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Blühende Metropolen : Die Stadt ist das bessere Land

Urban Gardening auf dem Tempelhofer Feld in Berlin Bild: dpa

Wo ist die ländliche Idylle hin? Die Industrialisierung der Landwirtschaft hat aus dem Land ein Industriegebiet gemacht. Die Metropolen dagegen werden immer grüner - mit Blumen, Bienen und Radieschen.

          Rachel Carson, die vor mehr als fünfzig Jahren das Bild vom „stummen Frühling“ prägte, hatte nicht recht. Die Öko-Apokalypse gab es nicht, weder starb der Wald, noch gab es je eine Landschaft ganz ohne Singvögel wegen der chemischen Pestizide. Aber es gibt ein schleichendes Artensterben, das seit Jahrzehnten andauert. Das Land verarmt, auch bei uns. Es gibt dort immer weniger Insektenarten, Säugetiere und Wildkräuter. Das liegt an immer großflächigerer Landwirtschaft, Mais- oder Rapsfeldern ohne Ende, an Pestiziden. An der Windschutzscheibe bleiben nicht mehr viele Insekten kleben, wenn man im Sommer übers Land rast. Und wann ist Ihnen zuletzt ein Rebhuhn vors Auto gelaufen? Deren Bestand schrumpfte seit 1980 um 94 Prozent, weil den Tieren das Futter ausstirbt.

          Land und Landleben mag man sich mit Weidekühen denken, mit Kornfeldern und Obstwiesen, auch als entschleunigende Gegenwelt zum Stress, zu dem uns die Moderne zwinge. Und wenn man dann mit dem ICE durch Brandenburg fliegt, durch Niedersachsen oder durch Nordhessen, muss man feststellen, dass es das gar nicht mehr gibt, dass uns das Land verlorengeht. Denn dort sieht man monotone Äcker bis zum Horizont, Windparks und - ganz reell, nicht metaphorisch gemeint - die Tierfabriken.

          Landwirtschaft in Brandenburg. Im Hintergrund ein Windpark.

          Die Industrialisierung der Landwirtschaft bringt günstige Lebensmittel und schöne Exporte. Vom Acker muss beziehungsweise soll immer mehr Material kommen: Essen, Energie, Sprit, Stoff und Plastikersatz. Das Land wird zum Industriegebiet, subventioniert unter dem Schlagwort „Bioökonomie“. Doch das hat einen Preis. Den zahlt das Land. Es verliert Kulturlandschaften aus bäuerlichen Zeiten. Damit taugt es, in weiten Teilen des Landes, nicht mehr als das Gegenbild zur industriellen Moderne, als das es im kulturellen Gedächtnis geblieben ist.

          Die Verhältnisse kehren sich um

          Die Landschaft als eine Natur, die, mehr oder weniger zweckfrei, einfach so da ist und vor sich hinlebt, geht verloren. Vor fünfzig Jahren hat der Philosoph Joachim Ritter die Landschaft noch als Naturort beschrieben, dessen Reiz sich dem Betrachter ästhetisch vermittelt, der sie ohne Absicht genießt. Da war sie mehr Ausgleichs- denn Projektionsfläche für entfremdete Stadtseelen, also nicht „romantisiert“, sondern eine echte, wertvolle Erfahrungswelt. Zweckfrei ist auf diesem Land nur noch das zwanzigste Bier beim Schützenfest - und wahrscheinlich nicht mal das.

          Gegenwärtig kehren sich die Verhältnisse um. Die Stadt gewinnt und besinnt sich auf die Vielfalt, die das Land vergisst. In der Stadt pflanzen die Leute Blumen, Radieschen und Tomaten in jedem alten Gummireifen und auf Verkehrsinseln. Das „Urban Farming“ ist ein Ausdruck der Hinwendung zur Natur. Die Vielfalt entsteht aber auch ganz von allein, mitten in den Städten. Hier nimmt die Artenvielfalt zu. Es gibt mehr Bienen- und Hummelarten als in mancher ländlichen Region, es gibt Mauersegler, Grünspechte, Felsenschwalben, Dohlen und den Wendehals - den Vogel. Nach einer Studie der Schweizer Eidgenössischen Forschungsanstalt ist die Artenvielfalt enorm. In Frankfurt am Main wurden zwanzigtausend verschiedene Pflanzen- und Tierarten gezählt, in Zürich allein mehr als tausend wildwachsende Farn- und Blütenpflanzen. Die Deutsche Umwelthilfe meint, „dass Städte wahre Zentren der Artenvielfalt sind“ - mehr als manche Biotope.

          Das hat viele Ursachen. Tiere sind pragmatisch. Sie haben kein ästhetisches Empfinden, sondern gehen dahin, wo es warm ist und geschützt. Im Stadtzentrum ist es bis zu sechs Grad wärmer als in der Peripherie - wegen der Autos, Heizungen, des Hitze speichernden Straßenteers im Sommer. Es gibt Abfälle, eine Menge Nahrung. Im Boden unter alten Parkwiesen leben viel mehr Insekten als im Ackerboden, der ständig gepflügt wird oder gespritzt.

          Ein Imker in Frankfurt

          Der Honig aus der Stadt ist gesünder, weil er weniger Pestizidrückstände enthält. Der Honig ist ein gutes Beispiel dafür, dass sich die ökologischen Verhältnisse in Stadt und Land paradox umkehren. Die wachsende Zahl der Imker in den Städten muss sich weniger Sorgen machen, ob die Bienen ohne Nektar von ihren Ausflügen zurückkehren. Kein Pestizid vernebelt ihren Orientierungssinn. Die Vielfalt an Kräutern auf den Fensterbänken, an Balkonblumen, in Schrebergärten ist so groß, dass von Februar bis Oktober immer etwas blüht. Honigproduktion auf dem Land kann in Extremform so aussehen: In Kalifornien bringen Trucks Bienenvölker auf Mandel- oder Zitronen-Monokulturen, damit die Bäume bestäubt werden. Die Tournee geht durchs ganze Land. Sonst gäbe es weder Honig noch Mandeln.

          In den Städten leben mehr Akademiker, es gibt mehr Bauernmärkte, Bioläden - und damit Geschäftsmodelle für Landwirte im Speckgürtel der Städte. Die meisten Demeter-Bauernhöfe gibt es rund um die Ballungszentren: Stuttgart, Freiburg, Hamburg, Berlin. Es gibt sie nicht in Meppen, Husum, Magdeburg und Cottbus. Auch so weitet sich der Raum ökologischer Vielfalt rund um die finanzstarken Städte, weil es dort Nachfrage gibt. Je weiter entfernt von den Metropolen, desto pragmatischer kaufen die Kunden ein. Und das muss auch sein. Wer aber Natur sucht, der bleibt am besten einfach in der Stadt.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

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