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Baustoffe : Ein Holzhaus mit sieben Stockwerken

  • -Aktualisiert am

Von Blockhausromantik keine Spur: Diesem Neubau in Berlin sieht man die Holzbauweise nicht an Bild: dpa

Längst kommt Holz nicht mehr nur beim Bau von Einfamilienhäusern zum Einsatz. Auch im Geschosswohnungsbau wird der Naturstoff allmählich salonfähig. In Berlin entsteht in einer Baulücke ein Gebäude, das wegweisend in Deutschland werden dürfte.

          Auf der Baustelle suchen alle das Holz. Architekt Tom Kaden kennt die Verwunderung seiner Gäste. Viele Besucher kommen zum Rohbau im Berliner Bötzowviertel. Immer stellen sie die gleiche Frage: Warum sieht man so wenig Holz? Schließlich hat man ihnen eine Weltneuheit versprochen: Die gesamte tragende Konstruktion des siebengeschossigen Wohnhauses besteht aus Holz. Doch genau das sieht man ihm auf den ersten Blick nicht an.

          „Wir haben beim Bau in jeder Beziehung Neuland betreten“, sagt Tom Kaden. Das gilt auch für die Ästhetik: Das Haus bekommt keine Holzfassade. Vielmehr werden die Holzwände mit Steinwolle gedämmt und verputzt. Der Stil der Fassade ist sachlich. „Das war eine klare Entscheidung unserer Baugruppe“, erläutert der Architekt. Pragmatisch-ökologisch nennt man das wohl am ehesten. Auf den Inhalt kommt es an.

          Die Verschalungen müssen aus Gipsplatten sein

          Das mächtige Fachwerkgerüst versteckt sich mittlerweile. Alle Quer- und Längsbalken haben Verschalungen aus Gipsplatten erhalten, das war eine Vorschrift des Brandschutzes. Dafür sieht man sehr wohl die hölzernen Zwischendecken. Im Innern des Hauses ist der Baustoff aus dem Wald dagegen allgegenwärtig. Die Planer haben das Naturmaterial mit Beton kombiniert. Wände aus lasiertem Sichtbeton wird es in den Wohnungen an vielen Stellen geben. Gleich daneben glänzen dann die Rahmen der meist bodentiefen Fenster, sie sind aus dunklem Edelholz.

          Auch dieses Mehrfamilienhaus in Schweden ist aus Holz

          Auch dieser Materialmix steht eher für eine urbane Holzavantgarde als für ein Blockhausidyll. Außerdem reckt sich das Gebäude in die Höhe und ragt sogar ein wenig über seine Altbaunachbarn hinaus, als sollte selbst das ein Signal sein. Als Vorreiter wird das Projekt ohnehin gefeiert, Branchenverbände und Holzlobbyisten machen damit kräftig Werbung.

          Der Baustoff Holz ist groß in Mode

          Architekt Kaden muss den Bau Studentengruppen zeigen und Vorträge in Fachkreisen halten. Kürzlich etwa war er beim Holzbauforum in Garmisch-Partenkirchen, dem europäischen Treff aller Holzbauer, wo er das Projekt vorstellte. „Holzbau vertikal“, jubeln bei solchen Gelegenheiten dann die Anhänger des Baustoffes, der ohnehin groß in Mode ist.

          Das Projekt mitten im steinernen Berlin macht in ihren Augen Holz als Tragwerk für den innerstädtischen Geschosswohnungsbau salonfähig. In Schweden, Österreich und der Schweiz sind Bauherren und Planer auf diesem Gebiet ebenfalls aktiv. Nur: So weit wie die kleine Baugruppe von Prenzlauer Berg in Berlin ist dort noch niemand.

          Ein Holzbau mitten in einer Baulücke

          Sechs Familien traten im Jahr 2006 an Kaden und seinen Kollegen Tom Klingbeil mit der Anfrage heran, ob ein Holzbau mit sieben Etagen in einer Baulücke mitten im Altbaubestand überhaupt genehmigungsfähig und technisch möglich wäre. Das im Holzhausbau erfahrene Architektenteam übernahm nicht nur den Auftrag, es schloss sich kurzerhand dem Unternehmen an. Seither sind Klingbeil und Kladen die siebte Partei der Baugruppe.

          Im Erdgeschoss des Neubaus wird ihr Architekturbüro einziehen, schon im Frühjahr 2008 soll es so weit sein. Mit ihrem Konzept, klimaschonend mit einem nachwachsenden Rohstoff zu bauen, traf die familiäre Baugruppe seinerzeit auch den Nerv der Grundstücksverkäufer, einer Erbengemeinschaft aus Belgien. Die überließ ihnen das Grundstück zu einem günstigen Preis. Die nächste Hürde war die Berliner Bauordnung, die, wenn überhaupt, nur Holzbauten mit bis zu fünf Vollgeschossen vorsah.

          Das Treppenhaus ist aus Beton

          Um in der „Gebäudeklasse 5“ bauen zu dürfen, das heißt bis zu einer Traufhöhe von 22 Metern, waren Zugeständnisse nötig. Erfindungsreich gingen die Baugruppe und ihr Brandschutzingenieur zu Werk. Das Treppenhaus etwa steht als eigenständiger Betonbau neben dem Holzhaus, über Brücken gelangen die Bewohner in ihre jeweilige Etage. Damit gibt es selbst im Brandfall immer einen Fluchtweg. Zwar verringerte diese Variante die Wohnfläche, doch das nahmen die Mitglieder der Baugruppe in Kauf. Im Sommer 2007 erhielten sie die Baugenehmigung, in Windeseile wuchs das Skelett aus Stützen und Pfeilern empor.

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