https://www.faz.net/-ij5-87igy

Neue Häuser : In diesem Loft ist Rost erwünscht

Behält den Durchblick: Beim Kochen reißt das Gespräch nicht ab. Doch was in der Küche genau passiert, bleibt dem Gast verborgen. Bild: Daniel Pilar

Wo einst Hannovers Maschinenbauer malochten, sind Wohnungen entstanden - komfortabel und gut gedämmt. Bauherr Ulf Schröder wollte in seinem Loft den ruppigen Charme der Halle bewahren. Das war eine Herausforderung.

          Die Sache begann mit einer Zeichnung zu vorgerückter Stunde, rasch hingeworfen auf einer Serviette. Man saß zusammen am Küchentisch bei einem Glas Rotwein, und Ulf Schröder erzählte von diesem interessanten Bauvorhaben, das es da in Hannover-Linden geben solle. Loftwohnen in einem alten Industriedenkmal. Ein Entwickler wolle die einstige Werkshalle in 23 Einheiten für eine Baugemeinschaft aufteilen. Schröder hatte das verwaiste Gebäude schon gesehen: außen Klinker mit gigantischen Sprossenfensterfronten, innen ein riesiger Raum. Einzig die gewaltigen Stahlträger rasterten die Leere der mehr als hundert Jahre alten Halle.

          Birgit Ochs

          Verantwortliche Redakteurin für „Wohnen“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Gedanke, in diesem Umfeld zu leben, faszinierte den Arzt. Besonders die Idee, ein Loft im Erdgeschoss zu beziehen, hatte es ihm angetan. Mehr als sechs Meter sollten die Decken dort hoch sein. Was für Möglichkeiten sich da auftaten. Deshalb war er an diesem Abend mit den Unterlagen zum Projekt nach Gelsenkirchen zu einem befreundeten Architekten gefahren. „Was meinst du dazu?“, fragte er Mark Altgassen. Der begann zu zeichnen: einen tiefen, rechteckigen Raum, in dessen Mitte ein eingeschobener, zweigeschossiger Block zu erkennen ist. Ganz deutlich sieht man eine massive Trennwand, durch die ein Ausschnitt Einblick in das Innenleben des Blocks gewährt.

          Gut vier Jahre ist das jetzt her. Die Skizze gibt es noch heute. Kopiert und gedruckt ist sie Teil einer mehr als vierzig Seiten starke Mappe voller detaillierter Bauzeichnungen und Pläne zum Vorhaben. Altgassen hat sie mitgebracht, und nun liegt sie auf dem Küchentresen von Schröders Loft in Hannover. „Verrückt“, sagt der, „aber es ist doch alles ziemlich genau so gekommen, wie wir uns das damals gedacht haben.“

          Mehr als sechs Meter hohe Decken

          Dabei waren die Chancen zunächst nicht besonders hoch, dass sein Loft nach Altgassens Plänen gebaut würde. Die beiden hatten sich ein paar Jahre zuvor über ein anderes Bauvorhaben kennengelernt. Damals ging es um ein Ärztehaus. Sie wurden Freunde, und für Schröder war es keine Frage, mit wem er das Loft-Projekt am liebsten verwirklichen wollte. Doch hinter dem Umbau einer der alten Werkshallen der im ausgehenden 19. Jahrhundert gegründeten Hannoverschen Maschinenbau AG (Hanomag) stand mit Agsta Architekten und Ingenieure ein ortsansässiges Architekturbüro. Das war individuellen Bauherrenwünschen gegenüber prinzipiell aufgeschlossen. Was aber Schröder den Planern vorlegte, nachdem sein Freund Altgassen innerhalb weniger Tage den hingekritzelten Entwurf in deutlich detailliertere Pläne verwandelt hatte, war Agsta für eine eigene Ausführung zu aufwendig.

          Das Loft sollte so aussehen: In der Mitte des 18 Meter langen, mehr als 7 Meter breiten Raums bilden zwei Wandscheiben aus Sichtbeton einen Kern, der neben der Küche auch ein Gästebad und Wandschränke beherbergt und auf einer zweiten Ebene ein Schlaf-, zwei Arbeits- und ein Badezimmer. Diesen Kern kann man umrunden, an seinen Stirnseiten liegt Richtung Garten das Wohnzimmer, zur Straße hin der Essplatz. Wie schon im ersten Entwurf vorgesehen, hat die Trennwand zum Esstisch hin eine Öffnung, so dass das Gespräch nicht stockt, wenn Hausherr Ulf Schröder oder seine Frau Andrea Hauser in der Küche verschwinden, um das Essen vorzubereiten oder Nachschub zu holen. Die Kommunikation reißt nicht ab, doch was sich in der „Kochwerkstatt tut, sieht keiner“, wie Schröder es formuliert.

