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Städte von morgen : Visionen aus der Wüste

Heller, leichter, filigraner: Auf Architekturfotos sieht alles oft so einfach aus. Bild: Picture-Alliance

Zum Jahresanfang werden wieder die Glaskugeln geputzt. Also werfen wir einen Blick auf die Zukunft der Städte. Wird eine hochmoderne Wüstenstadt zum neuen Sehnsuchtsort?

          Stadt der Zukunft – das klingt nach Vision, und je nachdem, wie man sich die Zukunft vorstellt, verheißungsvoll oder deprimierend. So oder so aber schwingt immer das Neue mit, die Idee, dass wir uns in einer Umgebung wiederfinden werden, in der so ziemlich alles anders aussieht und auch anders ist als im Hier und Jetzt. In der Phantasie ähnelt die Welt von morgen dann wahlweise jener düsteren, unwirtlichen Kulisse, wie man sie aus dystopischen Filmen wie „Bladerunner“ kennt. Oder aber sie gleicht den am Computer erstellten Bildern, wie sie Projektentwickler und Architekten produzieren lassen und die eine Umgebung zeigen, in der alles heller, filigraner und leichter wirkt als in den Niederungen des Alltags.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Badya City etwa ist so eine Stadt von morgen. Bisher existiert sie nur auf Plänen und als digitale Version, doch soll sie irgendwann in der Wüste nahe der ägyptischen Hauptstadt Kairo entstehen. Das Frankfurter Büro Albert Speer und Partner hat sie für etwa 150.000 Einwohner und fast 50.000 Arbeitsplätze geplant. Die Architektur, die die Visualisierungen zeigt, wirkt geradezu unspektakulär vertraut und nicht die Spur futuristisch. Trotzdem kann man in diesem Vorhaben Vision entdecken. Denn Badya City (der gekünstelte Werbeslogan lautet: „Where artistry shapes your everyday life“) soll blühender Gegenentwurf zum Moloch Kairo werden.

          Verstopfte Straßen, zugeparkte Gehwege

          Vollmundige Versprechen gibt es in der ambitionierten Welt der Immobilienentwickler viele. Aber mal angenommen, Badya City wird tatsächlich gebaut. Dann wird in einigen Jahrzehnten jenes knapp 1300 Hektar große Areal in der ägyptischen Wüste nicht nur nicht wiederzuerkennen sein, sondern es wird da eine Stadt stehen, die planerisch dem entspricht, was wir Stand heute für zukunftsträchtig halten: eine nutzerorientierte, grüne und ressourcenschonende Kommune der kurzen Wege – inklusive gut funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, Elektromobilität, vernetzten Parkanlagen und für Fußgänger und Radfahrer optimierter Verkehrswege, auf denen das Auto nicht mehr dominiert. Die Entwürfe zeigen weder Flugtaxis noch selbstfahrende Limousinen, aber das Versprechen liegt auf der Hand: Phänomene wie der Diesel-Skandal, drohende Fahrverbote, verstopfte Straßen, zugeparkte Gehwege und eine mühsame Überarbeitung in die Jahre gekommener Verkehrskonzepte sind in der Wüstenstadt der Zukunft Geschichte.

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          Nun sind brandneue, altlastenfreie Reißbrettstädte außerhalb der Golfstaaten, der ägyptischen Wüste oder China rar. Weshalb es an vielen Orten der Welt im Jahr 2050 vermutlich in vielerlei Hinsicht gar nicht so viel anders aussehen wird als heute. In den Straßen werden die gleichen Häuser aus verschiedenen Epochen stehen, umgeben von denselben Mauern und Zäunen, davor die Bürgersteige mit dem gleichen Pflaster. Das kann zumindest erwarten, wer in einer westeuropäischen Stadt lebt. Denn dort werden weder ganze Viertel mal eben im Hauruckverfahren umgekrempelt noch bei Bedarf neue Idealstädte aus dem sandigen Boden der Mark Brandenburg, einem Acker vor den Toren Münchens oder in der Wetterau wachsen. Zudem sind hier Planungsverfahren langwierig und komplex sowie Beharrungskräfte stark.

          Nicht in Ehrfurcht vor der Baugeschichte erstarren

          In einem schon ziemlich zugebauten Land wie diesem konzentrieren sich die baulichen Aktivitäten besonders auf den Bestand. Von den insgesamt knapp 215 Millionen Euro, die laut dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) 2017 für den Wohnungsbau ausgegeben wurden, sind mehr als 66 Prozent in Sanierung, Ausbau und Modernisierung bestehender Gebäude geflossen. In diesem und dem kommenden Jahr dürfte dieser Wert jeweils übertroffen werden. Und nach einer Schätzung der Bundesstiftung Baukultur werden bis zum Jahr 2030 Neubauten nur noch 8 Prozent ausmachen.

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