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Ob Fassade oder Interieur : Warum wird so wenig mit Holz gebaut?

Außerdem ist der Holzbau in ganz Skandinavien Standard. Beste Voraussetzungen also? Nein, sagt der Folkhem-Chef. Mit welchem Ressourcenaufwand erreicht wird, dass die Energiebilanz eines Gebäudes rein rechnerisch im laufenden Betrieb stimmt, sei nämlich weitgehend egal. Und Holz ist auch in Schweden nur im Einfamilienhausbau gefragt oder wenn es um Kindergärten und ähnliche Zweckbauten geht. Bei Mehrfamilienhäusern jedoch seien die Vorbehalte hoch, die Bauvorschriften hinderlich und nicht zuletzt die Betonlobby übermächtig, klagt er. „Wir waren da anfangs etwas naiv“, räumt Sandra Frank ein.

Mehr als genug Leuchtturmprojekte

Dabei scheint die Zeit reif für den Holzbau. Alle Welt interessiert sich gerade für den natürlichen Baustoff, und kein waldreiches Land, das nicht mit mindestens einem Prestigeprojekt aufwartet. Auch wenn es sich dabei meist um keine reinen Holzbauten, sondern um sogenannte Hybridgebäude handelt. Um nur ein paar Beispiele zu nennen: In Wien wächst der 85 Meter hohe Wohnturm HoHo in die Höhe, im norwegischen Bergen steht seit drei Jahren schon ein immerhin mehr als 50 Meter großes Wohngebäude, und Kanada ist im Holzhochhausbau mit einem achtzehn Etagen zählenden Studentenwohnheim in Vancouver im Rennen. In eine ganz andere Liga sollen der „Oakwood Tower“ (300 Meter) in London und der „River Beech Tower“ (244 Meter) in Chicago vorstoßen.

Vorzeigeprojekt Scaio: In Heilbronn entsteht Deutschlands höchstes Holzhaus.

An spektakulären Beispielen fehlt es nicht. „Leuchtturmprojekte haben wir wahrlich mehr als genug“ bilanziert der Berliner Architekt Tom Kaden, der zu den hiesigen Pionieren des urbanen Holzbaus zählt und gerade selbst an einem solchen Vorzeigeprojekt beteiligt ist: In Heilbronn baut die kommunale Wohnungsbaugesellschaft Stadtsiedlung den 34 Meter hohen „Scaio“ nach dem Entwurf des Büros Kaden+Lager, der mit seinen zehn Geschossen Deutschlands höchstes Holzhaus wird. „Es geht aber nicht um Rekorde, sondern darum, dass sich der Baustoff endlich im ganz normalen Wohnungsbau durchsetzt“, stellt Tom Kaden klar. Also unter den vier- bis achtgeschossigen Wohnhäusern. Genau dieser Gebäudetyp ist in der Holzvariante rar. „Hier liegen tatsächlich die größten Potentiale“, urteilt daher Karl-Heinz Roth, Vertriebsleiter von Züblin Timber.

Den Grund dafür, dass der Werkstoff auf diesem Gebiet bisher noch keine Rolle spielt, liegt nach Ansicht der beiden Holzbau-Experten an den Landesbauordnungen. Mit Ausnahme von Baden-Württemberg und Hamburg seien die Anforderungen an Mehrfamilienhäuser in Holzbauweise „absurd hoch“, kritisiert Kaden, und Roth moniert eine Benachteiligung: „Im Brandschutz wird weit mehr gefordert als eigentlich nötig.“ Die rechtlichen Hürden sind nicht die einzige Ursache dafür, dass der Holzwohnungsbau für die Masse nicht recht vorankommt. Nach Ansicht Kadens ist der Vorzug des Materials zugleich auch „sein Fluch“: Zu keinem anderen Werkstoff hat es in den vergangenen 50 Jahren mehr Innovationen gegeben, keiner ist so individuell und flexibel einsetzbar. Offenbar ist genau dort das Problem. „Jeder Anbieter entwickelt sein eigenes System, uns fehlen die Standards, und wenn wir die nicht schaffen, verspielen wir den Vorteil des Materials“, fürchtet der Architekt.

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