          Betonwände bilden Kern

          Der Projektentwickler schlug vor, dass Altgassen im Fall Schröder den Ausbau des Lofts übernehmen sollte. Das Büro aus Hannover kümmerte sich um die übrigen 22 Einheiten und um die Gebäudehülle, deren Vorderseite erhalten wurde, während die Rückseite zum Hof hin neu ist, außerdem um den Bau des Treppenhauses samt Wohnungstüren - all dies sollte einheitlich sein. Altgassen war einverstanden. Da er allerdings nicht ständig von Gelsenkirchen zur Baustelle nach Hannover reisen konnte, wurde ein Bauleiter engagiert.

          Wie erhält man etwas von der Atmosphäre der alten Hanomag-Halle? Das war die Frage, die ihn die ganze Zeit über umgetrieben habe, erzählt Altgassen. Denn eines war ihm von Anfang an klar: Durch Ausbau und Sanierung würde sich der Innenraum völlig verändern. Auf ein Baudenkmal kann man schließlich keine Außendämmung kleben. Doch in der alten Hülle sollten hochwertige Wohnungen entstehen, die den heutigen Standards und Ansprüchen an Energiebedarf und Wohnkomfort genügen. Dazu musste das rohe Mauerwerk hinter einer Innendämmung verschwinden und die Stahlträger in eine Verkleidung gepackt werden. Mit all diesen Aufwertungs- und Sicherheitsmaßnahmen aber würde der Innenraum sich radikal verwandeln. „Der rotzige Charme ist dann erst mal weg, aber genau den wollten wir hier wieder reinholen“, sagt Altgassen.

          Eine neue Mauer aus alten Ziegeln lehnte er ab. „Klar, das ist eine Möglichkeit, an die Vergangenheit anzuknüpfen, aber die Backsteinwände sind nun mal hinter der Dämmung verschwunden“, erläutert er, was ihm an dieser Idee nicht gefällt. Er entschied sich dafür, gerade für die markanten neuen Einbauten auf Materialien mit Industriecharakter zu setzen. Die Wahl für die beiden Trennwände fiel auf Sichtbeton und für die Treppe, die hinauf in die oberen Räume führt, auf mit Flugrost überzogenen Stahl.

          „Rotzigen Charme reinholen“

          Diese Einbauten sollten zur besonderen Herausforderung werden. Altgassen, der vor dem Architekturstudium das Tischlerhandwerk gelernt hat, legt Wert darauf, dass sämtliche Einbauten gemeinsam mit den Handwerkern entwickelt wurden. „Die Idee kam von uns, aber dafür, wie man etwas Neues umsetzt, braucht man den Austausch“, sagt er.

          Ulf Schröder ist ein anspruchsvoller Bauherr, das merkt man im Gespräch. Dem fünfzig Jahre alten Mediziner ist eine perfekte Ausführung wichtig. Weil er sich aber andererseits auch ein Loft wünschte, das nicht nur bauliche Standards bietet, waren seine Geduld und auch Fehlertoleranz gefordert. Zu den schwierigsten Aufgaben gehörten die beiden Wände aus Sichtbeton, die vor Ort an einem Stück gegossen werden sollten.

          Bei einer Raumhöhe von mehr als sechs Metern ist das ein ziemlich waghalsiges Unterfangen. Allein die Gerätschaften in die Halle zu bringen, um die Masse von oben durch eine Decke in die Schalung füllen zu können, war keine leichte Aufgabe. Einmal drohte die Schalung sogar unter dem Druck des einfließenden Baustoffs zu platzen. Immerhin 12 Tonnen wiegt eine einzelne Scheibe. „Das war ein ganz schöner Ritt“, erinnert sich Altgassen. Allein beim Gedanken kehrt etwas von der damaligen Anspannung zurück.

          Tatsächlich mussten die Arbeiter eine Wand zweimal gießen, weil das Ergebnis zu schlecht war. Kopfzerbrechen bereitete Planer und Bauherren auch die Idee mit dem Durchguck zwischen Küche und Essplatz. Wie soll man eine so große Aussparung hinbekommen? Am Ende blieb nur die Möglichkeit, erst zu gießen und dann zu sägen.

