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Bausünden : Erregt euch nicht!

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Brachial: Hamburger Kirche im Bunkerstil Bild: Entnommen dem Band "Die Kunst der Bausünde" von Turit Fröbe. Quadriga Verlag, 2013

Bausünden können wichtig sein, behauptet die Kunsthistorikerin Turit Fröbe. Ihr Argument: Was als Sündenfall von Planern und Behörden gilt, gibt einer Stadt ihr Gesicht.

          3 Min.

          Turit Fröbe sammelt Bausünden. Die Kunsthistorikerin, die Architekturgeschichte und Urbanistik an der Universität der Künste Berlin lehrt, hat eine Leidenschaft für all jene Gebäude, über die sich andere mokieren, wenn nicht gar schrecklich aufregen. Das ist mehr als ein Faible.

          Frau Fröbe, Sie beschäftigen sich ständig mit Scheußlichkeiten. Mit Kirchen in Bunkerform, Einkaufszentren im Stil von Püppchen-Stuben, Parkhäusern aus gefaltetem Beton. Macht Ihnen das Spaß?

          Ich freue mich tatsächlich, wenn mir beim Gang durch die Straßen eine Bausünde vor die Füße fällt. Für mich kommen gute Bausünden in der Wertigkeit gleich nach der guten Architektur.

           Wie bitte? Was soll denn eine gute Bausünde sein?

          Das ist ein Gebäude, das den Volkszorn erregt und eine starke Bildqualität hat. Jeder, der es einmal gesehen hat, erkennt es immer wieder. Auf hässliche Architektur können sich die meisten Menschen einfach gut einigen. Eine gute Bausünde ist ein Störfaktor in ihrer Umgebung: Wer hat denn das genehmigt, fragt man sich. Oft gibt der Volksmund solch einem Bau einen Spitznamen, auch das ist ein Indikator. Mir ist es ganz wichtig, zwischen guten und schlechten Bausünden zu unterscheiden.

          Und was zeichnet die schlechten aus?

          Die sind das eigentliche Übel, sie sind viel schlimmer. Das sind die Investorenbauten, die es in allen Jahrzehnten gab, eine ganz gesichtslose Einheitsarchitektur, die absolut austauschbar ist. Alle Städte sind voll davon.

          Bleiben wir bei den guten. Je mehr die Leute sich aufregen, desto besser also, ist das Ihr Ernst?

          Ja, unbedingt. Nur leider stehen viele dieser Bauten immer auch auf der Abrissliste. Manche wurden bereits geschleift. Was danach an ihre Stelle trat, sind in der Regel wieder nur schlechte Bausünden, lahm und enttäuschend.

          Das heißt, für eine gute Bausünde braucht es dagegen Mut?

          Nehmen wir die relativ junge Alexa-Shoppingmall in Berlin, die ist ein selten gutes Beispiel. Die Mall hat eine schreiende Architektur, im Volksmund heißt sie rosaroter Hochbunker. So etwas muss man sich erst einmal trauen. Seit der Eröffnung vor sechs Jahren erhitzt sie die Gemüter. Oder es gibt an der Kölner Domplatte eine Bushaltestelle, die wirkt, als wäre sie für Riesen gebaut. Da reibt man sich doch die Augen. Das sind Beispiele, die über die Grenzen dieser Städte hinaus bekannt sind. So ist es auch mit einer Fußgängerüberführung in Gießen, die als „Elefantenklo“ verschrien ist. Sie ist eine Plattform mit grotesk großen Löchern. Mittlerweile gilt sie in Gießen schon als Wahrzeichen.

          Ich weiß nicht, letztlich sind die Bausünden, ob gut oder schlecht, einfach nur Unfälle ...

          Sicher, auch das gibt es. Aber in der Regel hat sich jemand etwas dabei gedacht, jede Bausünde ist Ausdruck einer Mode oder einer Ambition. Nur heute trauen sich die Städte meistens kaum mehr etwas. Man ist in den Rathäusern noch traumatisiert von den großen Stadtumbauten der Nachkriegsjahrzehnte. Derzeit sollen die Bauten möglichst gar keine Aussage treffen, alles ähnelt einander. Alle setzen auf das möglichst Unsichtbare.

          Wollen Sie allen Ernstes zur Bausünde raten, nach dem Motto: Wenn man sich schon keine Stararchitektur leisten kann, dann wenigstens ein günstigeres, sündiges Spektakel im Stadtbild.

          Große Architektur und große Bausünden liegen gar nicht weit auseinander. Die derzeit gefeierten Bauten berühmter Planer laufen genauso Gefahr, in 20 Jahren anders beurteilt zu werden. Die Grenzen sind fließend. Aber das alles Entscheidende ist Folgendes: In einer Stadt muss ein Verständnis für Architektur herrschen. Wo es gute Bauten gibt, da finde ich immer auch gute Bausünden. Ich habe ein Gespür entwickelt, wo es etwas zu holen gibt.

          Wie lange brauchen Sie, um das zu merken?

          Das merke ich, gleich nachdem ich aus dem Zug gestiegen bin.

          Welche Stadt ist ein gutes Beispiel?

          Braunschweig. Die Stadt hat eine hohe Entschlossenheit, sie ist bis heute für Experimente offen. Da gibt es unter anderem eine grandiose Karstadt-Filiale aus den siebziger Jahren und das Happy Rizzi Haus, das gar nicht so alt ist. Es ist extrem penetrant.

          Was hat Sie eigentlich dazu gebracht, hässliche Häuser zu suchen?

          Vor zwölf Jahren hatte ich eine Begegnung mit einem Stromkasten in Bielefeld, das war wohl Kunst am Bau. Eine Stelenskulptur, unfassbar hässlich. Da kam die Idee auf, einen Abreißkalender zu machen, mehr solcher Katastrophen in Deutschland zu sammeln. 365 schräge Bauten für 365 Tage. Daraus wurde eine systematische Suche, eine große Leidenschaft.

          In Deutschland sind Sie die einzige Expertin dieser Art. Wie sieht es in Nachbarländern aus?

          Missratene Architektur ist dort natürlich auch ein Thema. Aber nur im Deutschen gibt es für das Phänomen ein ureigenes Wort, das haben wir anderen voraus. Überall sonst muss man die Wortschöpfung „Bausünde“ erklären. Allein dieser eigenartige Begriff fordert dazu heraus, zu forschen.

          Das alles wegen eines Stromkastens. Wie stark hat sich Ihre Wahrnehmung verändert?

          Zuerst ging ich mit eher verächtlichem Blick daran, das kreischend Hässliche herauszustellen. Das gebe ich zu. Nun habe ich bestimmt 120 Städte abgeklappert. Das Archiv umfasst 3500 bis 4000 Fotos. Für mich haben die Bauten ihren Schrecken längst verloren, ich schaue jetzt liebevoll darauf.

          Das heißt, Sie gehen mittlerweile ganz gelassen durch die Städte?

          Ja. Und ich rate allen anderen, es ebenso zu tun. Erregt euch nicht! Bausünden sind halt da, sie verziehen sich nicht durch Meckern und Mosern. Unsere Energie sollten wir lieber darauf verwenden, genau hinzusehen. Einmal überlegen, was sich jemand dabei gedacht hat. Eine gute Bausünde ist einzig. Sie verrät viel über die jeweilige Stadt. Es ist sinnvoll, sich darauf einzulassen. Eine schönere Stadt beginnt, meine ich, im eigenen Kopf.

          Das Interview führte Jörg Niendorf

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