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Stadtplaner im Gespräch : „Lange Rotphasen sorgen für Stress“

Die Stadt lässt ihre Bewohner nicht kalt. Allerdings löst die gebaute Umwelt bei jedem unterschiedliche Gefühle aus. Bild: dpa

Jede Stadt lässt ihre Bewohner nicht kalt und löst bei ihnen unterschiedlichste Gefühle aus. Im F.A.S.-Interview spricht Stadtplaner Peter Zeile über Angsträume für Fußgänger, bessere Wegeführung und die am meisten gestresste Gruppe.

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          Die Stadt lässt ihre Bewohner nicht kalt. Allerdings löst die gebaute Umwelt bei jedem unterschiedliche Gefühle aus. Das Projekt „Urban Emotions“ des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) will diese Emotionen messen.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Dass der Mensch auf seine Umwelt emotional reagiert, liegt auf der Hand. Aber wie kommt man auf die Idee, diese Gefühle zu messen?

          Weil es auch in der Stadtplanung ständig um Emotionen geht. Wir leben in Zeiten der Bürgerbeteiligung – und wo Partizipation herrscht, werden ständig Gefühle geäußert. Oft sehr widersprüchliche. Denken Sie an ein x-beliebiges Bauvorhaben, ob im Kleinen an das Anlegen neuer Radfahrstreifen zu Lasten des motorisierten Individualverkehrs oder noch stärker bei Großprojekten wie der Elbphilharmonie. Da erhebt sich ein vielstimmiger Chor. Die einen finden und fühlen, die Sache verhalte sich so, die anderen fühlen ganz anders. Jenseits der sachlichen Argumente aber ist die Frage, ob sich Emotionen objektivieren lassen.

          Und, lassen sie sich?

          Genau daran arbeiten wir, das heißt ein interdisziplinäres Team, zu dem neben Stadtplanern auch Psychologen, Soziologen, Computerlinguistiker und Geoinformatiker gehören. Vor neun Jahren haben wir begonnen. Noch stecken wir in der Grundlagenforschung. Aber grundsätzlich: Ja, Emotionen lassen sich messen. Und was messbar ist, hat in der Argumentation meist ein anderes Gewicht.

          Wie und was messen Sie denn genau?

          Wir untersuchen, wie Menschen den Stadtraum emotional erleben – als Fußgänger und Radfahrer. Wo bewegen sie sich offenbar entspannt, wo steigt die Anspannung? Und was sind die auslösenden Faktoren? Dazu schicken wir unsere Probanden auf bestimmten Routen durch die Stadt, per Rad oder zu Fuß. Und zur Gruppe der Fußgänger können je nachdem auch Frauen mit Kinderwagen, Personen mit Handicap wie Rollstuhlfahrer gehören. Die Emotionen werden mittels eines Smartbands gemessen, das die Teilnehmer am Handgelenk tragen. Bei Stress steigt die Hautleitfähigkeit, und die Körpertemperatur sinkt, das wird mittels Sensorentechnik erfasst.

          Das ist alles?

          Nicht ganz. Zugleich nimmt eine am Fahrrad oder am Körper befestigte 360-Grad-Videokamera die Umgebung auf, die jeweilige Position der Probanden wird über GPS erfasst. Verknüpft man die körperbiologischen Resonanzdaten mit den Bildern und Standortdaten, kann man bestimmen, wann und wo die Teilnehmer gestresst reagiert haben. Durch die Kameraaufzeichnung können wir auch persönliche Gründe für Stress weitgehend ausschließen, etwa ein ärgerliches Telefonat oder eine unfreundliche Begegnung.

          Peter Zeile ist Forschungsleiter des Projekts „Urban Emotions“ am Institut Entwerfen von Stadt und Landschaft, Fachgebiet Stadtquartiersplanung des am Karlsruher Institut für Technologie-

          An welchen Stellen nervt die Stadt besonders?

          Radfahrer zum Beispiel sind stark gestresst, wenn sie auf einer Spur, auf der Autos, Busse, Lastwagen geradeaus fahren, links abbiegen. Unebene Wege verunsichern ebenfalls, aber auch niedrige Höhen bei Unterführungen. Zudem zeigen sie wie auch Fußgänger Emotionen, wenn der Verkehrsfluss stockt. Lange rote Ampelphasen nerven. Erzwungene Umwege etwa durch Baustellen ebenso.

          Und wie steht es mit den Angsträumen der Fußgänger?

          Das ist interessant. Dass Orte wie etwa weite Plätze oder Unterführungen bei den Passanten zu Stress führen, konnten wir nicht messen. Allerdings haben wir unsere Teilnehmer bisher auch nur tagsüber durch die Stadt geschickt. Nachts würde das Ergebnis vielleicht anders ausfallen.

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          Und welche Reaktionen lösen Gebäude aus?

          Das können wir bisher noch nicht messen, da hapert es noch an der Technik. In Gebäuden oder auch in Häuserschluchten funktioniert zwar die Datenübertragung gut, aber das GPS-Signal ist ungenau oder funktioniert gar nicht.

          Welchen Nutzen können Stadtplaner denn nun aus den gesammelten Informationen ziehen? Rote Ampeln und Baustellen lassen sich ja nicht vermeiden?

          Das stimmt. Aber zunächst einmal können Probleme im Stadtraum überhaupt sichtbar werden. Wenn wir messen, dass an einer bestimmten Stelle der Stresspegel grundsätzlich steigt, ist das kein individuelles, sondern ein kollektives Problem. Dann können Planer sich vor Ort ein Bild machen, analysieren, was das ungute Gefühl konkret auslöst, und Maßnahmen suchen, um das Problem zu lösen oder wenigstens die Situation zu verbessern.

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