https://www.faz.net/-ij5-8d9uu

Neue Häuser : Eine Familiensache

Das Dach als Terrasse: Nach dem Umbau haben die Bewohner des ersten Stocks direkten Zugang zum Garten Bild: Stefan Finger

Vor mehr als 140 Jahren baute der Urgroßvater bei Bochum ein Haus. Nun haben es die Enkelin und ihr Mann saniert - mit Rücksicht auf die ältere Generation.

          5 Min.

          Einfamilienhäuser sind Familiensache. Darauf weist schon ihr Name hin. Der Mensch baut für sich und die Seinen ein Haus, bewohnt es so lange wie möglich und vermacht es dann eines schönen Tages seinen Kindern. Von denen allerdings leben die wenigsten als Erwachsene noch im Elternhaus. Oft hat es sie in eine andere Stadt verschlagen, oder sie haben längst selbst gebaut. Vielleicht auch beides. Ein Haus, das seit mehr als 140 Jahren von den Mitgliedern einer Familie bewohnt wird, ist eher die Ausnahme; erst recht eines, in dem die Großmutter mit der Enkeltochter, deren Mann und der Urenkelin unter einem Dach lebt.

          Birgit Ochs
          (bir.), Wirtschaft, Wohnen

          Es ist eine ziemliche Herausforderung, ein solches Haus im laufenden Betrieb zu sanieren und so umzubauen, dass es sowohl zeitgemäßem Wohnkomfort als auch dem Geschmack der jungen Generation entspricht, gleichzeitig aber seinen Charakter bewahrt, und der 93 Jahre alten Großmutter nicht plötzlich fremd wird. Wie das gelingen kann, hat ein junges Architektenehepaar aus Bochum gezeigt. Schon seit Studententagen leben Martina und Ole Wetterich in dem mittlerweile 142 Jahre alten Haus. Der Urgroßvater der jungen Frau hatte das Fachwerkhaus ins Brachland der Gemeinde Harpen gebaut, die damals noch eigenständig war. Dort steht es an einem steilen Hang, leicht weggedreht von der Straße. Damals stand der bescheidene Bau noch allein, ein Pionier, an dessen Ausrichtung sich all die größeren und kleineren Häuser zu orientieren scheinen, die im Laufe des Jahrhunderts folgten.

          Seit Generationen in Familienbesitz

          Das Haus mit seinen zwei Etagen und dem Dachgeschoss war nicht sonderlich groß, hatte im Rücken aber weitläufigen Landbesitz. Dessen größten Teil kaufte später die wachsende Stadt. Der Großvater schließlich zwackte gleich neben seinem Haus ein Grundstück ab für den Sohn, Martina Wetterichs Vater; später noch eine Parzelle für die Tochter. Heute misst der Garten immer noch gut 1000 Quadratmeter. „Da stecken eigentlich noch zwei Bauplätze drin“, sagt Ole Wetterich, schiebt aber gleich nach, dass es dann aber vorbei wäre mit dem Freiraum, den seine Frau schon als Kind erobert hat: Gemeinsam mit ihren Geschwistern, den Cousinen und Nachbarskindern sind sie damals durch die Gärten getollt, hin und her, zwischen Elternhaus, der Tante und der Großmutter, zu den Nachbarn, vorbei am Taubenschlag des Großvaters, der schon lange verwaist ist, unter den Obstbäumen durch.

          Inkonsequent oder aufrichtig? Die Fenster zeigen, hier leben unterschiedliche Generationen. Bilderstrecke
          Neue Häuser : Eine Familiensache

          Bevor sie das Haus übernahmen, bewohnte das junge Paar das Dachgeschoss und den kleineren Teil der ersten Etage. Der größere war als eigenständige Wohnung vermietet. Die Großmutter lebte im Erdgeschoss. Dort war der Wohnraum irgendwann zum Garten hin um den einstigen Ziegenstall erweitert worden - eine von mehreren Umbaumaßnahmen, die die Bewohner im Laufe der Zeit ergriffen hatten. „Jede Generation hat das Haus ihren Bedürfnissen angepasst“, sagt Ole Wetterich. Nach dem Zweiten Weltkrieg bot es zeitweise achtzehn Menschen ein Dach über dem Kopf. Mitte der sechziger Jahre baute Martina Wetterichs Großvater das Haus dann in drei getrennte Wohneinheiten um. Seit dieser Zeit ist es nicht mehr nennenswert modernisiert worden.

