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Geheimnisvoller Wandputz : Das Rätsel des Madras-Chunam

Die Kathedrale von St Andrew’s Bild: Getty

In Südindien mischten sich die Menschen einen einzigartigen Wandputz. In der modernen Metropole Singapur suchen sie nach dessen Spuren.

          5 Min.

          James Holman ist ein außergewöhnlicher Reiseschriftsteller: Der Brite war blind. Gleichwohl verdanken wir ihm tiefe Einblicke in das Leben Südasiens im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts. Er suchte den Alltag, ging ins Detail: Das strahlende Weiß des Chunam, des Kalkputzes auf den Wänden der Häuser im südindischen Madras, dem heutigen Chennai, hat Holman mit eigenen Augen nie gesehen. Seine Fingerspitzen aber dürfte er über die zarten, geschliffenen Wände gleiten gelassen haben, die an kühlen Marmor erinnern – nur viel billiger sind.

          Christoph Hein
          Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.

          Als die Brigg Margaret Holman im Sommer 1830 in Madras absetzte, schlug sein Berichterherz höher. Auf seinem Noctographen, der erstmals auch Blinden Notizen erlaubte, beschrieb er, wie mit Indigo gefärbte Baumwolle auf Schiffe Richtung Bordeaux und Senegal verladen wurde. Mit demselben Interesse setzte er sich mit dem einzigartigen Baustoff auseinander. Über Seiten seines Buches liefert er Anleitungen zum Mischen, Rühren, Auftragen. Wie genau es der Brite mit dem Erforschen nimmt, zeigt schon der Titel seines 1840 erschienen Buches: „Reisen in Madras, Ceylon, Mauritius, Cormoro Islands, Zanzibar, Calcutta etc. etc.“. Schon auf Seite 9 im Bericht über seine Reise auf die Komoren im Sommer 1829 berichtet Holman vom Genuss, Betel zu kauen: Die Blätter werden gefüllt mit Chunam aus „gebranntem Muschelkalk, der mit Rosenwasser oder einem anderen Parfüm und manchmal mit Safran zu einer Paste gemischt wird, um die Schärfe des Kalks zu mindern“.

          Eiweiß, Muschelkalk, Rohrzucker und Kokosnussschalen

          „Chunam“ leitet sich ab von „cunnampu“ oder „choona“, das auf Tamil oder in Hindi nichts anderes als Kalk heißt. Mit dem kalkhaltigen Dessert nach einem abendlichen Festmahl aber hielt sich der Weltreisende nicht lange auf. Bald schon widmete er sich in Madras dem gleichnamigen Kalkanstrich der Wände: „Madras ist besonders bekannt für zwei Dinge: den feinen Chunam-Putz für die Innenwände eines Hauses und die Mullygatawny-Suppe für die Innenwände des Magens.“

          Das Rezept für die weiße Schicht aus Südindien klingt, als stamme es von einem mittelalterlichen Alchemisten. Die Herstellung der Paste ist anspruchsvoll, sie braucht Erfahrung, Zeit und eine ganze Palette von Zutaten: Eiweiß, Muschelkalk, Rohrzucker und Kokosnussschalen. In die Masse für die insgesamt drei Schichten kommen in Madras außerdem Eiweiß, Quark und die geklärte indische Butter, der Ghee. Wahrscheinlich war es so wie mit einem Kuchenrezept: Jeder verändert es leicht, bis es ihm passt. Die Bauarbeiter mischten ihren Chunam, bis er auf der Wand haften blieb. Zuletzt setzen sie der Masse Wasser mit Jagghery, dem braunem Palmzucker, bei, um sie aufzuweichen, aber zähflüssig zu halten, und trugen eine erste, rund zweieinhalb Zentimeter dicke Schicht auf die Wand auf. Tage später folgen noch zwei weitere, dünnere Schichten. Nach dem Trocknen wurde der Auftrag mit Kristallen oder Muscheln geschmirgelt, um dem Putz seinen stumpfen Glanz zu verleihen – damit erinnerte die atmungsaktive und kühle Wand an weißen Marmor, der aber unerschwinglich war. Betagte Inder erzählen bis heute, sie hätten noch die Kinder der Nachbarn gesehen, die daheim mit der Zunge die Wände berührten: „Sie trieb ihr Instinkt. Wegen der Mangelernährung litten viele unter Kalziummangel. Der Madras-Chunam lieferte ihnen das Mineral. Und er schmeckte sogar süßlich.“

          Mehr als ein Jahrhundert zuvor hatten sich die Briten Asien Stück für Stück unterworfen. Die Kolonialherren verschifften gefangene Tamilen auch in ihren Außenposten Singapur. Der heutige Stadtstaat, den viele als Modellmetropole betrachten, war damals nicht viel mehr als ein mit Waffen gesicherter Felsen samt Handelshafen und Schwemmland jenseits der Plantagen. Die zur Arbeit gezwungenen Häftlinge sollten das ändern. 1845 weisen die Chroniken 1500 Gefangene aus Indien in der Kolonialstadt aus. In der Äquatorhitze bauten sie Verwaltungsgebäude, die Herrenhäuser der Kolonialherren, deren Kirchen. Kamen sie frei und zu Geld, errichteten sie in ihrem Viertel Little India die zweistöckigen Häuschen, in denen unten ein Laden liegt, oben die Wohnung. Wegen der vielen Kalköfen in Little India wurde der dominierende Tempel – gewidmet der Zerstörerin Kali, auf Tamil „Soonambu Kambam Kovil“ genannt – der „Tempel im Kalkdorf“.

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