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Schutzhütten in der Arktis : Ein Hort für Vogelschauer

  • -Aktualisiert am

Auch wer Vögel beobachtet, steht nicht gern im Regen: Amundsens Beobachtungshütten bieten Schutz vor der arktischen Witterung. Bild: Tormod Amundsen / Biotope

Passen Architektur und Naturschutz zusammen? Ja, glaubt Tormod Amundsen. Das Architekturbüro des Norwegers hat sich auf Vogel- und Umweltschutz spezialisiert. Auf der Insel Hornøya steht sein Prototyp.

          Bis hierhin und nicht weiter, scheint die Natur sagen zu wollen. Die Klippen sind schroff, der Wind scharf. Wellen klatschen gegen das Ufer. Das Ende der Welt – ein bisschen wirkt es so, dort, wo eine kleine, aus hellem Holz errichtete Hütte am Fuß eines mächtigen Felsens steht. Hunderte Vögel schnattern und krächzen durcheinander, starten, landen, tauchen rund um die Hütte nach Futter.

          Auf der Bank an der Vorderseite der Hütte sitzt Tormod Amundsen. Seine Augen suchen angestrengt den Felsen ab, während hinter ihm die Wellen der Barentssee ans Ufer rollen. Amundsen wartet auf einen kleinen Vogel. Mondlicht taucht die Hütte auf der Insel Hornøya – Norwegens ältestes Schutzgebiet für Seevögel mit mehr als 100.000 Tieren – in helles Licht. 100 verschiedene Vogelarten leben auf der Insel, elf davon nutzen sie auch zum Brüten.

          In der Hochsaison eine ohrenbetäubende Angelegenheit, wenn 15.000 Trottellummen-Paare in den Klippen ihre Nester bauen oder seltene Arten wie Schwarzkehldrossel und Stummellerche nach einem Partner suchen. Für Ornithologen und Birder, wie sich die Vogelbeobachter nennen, ein spektakuläres Schauspiel. Amundsen ist einer von ihnen. „Ich liebe es, draußen zu sein und die Vögel zu fotografieren“, sagt der 41-Jährige.

          „Damit einem die Vögel nicht auf den Kopf machen“

          Weil der flache Varangerfjord dank des warmen Golfstroms das ganze Jahr über eisfrei ist, überwintern viele arktische Vögel in der Region. Tausende Prachteiderenten, Eisenten und Scheckenten – Vogelarten, die sonst nur in Alaska oder Grönland zu finden sind – lassen sich dann um die Insel Hornøya nieder. Ein Paradies für Vogelbeobachter. Wie viele Stunden Amundsen schon zwischen Vogelhinterlassenschaften bei Sturm und Schneetreiben auf dem Boden gekauert hat, um Seeadler auf Nahrungssuche zu fotografieren oder Papageitaucher im Gerangel um die schönste Partnerin, kann er nicht sagen.

          70 Grad nördliche Breite und 31 Grad östliche Länge: Hornøya ist Norwegens östlichster Punkt auf der Landkarte. Auf dem gleichen Längengrad wie Istanbul, östlicher noch als Kairo und St. Petersburg. Gleichzeitig liegt die Insel vor dem 2100-Einwohner-Städtchen Vardø, das einst durch Fischfang groß wurde, so weit im Norden, dass die Region zur arktischen Klimazone zählt. Buntbemalte Häuser, wie Trutzburgen in die baumlose Tundra gezimmert, trotzen Kälte, Schnee und Wind. Denn 400 Kilometer nördlich des Polarkreises kann das Wetter schon mal garstig werden.

          Simpel, aber effektiv: Zum Meer hin ist die Holzkonstruktion mit zwei kleinen Fenstern niedrig und geschlossen, zum Vogelfelsen hin offen.

          Weil aber auch Birder nicht gern im Regen stehen, hat Amundsen, der eigentlich Architekt ist, einen Witterungsschutz entworfen. „Jeder hat gern ein Dach über dem Kopf, damit einem die Vögel nicht auf den Kopf machen“, sagt er, der 2009 aus Bergen gen Norden zog, der Vögel wegen. Die vollständig aus Holz errichtete Hütte auf Hornøya war sein Prototyp: auf Balken, die auf den unebenen Felsen montiert wurden, lagert die Bodenplatte, darauf steht die Konstruktion, die nach Osten und Westen halboffen ist. Simpel, aber effektiv sollte sie sein.

          Vorausgegangen sei eine gründliche Analyse: Sichtachsen, Windrichtungen, Sonne und Schatten, Tierwelt und Fundamenteigenschaften zählt Amundsen auf. Das Ergebnis ist eine trapezförmige Konstruktion, die einen geschützten Raum erzeugt. Zum Meer niedrig und geschlossen – zwei kleine Fenster lassen Licht ins Innere –, zum Vogelfelsen hin offen. Eine Tür gibt es nicht. Trotzdem soll die Hütte bei arktischem Wind, Regen oder Schnee genügend Schutz bieten. Ausgerüstet mit Schlafsack und Taschenlampe hat Amundsen mit seiner Tochter auch schon in der Hütte übernachtet.

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