          Im Flur, gleich hinter dem Eingang, hängen heute Fotografien, die das Gebäude in der Mitte des vergangenen Jahrhunderts zeigen. „Als wir mit der Sanierung anfingen, sah es im Grunde so aus, wie auf den Fotos von damals“, erzählt das junge Ehepaar.

          Umfangreiche Sanierung

          Die Familie hatte entschieden, dass Martina Wetterich Haus und Grund erben solle. Auf diese Weise konnte das kleine Anwesen in Familienbesitz bleiben. Eine Rolle spielte auch, dass man es dem jungen Architektenpaar - Martina Wetterich ist außerdem Schreinerin - zutraute, das Gebäude in Schuss zu bringen und zu erhalten. Die beiden entschieden sich, im Zuge der Sanierung Dach und Fassade in Angriff zu nehmen. Im Innern beschränkten sie sich fast ausschließlich auf den ersten Stock und das Dach. Die Wohnung der Großmutter sollte weitgehend belassen werden, wie sie war. „Ein Umbau mit lauter Neuerung wäre für sie zu viel gewesen“, sagt die Enkeltochter.

          Ziel ihrer Sanierung war es, den kleinen, teilweise verwinkelten Räumen einen klareren Zuschnitt und mehr Quadratmeter zu geben. Außerdem sollte mehr Tageslicht als bisher die Räume erhellen. Zudem wollte das Bauherrenpaar den Charakter des Hauses als Fachwerkbau wieder stärker zur Geltung bringen.

          Anders als in solchen Fällen oft üblich, wurde das Fachwerk jedoch nicht nach außen hin freigelegt, sondern nur im Innern. Das hat mehrere Gründe: Zum einen sei das Haus immer schon verputzt gewesen, erzählt Ole Wetterich. Zum anderen hätten sie dann eine Innendämmung wählen müssen. Das hätte den Wohnraum weiter verkleinert. Innen haben Wetterichs in ihren Räumen die alten Holzbalken wieder sichtbar gemacht. Wenn die Räume erleuchtet sind, kann man die hölzernen Stützen auch von der Straße aus sehen. „Viele Passanten wundern sich, und manche fragen, ob wir die extra eingebaut hätten“, erzählen die Bewohner.

          Es war viel Arbeit, die Balken abzuschleifen. Das Ehepaar hat sie wie viele andere Sanierungsaufgaben auch selbst übernommen. Mehr als 3000 Stunden haben die beiden am Umbau ihres Hauses gearbeitet. Insgesamt dreieinhalb Jahre währte die Bauzeit. Für die Wände wählten sie jenes Material, mit dem die Räume schon zuvor verputzt gewesen waren: Lehm. „Wir wollten so weit wie möglich im System bleiben“, sagt der 36 Jahre alte Familienvater, der seit kurzem unter dem Namen „Typ A Architektenteam“ ein eigenes Büro betreibt.

          Mehr als 3000 Stunden Eigenleistung

          Über die steile historische Stiege steigt man hinauf in die Wohnung der jungen Familie. Dort verteilen sich die Räume nach dem Umbau wie folgt: Die erste Etage wird von zwei größeren Räumen geprägt, die zu beiden Seiten des Flurs liegen. Er durchzieht das Stockwerk und führt zur nächsten Treppe, über die man in die Dachräume gelangt. Der eine, etwa an die 30 Quadratmeter groß, ist Wohn-, Kamin- und Lesezimmer. Der andere vereint Küche und Esszimmer und grenzt direkt an die große Terrasse im Garten an. Der direkte Zugang war den neuen Hausherren wichtig. Vor dem Umbau mussten die Bewohner stets erst nach unten, zur Haustür hinaus und dann ums Haus herum und den Hang hinauf, wenn sie in den Garten wollten.

          Das Dach des einstigen Ziegenstalls bot den perfekten Übergang zwischen Haus und Garten. Das Satteldach kam weg. Dafür erhielt der Anbau eine Carportkonstruktion, deren Dach nun nicht nur die darunterliegenden Räume schützt, sondern zugleich Platz für die Terrasse bietet.

