die darauf abziele, die Wähler einzuschüchtern.

          Aber schon jetzt deuten Konjunkturindikatoren darauf hin, dass die britische Wirtschaft annähernd stagniert, denn Unternehmen zögern wegen der Ungewissheit, die das Referendum mit sich bringt, mit Investitionen und Neueinstellungen. Wenn der Brexit wirklich kommen sollte und die Ökonomen mit ihren düsteren Prognosen auch nur halbwegs richtig liegen, könnte das gravierende Auswirkungen auf den britischen Immobilienmarkt haben. Die Ratingagentur Fitch schätzte kürzlich, dass die Preise für Wohnimmobilien im Vereinigten Königreich in Relation zu den verfügbaren Haushaltseinkommen um rund 25 Prozent über dem „nachhaltigen Niveau“ lägen. Nach dem Brexit könne eine Mischung aus Pfund-Schwäche und steigenden Zinsen diese Überbewertung abrupt korrigieren, befürchten die Analysten von Fitch.

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