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Städte von morgen : Visionen aus der Wüste

Wie die Städte von morgen aussehen, liegt also nicht zuletzt daran, wie die Akteure von heute mit dem Bestand umgehen. 2019 wird das Bauhaus 100 Jahre alt. Schon jetzt nerven die Elogen auf das Wirken von Walter Gropius und seinen Mitstreitern. Aber wenn das Jahr zur kritischen Auseinandersetzung mit den baulichen Hinterlassenschaften nicht nur jener Schule, sondern überhaupt genutzt würde, wäre das ein Gewinn. Den Wert eines alten Gebäudes zu erkennen ist etwas anderes, als in Ehrfurcht vor der Baugeschichte zu erstarren. Es geht um die Fragen, welche Ressourcen im Bestand stecken und darum, wie man ihn weiterentwickeln kann, damit er zu heutigen und vorweggenommenen Wohnbedürfnissen passt. Die ewigen Forderungen, Bauen in Deutschland müsse so viel einfacher werden, wirken vor diesem Hintergrund wohlfeil.

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Welches Erbe tritt man an, welches schlägt man aus? Historische Gebäude prägen den Charakter einer Stadt und können Identität stiften, doch eine historische Kulisse allein macht noch kein zukunftsfähiges Gemeinwesen. Das lebt von den Menschen. Denen, die es bewohnen, denen, die dort arbeiten – und auch von den Touristen. Doch wenn, wie im Zentrum von Lissabon, auf einen einheimischen Bewohner ein ausländischer Übernachtungsgast kommt und die Kommunalpolitik sich zunehmend an „Stadtnutzern“ als an Bürgern orientiert, dann gerät womöglich langfristig mehr aus den Fugen als nur der Immobilienmarkt.

Kurz- und mittelfristig allerdings lautet die Frage angesichts der seit 2008 steigenden Mieten und Kaufpreise, die sich Städter quer durch alle Bevölkerungsgruppen stellen: Haben wir hier noch eine Zukunft? Oder kämpferischer: Wem gehört die Stadt? Vor allem Studenten, Selbständige und Rentner, aber auch Familien finden zunehmend schwerer eine neue Bleibe, die sie sich leisten können. Seit Jahren drehen sich nun die Prognosen der Immobilienfachleute um die Frage, ob die Großstadtmieten weiter steigen, der Quadratmeter Wohnfläche zukünftig noch mehr kostet oder der Preisanstieg vielleicht doch endet. Auch dieser Tage werden die Glaskugeln wieder geputzt. Wer auf sinkende Preise und Mieten hofft, für den sind die Aussichten 2019 eher trübe.

Viele Städte, und längst nicht nur die ganz großen, suchen daher nach Flächen für den Neubau. Häufig sind die Möglichkeiten im Bestand begrenzt, das Reservoir an Freiflächen durch die geographische Lage und die Bodenpolitik vergangener Jahre erschöpft. Aus Sicht des Ökonomen Michael Voigtländer vom Institut der Deutschen Wirtschaft sollte man daher darüber nachdenken, landwirtschaftliche Flächen zu verlagern – weg von den Ballungsräumen hin in weniger dichtbesiedelte Gegenden, um für Neubau Platz zu schaffen. Für die Stadtentwicklung sei das eine entscheidende Zukunftsfrage, sagt Voigtländer.

Doch dass die Stadt in der Fläche weiter wächst, Grüngürtel und Ackerland weichen, ist ein heikles Thema. Auch wegen des Klimawandels. Heiße Zeiten mit Tropennächten von mehr als 20 Grad Celsius, plötzliche Starkregen und ein ansteigender Meeresspiegel, Stürme – je nach geographischer Lage müssen sich die Städte dafür heute rüsten: mit viel mehr Grün und weniger Beton, Sickerflächen und Wasserreservoirs, Schattenspendern in den Straßen und vor allem auch Frischluftschneisen. Bisher, klagen Städtebauexperten, hätten noch viel zu wenige Kommunen das Thema auf der Agenda. Gut möglich, dass in der Stadt der Zukunft die in den vergangenen Jahrzehnten so beliebten Altbauten als Wohnviertel weniger gefragt sein werden. In Karlsruhe, wo Ende des Jahrhunderts ein Klima wie in Tunesien herrschen könnte, hat man die Gründerzeitbauten als potentielle Problemlagen identifiziert. Denn bei anhaltend hohen Temperaturen heizen sich diese Quartiere ganz besonders auf.

Wer weiß, dann wird womöglich nicht nur manch hochmoderne Wüstenstadt zum Sehnsuchtsort, sondern vielleicht sogar das nächste Neubaugebiet. Ist das nun deprimierend oder verheißungsvoll?

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