          Die Terrassentür zählt zu den neuen Öffnungen, die zusätzlich Licht in den Raum bringen. Die alten Fenster waren mit Maßen von 1,40 mal 1,20 Metern klein. Entsprechend düster hätten die Räume gewirkt, erzählen die Bewohner. Daher entschieden sie sich, das eine und das andere Fenster zu verlegen beziehungsweise zu vergrößern. Um tiefe Fensterbänke zu gewinnen, sitzen die Fenster bündig in der Fassade. Wetterichs entschieden sich für Fenster des dänischen Herstellers Velfac, die sich nach außen öffnen lassen - nicht nur weil sie den skandinavischen Stil lieben, sondern auch weil diese Variante platzsparend ist. Das geöffnete Fenster ragt dann nicht in den Raum hinein.

          Terrasse dank Carportkonstruktion

          Die neuen Fenster mit ihren anthrazitfarbenen Rahmen springen ins Auge, geben sie dem Haus doch eine völlig andere Ausstrahlung als die hellen Holzrahmenfenster im Erdgeschoss. Wetterichs wissen, dass das ein ziemlicher Bruch ist. „Aber Oma wollten wir nicht mit einem ganz neuen Fenstersystem kommen“, begründet die Enkelin die inkonsequente Fassadengestaltung. So allerdings sieht man dem Haus auch von außen an, dass es im Innern nur in den beiden oberen Etagen saniert und umgebaut wurde und von zwei sehr unterschiedlichen Parteien bewohnt wird. Und das ist dann doch auf sympathische Art pragmatisch.

          Wenn Wetterichs an die lange und anstrengende Bauzeit denken, wundern sie sich heute noch, wie gut die alte Dame den Dreck und Lärm verkraftet hat. Während der Bauzeit krachte einmal an einer Stelle die Decke zum Erdgeschoss durch. Ein anderes Mal gab es einen Wasserrohrbruch. Wie ihre hochbetagte Großmutter da so klaglos wie entschlossen die Gummistiefel angezogen und Wasser zu schippen begonnen habe, habe sie sehr beeindruckt, erzählt Martina Wetterich.

          Herausforderung für alle

          Auch sie selbst haben die Zähne zusammengebissen. Nachdem die erste Etage halbwegs fertig war und es an den Ausbau des Dachgeschosses und Bads ging, lebten sie eine ganze Weile mit einem Küchen-Bad-Provisorium. Seit Sommer 2014 allerdings ist das Haus so weit erst einmal fertig. Unterm Dach sind neben dem Bad das Elternschlafzimmer und das Kinderzimmer für die kleine Tochter entstanden. Außerdem gibt es ein Arbeitszimmer, das Ole Wetterich für sein Architekturbüro nutzt.

          Besonders markant ist die Gaube des Dachgeschosses. Zwar gab es die Erweiterung schon zuvor, doch war diese kleiner. Außerdem fehlte ihr das schlanke, durchgängige Fensterband. Zur Straße hin fällt das Haus mit dem hellgrauen Putz nicht nur der neuen Fensteröffnungen und der in der Sonne rötlich schimmernden Cortenstahlwand wegen auf, die den Treppenaufgang ein wenig abschirmt. Immer wieder werden die Bewohner auf die Fuge im Putz angesprochen, die den Übergang zwischen Kellergeschoss aus Naturstein und dem Wohnhaus in Fachwerkbauweise markiert. „Das Haus fällt auf, aber es regt nicht auf“, sagt Ole Wetterich und nimmt das als gutes Zeichen.

          Fit für die vierte Generation der Familie sollte der Bau werden. Das ist gelungen. Das älteste Haus im Viertel macht derzeit jedenfalls den frischsten Eindruck.

          Bauherren vor

          Für unsere Serie Neue Häuser suchen wir wieder Kandidaten. Bis zum 2. Mai können Sie sich bewerben. Nähere Informationen finden Sie hier.

          Weitere Themen

          Die Schwestern

          FAZ Plus Artikel: Elsass : Die Schwestern

          Straßburg oder Colmar? Beide Städte sind dank makellos erhaltener Altstädte Nabelpunkte des elsässischen Tourismus. Einander würdigen sie mit herzlich gepflegter Nichtbeachtung. Doch jetzt beginnt ein Wettkampf städtebaulicher Großprojekte und innovativer Verkehrskonzepte.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.