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Überseestadt Bremen : Quartier zwischen noch und schon

Von Wasser umflossen: Wohnen in der Bremer Überseestadt. Bild: Daniel Pilar

Bei der Umwandlung des Bremer Überseehafens arbeiten Investoren und Denkmalschutz Hand in Hand. Ein neues Viertel entsteht – ohne dass der alte Charme verlorengeht.

          Geblieben ist der Geruch: Schwer und holzig hängt der Duft von getrocknetem Tabak in der Luft. Es ist nicht der beißende Qualm brennender Zigaretten, sondern der erdige Geruch von Tabakblättern, gemischt mit unzähligen Zigarren, die in mehr als 50 Jahren an diesem Ort geraucht wurden. Er erinnert an eine Zeit, als Bremen eine der wichtigsten Städte im globalen Tabakhandel war, mit der Tabakbörse im Überseehafen als seinem Zentrum.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Acht Mal im Jahr traf man sich, um exklusiv die indonesische Tabakernte zu versteigern, aus der edle Zigarren gedreht wurden. Das Gebäude wurde für die Tabakauktionen gebaut: eine Halle mit vielen Oberlichtern, nach Norden ausgerichtet, denn die Blätter scheuen direkte Sonneneinstrahlung, während die Händler Licht brauchen, um die Proben zu begutachten. Das Haus hat 15 Herren- und nur zwei Damentoiletten - Tabakhandel war ein Männergeschäft.

          Nun hängt nur noch der Duft im Raum, der Handel mit Tabak hat sich verflüchtigt. Gerade noch eine Auktion im Jahr findet in der Tabakbörse statt, den Rest der Zeit sind die Tische zur Ausstellung der Ware leer, die Büros verwaist.

          Doch was passiert mit einem Gebäude, das seiner eigentlichen Funktion beraubt, wegen seiner baulichen Besonderheit und der historischen Nutzung aber unter Denkmalschutz gestellt wurde? Diese Frage stellt sich nicht nur bei der Tabakbörse, sondern vielfach im Bremer Überseehafen. Zu den 15 schützenswerten Gebäuden gehören Schuppen, in denen in der Nachkriegszeit Waren sortiert wurden, ebenso wie Speicher aus der Zeit der Jahrhundertwende, gebaut für die Lagerung von Baumwolle, Kaffee und Tabak. Es sind Verwaltungsgebäude, die davon zeugen, welche Bedeutung der Überseehafen für die Bremer Wirtschaft hatte - und die nun leer und halb verfallen seinen Niedergang belegen.

          Keine Geisterstadt mehr

          Der begann in den neunziger Jahren mit dem Siegeszug des Containers. Der Warenumschlag verlagerte sich nach Bremerhaven, der Stückguthafen der Hansestadt verlor an Bedeutung. Mit der Verfüllung des Überseehafenbeckens und der Aufhebung der Freihandelszone im Jahr 2000 wurde der Untergang besiegelt.

          Zwischenspiel: In der Tabakbörse steht alte neben neuer Nutzung. Bilderstrecke

          Heute sind einige Gebäude noch immer ungenutzt, während andere schon wieder voller Leben stecken: Agenturen und Büros haben in den alten Lagergebäuden viel Raum direkt am Wasser und günstige Mieten gefunden. Die Bremer Hochschule der Künste ist als einer der ersten Mieter im neuen Quartier Überseestadt schon vor zehn Jahren in einen 400 Meter langen Speicher gezogen; Restaurants, Ausstellungsräume und Wohnungen sind gefolgt. Zwischen den noch existierenden Brachflächen entstehen moderne Wohn- und Geschäftsbauten. „Es ist ein Ort zwischen noch und schon“, charakterisiert Senatsbaudirektorin Iris Reuther die Überseestadt. Mit 300 Hektar ist das Areal doppelt so groß wie die Hamburger Hafencity und nur wenige Kilometer von der Innenstadt entfernt gelegen. Ein Gebiet, das über Jahrzehnte das Stadtbild prägte und ebenso Teil der Bremer Identität ist wie das historische Rathaus.

          Trotzdem entschloss man sich zunächst für eine Radikallösung: Der erste Plan sah vor, alle Gebäude abzureißen. Die rotgeklinkerten Hafenbauten sollten moderner Investorenarchitektur weichen. „Als ich 2001 das erste Mal den Bremer Überseehafen besucht habe, war das eine Geisterstadt“, sagt Georg Skalecki, der Leiter des Landesamtes für Denkmalpflege in Bremen. Doch Skalecki setzte sich dafür ein, wichtige Zeugnisse der Bremer Hafengeschichte zu erhalten. Dabei hebt er hervor, nicht ziellos Altes bewahren zu wollen, nur weil es viele Jahre auf dem Buckel hat: „Wir sind keine Lumpensammler der Geschichte, die alles schützen, nur weil es alt ist“, sagt Denkmalpfleger Skalecki. Es müssen besonders typische Bauten sein, die viel über die Geschichte des Ortes erzählen. Außerdem müsse man schon von Beginn an überlegen, wie man die Gebäude künftig nutzen könne. „Wirtschaftliche Interessen sind wichtig. Wenn wir sie nicht beachten, verlieren wir unsere Denkmäler“, ist Skalecki überzeugt.

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