          Viel Getüftel

          Auch der Bau der Treppe hatte es in sich. Die erste Idee sah noch vor, die Stahlstufen über die Betonwand laufen zu lassen. Doch das war Altgassen zu heikel, weil er einen starken Trittschall befürchtete. Er stellte sich als Kontrast zur massigen Betonwand und der ruppigen Anmutung des Stahls eine leichter wirkende Konstruktion vor. Zunächst mit Papier begann er, am Modell eines Falttragwerks zu basteln. Seine Idee: Die einzelnen Stufen aus dünnem Stahlblech sollten so geschnitten und gekantet werden, dass sie allein durch ihre Formgebung tragen. Der Planer ließ eine Musterstufe anfertigen, die dann gemeinsam mit einem Schlosser optimiert wurde. Obwohl aus schwerem Material, hat die Treppe etwas Schwebendes. Ihre Stufen sind breit genug, um sich darauf niederzulassen und von dort ins Wohnzimmer zu blicken.

          Noch an einer anderen Stelle des Lofts hat Stahl einen besonderen, unerwarteten Auftritt. Im Gästebad im Erdgeschoss hat Altgassen das Waschbecken auf ungewöhnliche Weise in Szene gesetzt: Vor der Wand sitzt - 60 Zentimeter breit und 2,20 Meter hoch - eine Platte aus Cortenstahl. Diese wurde so aufgeschlitzt, dass sich das rostbraune Blech nach oben und nach unten biegen ließ. So entstand eine Halteplattform, auf der das Waschbecken sitzt. Anders als sonst üblich, liegen Siphon und die Wasserleitungen samt Absperrhähnen frei - und holen ausgerechnet an diesem Ort etwas vom ehemaligen Werkstattcharakter des Gebäudes zurück. Fünf Gewerke waren an der Inszenierung dieses robusten Waschtischs beteiligt: Trockenbauer, Elektriker, Sanitärfachmann, Tischler und Schlosser. Als besondere Zutat hat sich Ulf Schröder eine das Stahlblech rahmende Lampe gewünscht, die LED-Licht in wechselnden Farben in den Raum wirft. Gästebad und WCs sind für gewöhnlich eher in der Planung vernachlässigte Räume. Im Loft von Andrea Hauser und Ulf Schröder jedoch überrascht dieser Raum.

          Seit zwei Jahren wohnen die beiden mittlerweile in der alten Hanomag-Halle. Von der Skizze auf der Papierserviette bis zum Einzug gingen mehr als zwei Jahre ins Land. Denn auch wenn der Entwurf rasch stand, die vielen Details brauchten Zeit. Anstrengend war es, aber auch schön, sagt Ulf Schröder, und dass er noch mal bauen würde. „Wenn sich wieder etwas Spannendes ergibt.“

          Das Haus kurz und knapp

          • Baujahr 1917/2013
          • Bauweise Industriedenkmal „Eisenskelettbau“ und Mauerwerk
          • Wohnfläche 200 Quadratmeter
          • Baukosten 300.000 Euro
          • Standort Hannover

          Weitere Themen

          Macht das Influencer-Dasein krank? Video-Seite öffnen

          Von wegen Traumberuf : Macht das Influencer-Dasein krank?

          Die Konkurrenz ist extrem, der Fankontakt eng, die Abhängigkeit hoch. Dazu ändert sich laufend der Algorithmus – ohne Ansage oder Erklärung. Das führt bei vielen Stars der Social-Media-Szene zu Extra-Stress.

          Topmeldungen

          Die Rücknahme von IS-Kämpfern : Zurück zum Rechtsstaat

          Im Umgang mit IS-Kämpfern kann Deutschland ein Zeichen setzen. Nicht als Vaterland von Verrätern, sondern als Verfechter der Werte der freien Welt. Dazu zählt die Unschuldsvermutung – aber auch, dass jede Tat verfolgt und angemessen bestraft werden muss. Ein Kommentar.

          Framing-Manual der ARD : Es ist Irrsinn, aber es hat System

          Wer keinen Rundfunkbeitrag zahlt, ist „demokratiefern“, „wortbrüchig oder auch illoyal“ und missachtet den „allgemeinen Willen des Volkes“: Warum die ARD jetzt semantische Gehirnwäsche übt.

          Russland und Europa : Pipeline-Grüße aus München

          Nach ihrem Auftritt auf der Sicherheitskonferenz feiert die russische Staatspresse Angela Merkel. Sie widersetze sich „illegalen“ Versuchen der Amerikaner, das Gaspipelineprojekt Nord Stream 2 noch zu verhindern, heißt es in Moskau.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.