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Singles, Senioren, Patchwork : Grundrisse für jede Lebenslage

Passt sich dem Leben an: Die „elastische Wohnung“ kann nach Bedarf auch einmal mehr Menschen aufnehmen. Bild: © Wolfgang Thaler

Die Gesellschaft wandelt sich – aber gebaut werden immer noch nur dieselben Wohnungstypen. Dabei muss Vielfalt kein Luxus sein.

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          Willst du wirklich wohnen wie deine Mutter?“, hat in diesem Jahr eine Ausstellung im Berliner Architekturforum Aedes die Besucher gefragt. Bei vielen anderen Fragen wäre die Antwort klar gewesen: Die gleichen Frisuren tragen wie Mutti in den Sechzigern? Natürlich nicht! Eine Ehe führen wie in den Fünfzigern, als Mutti Vati noch um Erlaubnis fragen musste, wenn sie arbeiten wollte? Erst recht nicht!

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Beim Wohnen ist die Sache nicht ganz so einfach. Als die hypothetische Mutter sich vor 20, 30 oder 50 Jahren ihre erste Wohnung gesucht hat, wurden die meisten Mietwohnungen für Kleinfamilien mit zwei Kindern gebaut. Und heute? Wird immer noch für dieselbe Standardfamilie geplant, nur dass sie immer seltener vorkommt. Blickt man auf die Masse des Neubaus, scheint es, als habe der gesellschaftliche Wandel nicht stattgefunden. Die zunehmende Zahl der Singles, Älteren und Patchwork-Familien muss sich in die immer gleichen Wohnungstypen einfügen, wie sie seit Beginn der Moderne vor etwa hundert Jahren Standard sind. Die Mieter haben sich den Grundrissen anzupassen, nicht umgekehrt.

          Selbstverständlich gibt es auch individuelle, innovative Wohnkonzepte, doch sind diese entweder hochpreisig oder werden von Baugruppen umgesetzt, beides Nischen. Wer in irgendeinem deutschen Ballungsraum aktuell nach einer Mietwohnung sucht, kann froh sein, wenn er überhaupt etwas Bezahlbares bekommt. Die Frage, wie gut die vorgefundenen Räume zum Leben passen, scheint da fast schon Luxus.

          Verschiedene Menschen – verschiedene Ansprüche

          Dabei hat die Pluralisierung der Gesellschaft große Auswirkungen darauf, wie in Zukunft in Deutschland gewohnt wird. Alle fünf Jahre versucht der Bundesverband der deutschen Wohnungswirtschaft (GdW) zu ergründen, wie sich der gesellschaftliche Wandel auf die Wohnbedürfnisse auswirkt. Die neuen Ergebnisse, die in Kürze veröffentlicht werden, zeigen vor allem eines ganz deutlich: Standardkonzepte sind immer weniger gefragt, denn die Ansprüche werden in dem Maße differenzierter, wie auch die Gesellschaft vielfältiger wird.

          Als große Trends, die die Wohnungsnachfrage in Deutschland in den kommenden zwei Jahrzehnten prägen werden, hat der GdW die Zuwanderung, eine zunehmende räumliche Segregation, die Digitalisierung und den demographischen Wandel ausgemacht. Das hat ganz konkrete Folgen dafür, wie gebaut werden muss, denn alte und alleinstehende Menschen haben andere Ansprüche an ihre Wohnung als junge Familien. Driftet die Gesellschaft immer weiter auseinander, müssen sich die Wohnungsgesellschaften stärker bemühen, dass bestimmte Immobilien oder gar Quartiere nicht zu Problemfällen werden, als wenn die Bewohner aus allen sozialen Schichten stammen. „Die beiden gesellschaftlichen Enden werden stärker“, ist Christian Lieberknecht, Geschäftsführer des GdW, überzeugt. Auf der einen Seite gebe es immer mehr Menschen, die auf günstigen Wohnraum angewiesen seien. „Auf der anderen Seite nimmt aber auch die Zahl derer zu, die sehr anspruchsvoll sind und sich viel leisten können“, sagt der GdW-Geschäftsführer. Nur die Mitte, die das Konventionelle suche, dünne immer mehr aus.

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