https://www.faz.net/-gqe-8rh0q

Berlin? Och nö! : Aufschwung in der Vorstadt

Schöne Aussicht: Städte wie Lübeck ziehen neue Einwohner an. Bild: ddp Images

Die Metropolen verlieren an Anziehungskraft. Die Familien ziehen wieder in den Speckgürtel, die Jungen lieber nach Leipzig, und mit den wahren Gewinnern hat kaum jemand gerechnet.

          Die Deutschen orientieren sich neu - zumindest mit Blick auf den Wohnungsmarkt. Waren die sieben größten Städte des Landes bis vor drei Jahren sowohl bei In- als auch bei Ausländern gleichermaßen beliebt, zieht die einheimische Bevölkerung mittlerweile vermehrt wieder in den Speckgürtel - oder in kleinere Städte der Region. Gerade für junge Familien aus der Mittelschicht sticht Fürstenfeldbruck heute München-Schwabing und Wedel in Schleswig-Holstein das Hamburger Schanzenviertel. Junge Erwachsene, die häufig noch keine Familie haben, lassen sich nicht in erster Linie in Großstädten wie Berlin oder Hamburg nieder: Die meisten Einwohner zwischen 20 und 35 gewinnen mittlere Städte wie Leipzig, Regensburg oder Darmstadt hinzu. Und zu den derzeit „attraktivsten Sieben“ überhaupt, die Konstantin Kholodilin vom Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt hat, indem er die Zu- und Wegzüge der Inlandsbevölkerung von 109 Städten untersuchte, zählen ferner Lübeck, Potsdam, Hannover und Mainz. Sie alle verzeichnen laut DIW seit 2011 nicht mehr nur eine wachsende Einwohnerzahl, es zogen 2014 auch mehr Einheimische zu, als der Stadt den Rücken kehrten.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Grund für Familien - oft entgegen ihren eigentlichen Präferenzen -, die sieben größten deutschen Städte zu verlassen, sind die hohen Mieten und Kaufpreise: Ein gebrauchtes Einfamilienhaus für durchschnittlich 1,2 Millionen in München oder für 750.000 Euro in Stuttgart ist selbst für Gutverdiener nicht drin. Und auch in Frankfurt, wo die Quadratmeterpreise für Eigentumswohnungen im Schnitt mittlerweile 5000 Euro betragen, wie der Gutachterausschuss für Immobilienwerte diese Woche mitteilte, hat die Preisrally Folgen für die Bevölkerungsstruktur.

          Mit Blick auf die hohen Kaufpreise sprach Planungsdezernent Mike Josef von einer „dramatischen Entwicklung“: Viele Familien könnten sich eine Wohnung in der Bankenstadt nicht mehr leisten und wanderten ab. Zurück bleiben die Reichen, die sich auch von Kaufpreisen von mehr als einer Million Euro für ein Reihenhaus nicht abschrecken lassen, und die Armen, die Anrecht auf eine Sozialwohnung haben. Die Mittelschicht wird jedoch herausgedrängt.

          Auf den Speckgürtel kommen neue Anforderungen zu

          „In den teuersten Regionen Deutschlands stehen wir heute wieder an der Schwelle zu einer weit ausgreifenden Suburbanisierung“, stellt Harald Herrmann, Direktor des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), fest. Das zeige auch eine Analyse der regionalen Baugenehmigungen, die im Umland der Großstädte überdurchschnittlich gestiegen sind. Herrmann hält die Wanderung in den Speckgürtel für „wichtig und unumgänglich“, weil sie den Druck von den angespannten Wohnungsmärkten in den Großstädten nehme, mahnt aber auch: „Die Gemeinden im Umland müssen die Nachfrageentwicklung rechtzeitig erkennen und sich auf den Mehrbedarf an Baufläche einstellen.“

          Für Stadtplaner und Lokalpolitiker ist das ein heikles Thema. Denn das große Ziel der Städte heißt eigentlich Nachverdichten und Einwohner halten. Erstens schont es vielerlei Ressourcen, innerhalb der bestehenden Infrastruktur zu bauen. Zweitens führen Umzüge aus der Stadt zu größeren Pendlerströmen, und drittens kratzt Bevölkerungsverlust immer am Image. Doch angesichts der angespannten Lage am Wohnungsmarkt und der hohen Bodenpreise müsse man sich ins Umland orientieren, sagt Frank Junker, Chef der städtischen Wohnungsbaugesellschaft ABG. Das Frankfurter Unternehmen baut seit geraumer Zeit außerhalb der Stadtgrenzen. „Wohnungsbau ist ein Thema, das die ganze Region lösen muss“, fordert Junker.

          Weitere Themen

          Kabinett läutet Soli-Ende ein Video-Seite öffnen

          Nur die Reichen sollen zahlen : Kabinett läutet Soli-Ende ein

          Die Bundesregierung hat die Teilabschaffung des Solidaritätszuschlags beschlossen. Zukünftig soll der Soli für 90 Prozent der Zahler wegfallen und für weitere 6,5 Prozent zumindest reduziert werden.

          Topmeldungen

          Overtourism : Urlaubsziele vor dem Touristen-Kollaps

          Ob Venedig oder Barcelona – viele Städte werden von Touristen überrannt. Auch in Deutschland gibt es Probleme: 2018 kamen 1,6 Millionen Touristen allein aus China. Lösungen gibt es nicht.
          Bugatti Veyron auf einer Automesse – Das Modell war auch bei den von Schweizer Behörden gesuchten Verdächtigen beliebt

          Milliarden-Raub : Verdächtige lebten in Saus und Braus

          Internationale Kriminelle haben den Staatsfonds von Malaysia ausgeraubt. Schweizer Ermittler sind den veruntreuten Milliarden auf der Spur – ein Krimi, der von einem mysteriösen Araber handelt und von superschnellen Luxusautos.

          Neues SPD-Duo stellt sich vor : Mehr als ein dekoratives Salatblatt

          Die brandenburgische Landtagsabgeordnete Klara Geywitz ist nicht gerade bekannt, will aber im Team mit Olaf Scholz SPD-Vorsitzende werden. Bei einer Pressekonferenz stellte Geywitz klar, dass sie nicht bloß Dekoration ist.
          Angeklagt: Der Unternehmer Alexander Falk (Mitte) wartet am Mittwoch mit seinen Anwälten im Frankfurter Landgericht auf den Prozessbeginn.

          Prozess gegen Alexander Falk : „Damit diese Bazille nicht mehr existiert“

          Hat Alexander Falk, der Erbe des Stadtplan-Verlags, den Auftrag erteilt, einen Anwalt zu töten? Vor Gericht bestreitet er das. Und was auf den ersten Blick ein logischer Schluss ist, beginnt beim Blick auf die Details zu wackeln.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.